01.01.2021

Ein gutes, neues Jahr? Ja, bitte!

Das schlimmste Jahr des Tourismus ging zu Ende. Erholung ist in Sicht, aber niemand kann sagen, wie schnell das passiert. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Wissen Sie, was mich an 2020 am meisten ärgerte? Diese überbordende Benutzung von sogenannten „Verharmlosungs-Vokabeln“. Wenn von einem „herausfordernden“ Jahr die Rede ist, dann stellen sich mir meine allerletzten Haare auf. In unzähligen Glückwünschen, Nachrufen auf das alte und vorauseilenden Hoffnungen auf das neue Jahr, ist von einen Jahr mit „enormen Herausforderungen“ die Rede.

Wie das Jahr 2020 und die Auswirkungen des Corona-Virus einzuordnen sind, hat der britische Philosoph Alain de Botton ganz gut auf den Punkt gebracht: „Wenn Ihnen jemand gesagt hätte, im Jänner 2020 wird die schlimmste wirtschaftliche Krise seit 200 Jahren auf uns zukommen, weil jemand eine infizierte Fledermaus in China gegessen hat, und es wird für manche wie das Ende der Zivilisation aussehen, hätten die meisten wahrscheinlich aufgeschrien.“ Botton hat das bereits im Mai gesagt und genau so ist es gekommen.

Der Verstand spielt uns einen Streich

Woher kommt diese latente Tendenz zur Verharmlosung? Die Wissenschaft meint dazu: „Sorgen und Ängste sind der verzweifelte Versuch unseres Verstandes, Kontrolle über das Unbekannte, Unkontrollierbare zu erzielen.“ Das Drama des vergangenen Jahres liegt darin, dass es nichts gibt, worüber man hätte die Kontrolle bekommen können. Eine zweite Welle wurde präzis vorausgesagt, dass sie aber sieben Mal so stark ausfällt, hat kein einziger Virologe geahnt. Es scheint somit in der Natur des Menschen zu liegen, Dinge zu beschönigen, weil wir nicht den Mut besitzen, der Realität in die Augen zu schauen. Ein gewisses Maß an Realismus sollten wir aber schnell lernen. Denn es wird noch lange dauern, bis wir wieder zu einer Normalität zurückkehren, wie wir sie kennen.

Der Tourismus wird sich dauerhaft ändern

Die Vorboten der neuen Urlaubsrealität befinden sich bereits im Probestadium. Freizeitvergnügen wird es bald nur noch gegen Voranmeldung geben. Digitale Buchungskanäle gewinnen endgültig die Oberhand und gehen auf Kosten der Spontanität und der Spaßgesellschaft. Es wird zu Lenkungseffekten, zu dirigistisch zugeordneten Besucherströmen kommen. Ist ein Skigebiet voll, werden die Schranken des nächsten geöffnet. Werden Handydaten von zu vielen Touristen auf ein und demselben Wanderweg erkannt, leiten die Beschränkungs-Apps die Erholungssuchenden auf andere Routen um. Das muss keineswegs falsch sein. Entzerrung und das Verhindern von Massenaufläufen ist das Ziel dahinter. Hüttenwirte erlangen wieder die Hoheit über ihre Lokale und im besten Fall werden die Stauberater auf der Inntal- und Tauernautobahn arbeitslos.

Es gibt aber auch Positives: Wir hören ja oft in unserem Alltag, nein, das ist nicht möglich, nein, das muss so gemacht werden. Plötzlich ist es aber doch möglich, den Lernbetrieb an Schulen zu ändern, die Mannschaft einer Großküche auf zwei Teams aufzuteilen, Strukturen in Krankenhäusern können schnell einer neuen Lage angepasst werden. Was früher Jahrzehnte gedauert hätte, ist nun im Laufe eines Nachmittags möglich. Auch in diesem Feld wird (muss) sich einiges ändern.

Und weil wir in einem neuen Jahr stehen, erlaube ich mir, Ihnen – geschätzte Leserinnen und Leser – noch einen Philosophen ans Herz zu legen: Michel de Montaigne hat gesagt, „Zweifel sind ein gutes Kissen für einen ausgeglichenen Kopf.“ Das ist es, was wir tun sollten: Auf einem Kissen der Zweifel schlafen, um uns vorbereiteter der Realität zu stellen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes, neues Jahr.

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