21.01.2022

Ein Quantum Prost

Sollte Boris Johnson über Partygate in 10, Downing Street, stolpern, schlage ich ihn als österreichischen Après-Ski-Koordinator vor. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Spätestens seit Omikron nimmt kaum jemand mehr die Pandemie ernst. Die Ungeimpften sowieso nicht, aber auch unter Geimpften regt sich schön langsam Widerstand. „Warum soll ich meinem Verhalten Ungimpfte schützen?“, heißt es im anschwellenden Volksgesang. Die daraus resultierende Wurschtigkeit ist allerorten zu spüren.

Der ORF zeigte kürzlich zwei holländische Skifahrer, die in zwei weißen Hasenkostümen im Zielgelände in der Flachau um elf Uhr vormittags sich (noch) stehend mit Jagatee zuprosteten. Zum Reporter meinten die auskunftsfreudigen Gäste: „Ja, wir wissen schon, es gibt Einschränkungen. Aber was sollen wir machen? Wir sind hier auf Skiurlaub und müssen einfach feiern. Es wird schon nichts passieren.“ So definiert sich also das Grundrecht auf ein Besäufnis oder grenzenlosen Winter-Fun in den heimischen Bergen.

Ohne Ski in Obertauern

Einen Skiort weiter erklärt mir Heike K. aus Aschaffenburg bei einem Lumumba (heiße Schokolade mit doppeltem Rum): „Ich komme schon seit fünfzehn Jahren nach Obertauern, aber Ski hab‘ ich noch nie mitgehabt. Ich kann gar nicht Skifahren.“ Lacht und verschwindet mit ihren Freundinnen in die Dunkelheit der „Lürzeralm“.

Auf dem Arlberg geht es nobler und gesitteter zu. Hotelier und ÖSV-Präsident Patrick Ortlieb macht im Gespräch seinem Ärger Luft: „Während wir geschlossen halten müssen, reiben sich die Schweizer die Hände. Unserer Klientel ist es vollkommen egal, wo offen oder zu ist. Wenn wir zu haben, fahren sie weiter nach St. Moritz oder Verbier und verbringen dort ihren Winterurlaub.“ Wobei der ehemalige Olympiasieger clever genug ist, sein Hotel auf die richtigen Gästemärkte auszurichten: „Skandinavien, Benelux, UK, Schweiz und Italien sowie Deutschland und Österreich machen je ein Fünftel unserer Nächtigungen aus. Sollte ein Markt durch welche Einschränkungen auch immer ausfallen, bleiben wir gelassen, weil wir das durch die anderen Märkte wieder kompensieren.“

Kitzloch – wieder einmal

Und auch das medial schwer geprügelte Ischgl produziert wieder Schlagzeilen. Besser gesagt, das berühmte „Kitzloch“. Kaum trugen die ersten Engländer Omikron nach Österreich, schon schlugen die Tests von drei Kitzloch-Mitarbeitern positiv aus. Soweit geographisch das Kitzloch und Kitzbühel auseinanderliegen, so nah kommen sie medial zusammen. Trotz massiver Einschränkungen bot der Betreiber des „Pavillons“ seinen Gästen eine Feierbühne und prompt kursierte tags darauf ein verwackeltes Filmchen im Netz. Start-up-Millionäre und Skihäschen im trauten Party-Infight: „Einschränkungen – welche Einschränkungen?“ scheint in ihre Gesichter geschrieben zu sein. Zwei Tage später kroch der Wirt zu Kreuze und verkündete die Schließung seines Lokals „bis Corona vorbei ist.“ Als Begründung für die Party argumentierte er: „Man kann den Menschen das Feiern nicht kategorisch verbieten.“

Wie es dabei jenen Gastronomen geht, die ihre Gäste pflichtschuldigst um zehn Uhr abends rausschmeißen, steht auf einem anderen Blatt. Überhaupt bin ich der Meinung, dass der grassierenden Scheinheiligkeit ein Ende gemacht gehört. Vergessen Sie all das Virologen-Geschwafel: Nicht vor die Welle müssen wir kommen, sondern in die Welle.

Partytiger Boris

Niemand exerziert das besser vor als Boris Johnson. Der britische Premierminister, der sich offensichtlich allmorgendlich mit einem Schweizerkracher frisiert, zeigt eindrucksvoll, wie man sich null um Regeln schert. England-Experten werden jetzt dagegenhalten: Wein, Bier und Sekt gehören zu jedem durchschnittlichen britischen Arbeitstreffen. Allerdings hege ich Zweifel, ob Johnson noch den vollen Rückhalt der Seinen genießt. Von hundert Eingeladenen zum Freitag-Abend-Besäufnis, bei dem Alkohol selbst mitzubringen war, leisteten lediglich dreißig Folge.

Ganz ehrlich? Für mich birgt diese Aktion in 10, Downing Street, eine gewisse Sympathie. Ob so was auch in Österreich möglich wäre? Durchaus. Nur haben wir leider keine Queen, bei der man zur Entschuldigung antreten muss.

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