01.09.2021

Entscheidungen haben Konsequenzen

Jo, na eh, denken Sie jetzt wahrscheinlich. Doch ganz so einfach ist die Rechnung nicht, wie man weithin glaubt. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Wir stehen tagtäglich vor lebenswichtigen Entscheidungen: Nur ein Kaffee zum Frühstück oder doch eine Zigarette dazu? Den Seitenscheitel links, rechts oder lieber ein Fransenpony? Scheidung oder durchbeißen? Kinder tun sich leichter, da wird ohne viel Nachdenken der meterhohe Kletterturm erkraxelt, weil „ich bin der Spiderman“ … und schon liegt der Junior am Boden und hält sich den Arm.

So ähnlich geht es gerade den Engländern nach dem Brexit. Es fehlen rund 60.000 LKW-Fahrer, Jobs, die vor dem Abschied vom Binnenmarkt vorwiegend von Kräften aus Mittel- und Osteuropa besetzt waren. Die Folge sind Lieferengpässe und manch leeres Supermarktregal – und das in der Heimat des Kapitalismus. Die Fastfoodkette McDonald’s musste in ihren britischen Filialen vorläufig sogar die Milkshakes von der Karte nehmen. Der Mangel an zupackenden Händen ist mittlerweile dramatisch. Fast 200.000 Fachkräfte haben zuletzt das Land verlassen (müssen). Bleiben Maßnahmen aus, gefährdet das die Erholung der Wirtschaft nach der Pandemie, warnt der Industrieverband CBI. 

Auch die Pubs suchen händeringend nach Personal. Da rudern selbst Brexit-Befürworter unter den Wirten – wie Tim Martin, Chef der großen Pub-Kette JD Wetherspoon – zwar nicht zurück, aber voller Angst vorm wirtschaftlich Absaufen heftig mit den Armen, und fordern von der konservativen Regierung ein liberaleres Einwanderungs- und Visasystem. Schade für diese Wirtschaftsentscheider, dass die Automatisierung im Dienstleistungsbereich in den Kinderschuhen steckt. Denn noch kann kein Androide das perfekt temperierte Pint zapfen oder Trucker-Robi die Tiefkühlkost zum Tesco Superstore in Coventry oder anderswohin liefern. 

Die Entscheidung für den Brexit war ohne Überraschung zumindest kurz- und mittelfristig eine eher schlechte. Aber wie fällen wir Entscheidungen und wie kommen wir zu guten? Eine interessante Geschichte: Der portugiesische Neurowissenschaftler António Damásio berichtete von einem Fall eines Mannes namens Elliot, dem wegen eines Tumors ein Teil seines Gehirns entfernt worden war. Er hatte in Folge zwar keine Einschränkung der Gedächtnisleistung, Sprachfähigkeit oder Motorik, verlor aber die Fähigkeit zu fühlen – und konnte damit keine Entscheidungen mehr treffen. Der Mensch ist also keine Maschine, der rein rational eine Handlung setzt. Grundsätzlich entscheiden wir aufgrund von Erfahrungen, gesammelten Informationen und mit einer guten Portion Bauchgefühl (oder intuitives Erfahrungswissen). Der Nutzen als Konsequenz einer Entscheidung spielt die entscheidende Rolle. Das Problem ist, wir können vorab nie alle Alternativen und Konsequenzen vorhersehen, vor allem nicht bei komplexen Themen. Oft sind es die „Einhörner“, also die für einen persönlich herausstechenden Merkmale, die alles andere überstrahlen. Da spielt schlussendlich das Rapidgrün die zentrale Rolle beim Neuwagenkauf, die sexy Bar beim Infitiypool lässt uns den Urlaub buchen, den wir uns eigentlich nicht leisten können, und der Irrglauben, ein längst vergangenes Imperium wieder auferstehen lassen zu können, entscheidet die Zukunft von Generationen. Da siegte Gefühl über Kopf. 

Bei uns stehen ebenfalls große Entscheidungen an. Die 1G-Regel als de facto Impfpflicht wird in vielen Lebensbereichen – ob Flugreisen, Konzerte oder Hotel- und Restaurantbesuch, selbst fürs Studium – wohl kommen. Dazu braucht es kein Bauchgefühl, das verrät die Logik. (In Deutschland planen erste Bundesländer einen Lockdown für Ungeimpfte.) Auf die Impfgegner wird das wenig Auswirkungen haben, ob es welche auf die Impfskeptiker hat, bleibt abzuwarten. Tagtäglich treffen wir 20.000 Entscheidungen, hat der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel herausgefunden. Die meisten davon blitzschnell. Ein Großteil sind irrelevant, manche lebensverändernd allesamt haben Konsequenzen. „Die kürzesten Wörter, nämlich 'ja' und 'nein' erfordern das meiste Nachdenken“, so Pythagoras von Samos.

PS: Überraschend viele Männer entscheiden sich gegen eine Corona-Impfung, weil diese angeblich unfruchtbar macht. Mehrere Studien haben mittlerweile nachgewiesen, dass eine Impfung weder Spermienzahl noch die Qualität der Schwimmer beeinträchtigt. Nach einer Covid-Infektion wurde hingegen tatsächlich teils eine starke Beeinträchtigung der Samenqualität festgestellt. Na dann ...

t.schweighofer(at)manstein.at

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