29.06.2020

Eine Kraft, die den Verstand öffnet

Im Ötschergebiet rund um den Dürrenstein erstreckt sich das größte alpenländische Urwaldgebiet. Stammgast.Online war bei einer Führung dabei.

Was ist ein Urwald? Diese einfach klingende Frage ist für Otto Normalverbraucher eventuell gar nicht so leicht zu beantworten. Förster und Urwaldranger Reinhard Pekny, der in die Tiefen des urzeitlichen Waldes führt, hat eine verblüffend einfache wie logische Antwort parat: „Urwald ist ein Wald, der jeglicher Nutzung entzogen ist.“ Vielleicht sollte man noch den Zusatz „menschlich“ vor das Substantiv Nutzung setzen, zumal natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass diverse Tiere sich im Urwald schon vollgefressen haben, was ja auch eine Art von Nutzung ist.

440 Hektar Urwald – der größte im ganzen Alpenraum

Der Rothwald an den südöstlichen Ausläufern des Dürrensteins ist in seiner Kernzone, die rund 440 Hektar beträgt, nicht nur Österreichs einziger Urwald, sondern auch das größte zusammenhängende Urwaldgebiet im Alpenraum. Das heißt, dieses Gebiet wurde noch nie von Menschenhand genutzt. Also kein Baum gefällt, kein Müll abgelagert, nichts verbrannt, nichts gegraben, nichts begradigt, entwässert oder sonst irgendwie genutzt.

Das kommt im Ötschergebiet einem kleinen Wunder gleich und auch nicht. 1332 schenkte Erzherzog Albrecht den Kartäusern, die in Gaming im Erlauftal ihr Kloster hatten, 30.000 Hektar Waldgebiet, dessen zentraler Kern der Rothwald ist. Gegen Süden grenzten die Kartäuser an die Glaubensbrüder des Stiftes Admont, was aber in sehr unbrüderliche Streitigkeiten, die schmale 450 Jahre dauern sollten, mündete. Dieser Zwist wiederum verhinderte die intensive Waldnutzung, zumal der Rothwald in einem Kessel liegt, aus dem die Holzbringung nur äußerst mühsam gelingen konnte. Da auch eine Wasserscheide das Gebiet durchzieht, hätte die Holztriftung (das Schwemmen der Stämme in Bächen und Flüssen) nur über die nach Süden entwässernden Flüsse funktioniert. Das Holz wäre somit bei den feindlichen Brüdern angekommen.

Wechselvolle Geschichte

1782 säkularisierte Josef II. die Kartäuser und machte ihnen somit den Garaus. Der Forst wurde an die Grafen Festetics verkauft, die wiederum an eine der ersten Forst-Aktiengesellschaften verkauften. Als diese nach einem der ersten Börsencrashs der Neuzeit bankrottging, kaufte 1875 Albert Solomon Rothschild, damals einer der reichsten Menschen der Erde, Europas und Österreichs auf jeden Fall, die Ländereien, von denen noch 12.500 Hektar übriggeblieben sind. Rothschild verliebte sich auf die Sekunde in den Landstrich und erließ weitreichende Schutzmaßnahmen, die schlussendlich auch den Urwald vor menschlicher Ausbeutung bewahrten.

Ab 1997 begannen die amtlichen Unterschutzstellungen zu greifen. Es wurde das „Wildnisgebiet Dürrenstein“ ins Leben gerufen. Mittlerweile umfasst das Gebiet 3500 Hektar und zählt als eines (von zweien) zu Österreichs „Weltnaturerben“ – quasi der Nobelpreis unter den Naturschutzgebieten. 2017 schließlich veräußerten Rothschild-Nachfahren den umfangreichen Besitz an die Industriellenfamilie Prinzhorn. Kolportierte Summe: 180 Millionen Euro.

Erst das sechste Mal reproduziert

Den Rothwald kümmert das nicht wirklich und es lauert auch keine Gefahr. Urwaldranger Reinhard Pekny führt durch das unwegsame Gelände und deutet auf einen riesigen Baum: „Wie hoch schätzt du diese Fichte?“ Der Besucher etwas schüchtern: „45 Meter.“ „Etwas mehr als 62 Meter“, und die Frage des Gastes vorwegnehmend: „Sie ist rund 400 Jahren alt.“

Daneben steht eine in etwa gleich große Tanne mit einem Alter von 500 Jahren. Die Lebensdauer dieser Bäume beziffert der Förster mit rund 700 Jahren. Ist er abgestorben dauert es rund hundert Jahre bis der morsche Stamm umstürzt. Liegt der Stamm auf dem Waldboden vergehen wiederum tausend Jahre, bis von ihm nichts mehr zu sehen ist. Wenn man sich vor Augen führt, dass die letzte Eiszeit 10.000 Jahre zurückliegt, hieße das, der Wald reproduziert sich gerade erst das sechste Mal – falls kein Sturm die Bäume fällt, der Schnee das Holz bersten lässt oder ein Blitz den Stamm verkohlt.

Wer hineingeht kommt anders wieder heraus

Den Urwald umschließt auch ein Wald, der aber kein Urwald per Definition ist, weil er vor rund 250 Jahren bereits mal geschlägert wurde, weiß Förster Pekny. Dieser als Wildnis definierte Wald unterscheidet sich optisch kaum von seinem Urbruder. „Bis auf den Boden“, erklärt Pekny, hier finden sich Lebewesen und Mikroorganismen, die sich sonst nirgends mehr nachweisen lassen. Wird ein Stück Urwald der Nutzung unterzogen ist es unwiederbringlich verloren.“ Es ist schon wahr, was über den Urwald gesagt wird. Wer einmal hineingeht, kommt anders wieder heraus. In der (natur-)zerstörerischen Gegenwart durch Menschenhand kann man sich das gar nicht oft genug in Erinnerung rufen.

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