16.03.2021

Ein potschertes Jahr

Ostern, wahrscheinlich der Mai - oder doch erst der Sommer? Der Lockdown-Marathon lässt uns über die Strecke hecheln und das Ziel scheint weiter entfernt denn je. Jetzt braucht es den Glauben an den Irrtum. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Der Irrtum ist dem Menschen ein Leben lang ein treuer Begleiter, zum Glück ist er manchmal mehr komisch als tragisch. Haben Sie etwa gewusst, dass das Buch „Dracula“ bereits 1901 ins Isländische übersetzt worden war – allerdings das falsche? Über 100 Jahre lang bemerkte niemand, dass der Autor im Wesentlichen eine Fanversion der Geschichte verfasst hatte, anstatt eine direkte Übersetzung. Sie enthält andere Charaktere, Graf Dracula bekam neue Kräfte und vor allem bietet sie mehr Erotik. 

Apropos. „Ich will nicht nackt schlafen!“, meinte jüngst mein Jüngster am Mittagstisch sitzend und etwas verdattert. „Klar Jakob, du hast eh immer deinen Pyjama an. Warum sagst du das?“, fragte ich. Das schaltet sich die ältere, mit ihren acht Jahren schon sehr lebenserfahrene Schwester ins Gespräch mit ein: „Wenn Mann und Frau nackt nebeneinanderliegen, kommen dann die Babys. Die wachsen dann aus Samen, oder so. Papa, wie geht das genau?“ Kinder sind halt neugierig, das ist gut so, meinte grinsend meine Frau zu mir. „Tja, ähm, das besprechen wir später, wenn ihr etwas älter seid.“

Gut, das ist nun weniger ein Irrtum, als kindliche Naivität. Mit einer solchen sind wir vor einem Jahr in den ersten Lockdown gegangen. Das Wohnzimmer verwandelte sich langsam zum Büro, der eigene Garten wuchs zur Urlaubsinsel, die Küche glänzte als Gourmetlokal. Klar gab es Sorgen um die Gesundheit, aber es war auch ein Abenteuer. Schließlich glaubte man, mit ein paar Wochen Zusammenreißen sei das Gröbste überstanden. Die vergangenen Monate haben uns allerdings gezeigt, was wir alles nicht wissen. Zunächst, wie viel Tonnen Klopapier ein normaler Haushalt monatlich im Durchschnitt verbraucht. Mittlerweile, ob uns die Impfung wegen Thrombosen mit 40 in die Windeln prackt – oder die Panik vor möglichen Impfschäden nicht noch viel gefährlicher ist. Ich tendiere zu letzterem.  

Rückblickend betrachtet war es ein potschertes Jahr – eines mit doppeltem „sch“ und lautem „h“. Die großen und kleinen Fehler von Regierung und Beamten füllen seitenweise und permanent die Medien. Den fehlenden Anstand zum Abstand einiger Mitmenschen können wir in live – dazu braucht es keine Videokonferenz – regelmäßig miterleben. 

Die Aussicht Ostern oder gar Ende März für weitere Öffnungsschritte ist schon verblasen. Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ am Dienstag in einem Online-Talk mit Mitgliedern der Hoteliervereinigung durchklingen, dass es weiterhin bitte warten heißt. Voraussetzungen für wieder mehr Freiheit seien etwa die Durchimpfung der Über-65-Jährigen (bis hoffentlich Ende April), um Intensivstationen zu entlasten. Der Grüne Pass, am besten auf EU-Ebene. Die Frage des Grenzverkehrs mit dem wichtigsten Markt Deutschland muss zumindest für die Sommersaison geklärt sein. Generell darf es zu keinem dramatischen Anstieg der Infektionszahlen mehr kommen. Die Menge an Freiheit für die Betriebe muss so groß sein, dass sich ein Aufsperren wirtschaftlich auszahlt. All das Gesagte deutet darauf hin, dass wir uns auf Erleichterungen ab Mai einstellen können – für Teilbereiche, etwa die Gastronomie, vielleicht früher. Geduld ist also weiter weiter weiter weiter weiter gefragt.

Aber vielleicht kommt alles ganz anders und besser, was ich mir mehr denn je wünschen würde. Schließlich irren sich selbst die klügsten Köpfe. Der irische Physiker William Thomson, besser bekannt als Lord Kelvin, prophezeite vor 120 Jahren: „Kein Ballon oder Flugzeug wird jemals einen praktischen Nutzen haben.“ Knapp 47 Millionen Flüge verzeichnete die weltweite Luftfahrt noch im Jahr vor der Krise. Zeit wird’s, dass wir wieder einmal abheben.

t.schweighofer(at)manstein.at
 

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