28.01.2021

"Ein funktionierender Tourismus ist nicht nur das Anliegen von ein paar Hoteliers"

Sacher-Geschäftsführer Matthias Winkler im Gespräch über den Krisenmodus, die Frage der Mitarbeiter und Lob für die Hilfsmaßnahmen der Regierung.

stammgast.online: Herr Winkler, wirtschaftliche Ziele sind in der aktuellen Situation obsolet. Hat die Krise eine Änderung der Positionierung, der Marke Sacher zur Folge?
Matthias Winkler: Eine Positionierung von Sacher ist, dass wir in guten wie in schlechten Zeiten zu Wien und auch zu Salzburg gehören. In der Geschichte von Sacher sind alle Höhenflüge und alle Täler der Tränen ja nachzulesen. Sacher war der große Treffpunkt von Kunst, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft, aber Sacher war ebenso schon pleite. Sacher hat sich in der Vergangenheit jedoch immer als krisenfest bewiesen. Wenn man zurückblickt und nachforscht warum, dann waren es letztlich die Persönlichkeiten, die hier gearbeitet haben und die für das Haus verantwortlich waren. Persönlichkeiten wie Anna Sacher oder meine Schwiegermutter, die das Hotel nicht als Nummer -1-Haus übernommen hat, sondern es erst dazu gemacht hat. Und dann der rechtzeitige Übergang zur nächsten Generation. Sacher hat viel richtiggemacht.

Die Segel zu streichen kommt also nicht infrage?
Man könnte jetzt in Trauer, Sorge, Angst und Depression erstarren oder versuchen gegen Corona zu kämpfen. Nichts davon wird zu einem besseren Ergebnis für das Unternehmen, die Mitarbeiter und die Gäste führen. Wie immer in der Geschichte konzentrieren wir uns darauf, was wir daraus lernen und daraus machen können. Wir haben schon zu Beginn der Krise die Zeitrechnung auf null gestellt. Was vorher war, mag uns ein bisschen Sicherheit geben, aber die Chancen liegen in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit. Das ist der erste wichtige, jedoch schmerzhafte Schritt, weil man sich nicht mehr nur auf das verlassen kann, was einen immer – scheinbar – stark gemacht hat.

Um zur vorherigen Frage zurückzukommen: Die Positionierung ist keine andere, sondern wir schreiben unsere Geschichte fort. Der Traditionsbetrieb ist eigentlich ziemlich innovativ, weil sonst könnte er nicht auf Dauer überleben. Corona macht es nicht leichter, spitzt zu, beschleunigt, Gutes wie Schlechtes. Jetzt sind umso mehr Führungsqualität und menschliche Qualitäten gefragt, um daraus etwas Gutes und Richtiges zu machen.

Wie werden Sie diese guten Mitarbeiter in Zukunft gewinnen? Es wird zwar mehr Arbeitssuchende geben, gleichzeitig werden viele gut Ausgebildete im Tourismusbereich in andere Branchen abwandern.
Das ist unsere größte Herausforderung, ohne Zweifel. Unser Tun hat eine große Überschrift und die lautet Wertschätzung. Da hat die Branche nicht immer und in jedem Betrieb als Vorzeigemodell funktioniert, aber das Thema Wertschätzung ist eine der zentralen Antworten darauf, wie ich die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekomme. Daran anschließend die Entfaltungsmöglichkeiten jedes Einzelnen. Um das Richtige zu tun, brauchen sie immer ein Team, das ist klarer denn je. In diesem Team brauchen sie menschlich und fachlich höchstgeeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch dort ist kein Platz mehr für Mittelmaß. 

Fad wird im Sacher also niemanden, auch in dieser Phase nicht?
Mit Sicherheit nicht. Wenn Sie durchfragen, habt ihr durchgeschnauft, wird jeder sagen nein, wir sind immer noch atemlos. Nicht in Bewegung zu sein ist für mich persönlich und für jedes Unternehmen nicht gut. Wir arbeiten gerade an einer Mitarbeitercharta unter dem Titel „Unsere Arbeit macht Spaß und Sinn“. Beides ist wichtig. Nicht alles wird immer Freude machen und nicht alles wird immer auf den ersten Blick Sinn ergeben, aber wir reden über die Grundstruktur. In der Charta legen wir fest, gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, was geben wir und was bekommen wir dafür. Das geht weit darüber hinaus von ich gebe acht Stunden und bekomme den Kollektivvertrag. Das funktioniert inzwischen nirgendwo. Wir geben darüber hinaus das Versprechen, dass die Gehälter pünktlich ausbezahlt werden, jede Überstunde wird aufgeschrieben und bezahlt, das Anrecht auf Bildung und Ausbildung, das Recht auf Mitarbeitergespräche und noch viel mehr. 

Sie mussten im September einige Mitarbeiter kündigen …
Wir sind ein großes Unternehmen. Wir hatten vor Corona 800, jetzt sind wir bei zirka 500 Mitarbeitern. Wir sind eine große Struktur, da brauchten wir in der Krise auch eine strukturelle systemische Antwort. Die Antwort auf, wie kriegst du die besten Mitarbeiter: Du musst glaubhaft wertschätzend agieren, das Geben und Nehmen muss klar definiert und fair sein und du musst Erfolg haben, denn Erfolg macht attraktiv. Eine zentrale Frage haben wir noch nicht gelöst, nämlich wie tun wir mit der Kinderbetreuung? Da kämpfen wir noch um eine Lösung, vor allem eine räumliche. Bis dorthin wollen wir arbeitenden Eltern, Müttern und Vätern mit angepassten Dienstzeiten entgegenkommen.

Die Regierung hat einige Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft gesetzt, einiges hilft, die Deckelung ist für große Betriebe allerdings ein Problem. Wie stehen Sie zu den Hilfen? 
Dazu eine dreiteilige Antwort. Die Krise hätte uns eigentlich nicht überraschen dürfen, da wir Anfang des Jahres schon in Asien beobachten konnten, was da passiert. Im internationalen Vergleich, was haben andere Regierungen gemacht, sind wir in Österreich in einer privilegierten Situation. Die Politik hat sich aktiv für die Bewältigung der Krise eingesetzt. In diesem Lichte muss man sämtliche staatliche Förderungen sehen. Ich weiß, für einzelne ist es durchaus schwierig, aber im Großen und Ganzen hat es bei uns herausragend positiv funktioniert. 

Zweitens, ist es ausreichend? Es wird mit Steuergeld agiert: Als Branche wünsche ich mir immer mehr, für den steuerzahlenden Bürger muss es in einem Verhältnis stehen. Ich glaube, das tut es. Der Tourismus macht zirka 15 Prozent unseres BIP aus und viele andere Branchen sind daran geknüpft. Ein funktionierender Tourismus ist nicht nur das Anliegen von ein paar Hoteliers, sondern es ist volkswirtschaftlich relevant. 

Drittens, hilft es den Unternehmen? Je kleiner der Betrieb, desto mehr hilft es. Durch die Deckelung des Umsatzersatzes mit 800.000 Euro erreichen wir im Sacher Wien nicht die versprochenen 80 Prozent, sondern nicht einmal ein Viertel. Aber bin ich unzufrieden damit? Nein, auf gar keinen Fall. In Summe ist es der richtige Gedanke und es geht in die richtige Richtung. Ja, es hilft den Kleinen deutlich mehr, gleichzeitig tun sich die Großen im Normalfall leichter, eine so schwere Krise länger auszuhalten. Wir werden 2020 und 2021 Verluste bilanzieren, das halten wir aus. Ich gehe davon aus, dass wir 2023 wieder – kleine – Gewinne haben werden.

Der gesamte Tourismus ist sehr divers, nicht zuletzt die Hotellerie selbst. Sie sind Teil der Taskforce Stadthotellerie in der WKÖ, wie lautet dort die Meinung?
Diese eine Meinung gibt es nicht, weil diesen einen Tourismus gibt es auch nicht. Es hat jeder ein anderes Problem, jeder eine andere Betroffenheit. Der große Tenor aber ist, dass mit dem Umsatzersatz im November und teilweise im Dezember ein brenzliges Feuer gut in Griff bekommen worden ist. Es hat kein Problem gelöst, aber es hat uns gut Zeit gekauft bei der Problemlösung. Die Herausforderung jetzt lautet, ob wir mit einer Teststrategie und später einer Impfstrategie wieder Vertrauen und damit wieder Bewegung in die Reisenden bekommen. Auf Dauer kann und soll der Staat nicht Umsatz ersetzen. Wir denken aber auch schon vorwärts: wenn wir gut testen und gut impfen kann das für Österreich sogar ein Standortvorteil sein.

Wie groß ist die Frage in der Hotellerie nach der Preisgestaltung in den kommenden Monaten? Muss man nach unten justieren?
Es sagen alle, dass sie das nicht tun, viele machen’s dennoch. Sehr zum Ärger von jenen, die es nicht tun. Wir versuchen, den Preis zu halten und bieten für den Preis auch ein großartiges Erlebnis. Den Preis nach unten justieren dauert sechs Minuten, den Preis hinauf zu bringen sechs Jahre. Mit einem günstigen Preis können sie schnell eine hohe occupancy schaffen, aber es ist keine Strategie – für uns jedenfalls nicht.

Wenn der Marktdruck steigt, werden Sie trotzdem Ihre Strategie konsequent beibehalten?
Das ist eisern. Wir diskutieren über Vieles, aber darüber nicht (lacht).

Die Welt ist noch zugesperrt, deshalb ebenfalls Spekulation: Glauben Sie, dass die Quellmärkte sich für Sie ändern werden?
Ihre Frage ist schon die Antwort. Wir wissen es nicht, derzeit sehen wir diese Entwicklung und darauf reagieren wir natürlich sofort.

Danke für das Gespräch.


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