25.05.2021

Erneuerung von unten 

Ein Europa-Netzwerk für einen nachhaltigen und sozialen Tourismus hat zum Ziel, dass Menschen und Kultur vor Ort den Wandel bestimmen.

Konstruktive Antworten auf die derzeitige Krise im Tourismus und Visionen für umwelt- und sozialverträgliches Reisen zu finden war Beweggrund für die Netzwerkgründung European Network for Sustainable Travel. Im Mittelpunkt einer Online-Konferenz stand nun ein erster Erfahrungsaustausch zwischen europäischen Tourismus-Akteuren, um zukünftig Kräfte bündeln und gemeinsam mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Nachhaltigkeit im Tourismus lenken zu können.

Betont wird, dass man den Massentourismus als solchen oder das Flugzeug als Verkehrsmittel generell nicht verteufeln möchte. „Wir wollen gemeinsam intelligente Lösungen finden und neue Ideen aufzeigen, damit sich das Reisen am Ende nicht zu einem Privileg wohlhabender Menschen entwickelt“, betont Prosper Wanner von der Reiseplattform „Les oiseaux de passage“. Petra Thomas vom Verband „forum anders reisen“ möchte deshalb klare Richtlinien sowohl für die Branche als auch für die Reisenden schaffen und setzt sich außerdem für ein allgemein gültiges Label ein, das nachhaltige Angebote erkennbar macht.

Strategien für einen zukunftsfähigen Tourismus

Teresa Ferreira, Leiterin des portugiesischen Tourismus-Büros stellte den strategischen Ansatz ihres Landes vor, der auch die kleinen lokalen Anbieter mit ins Boot holt. Sie sprach sich eindeutig für ein neues Mindset im Tourismus aus: „Nachhaltigkeit muss das neue Normal werden. Im Mittelpunkt sollten dabei neben der Natur die Menschen stehen: auf der einen Seite die Reisenden selbst, vor allem aber die Menschen, die im Tourismus arbeiten und in den Destinationen leben.“

Im Anschluss wies Cláudia Monteiro de Aguiar, im EU-Parlament für nachhaltige Tourismusstrategien zuständig, jedoch noch einmal auf die Notwendigkeit hin, den Übergang mit ausgewogenen Hilfsprogrammen und Neukonzepten begleitend zu unterstützen, um der Tourismusbranche insgesamt aus der misslichen wirtschaftlichen Lage nach der Pandemie zu helfen.

Auch Blanca Miedes von der Universität Huelva in Spanien sieht die Menschen vor Ort im Zentrum der Erneuerungsbewegung und hinterfragt kritisch: „Wer diskutiert und entscheidet im Moment tatsächlich über wichtige Maßnahmen und die Verteilung der Hilfsleistungen?“. Sie plädiert eindrücklich für eine „local innovation“, damit soziale Standpunkte, aber auch nachhaltige Initiativen der kleinen, oft engagierten Akteure an der Basis mit in den Prozess einbezogen werden.

Bedeutung von Kultur für einen nachhaltigen Tourismus

Wie ein roter Faden zog sich durch viele Rede- und Diskussionsbeiträge nicht nur der Kulturbegriff, sondern auch der Wunsch, ein neues Bild des Tourismus zu entwerfen, indem eine Trennung von „Industrie“ und „Tourismus“ vorgenommen und zukünftig wieder mehr in Richtung „Reise- und Tourismuskultur“ gedacht wird. „Ein solch neues Verständnis würde wieder mehr auf Menschen, Orten, Geschichten, Verbindungen, Authentizität, Identität, Gemeinschaften und Werten basieren“, führt Julia Balatka, Reiseveranstalterin aus Österreich, diese Überlegung weiter aus.

Prägnant formuliert dies auch Joao Ministro von der portugiesischen Reiseagentur „Proactivetur“, der Kultur als zwingend wichtigen Teil in allen strategischen Überlegungen zur Überwindung der Tourismuskrise sieht: „Kultur ist die DNA der Tourismusmotivation für Besucher. Dabei geht es nicht nur um Besucherattraktionen oder um Museen oder Schlösser. Es geht hier auch um die Lebensweise der Einheimischen und deren Ausdruck in der Natur. Und es geht um das Wohlbefinden der Bewohner und die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort“, so Joao Ministro. Denn „local culture is local tourism!“.  

Anliegen weiter stärken

Im Dialog mit Vertretern des Europaparlaments wird das Netzwerk die Umsetzung der zuvor in den EU-Bericht eingebrachten Vorschläge zur Schaffung einer EU-Strategie für nachhaltigen Tourismus verfolgen und den Prozess nach Möglichkeit weiter mitgestalten. Ziel ist es, die Verbindungen zwischen Gesetzgebung, Forschung und Unternehmen weiter zu vertiefen.

Um noch zielgerichteter arbeiten zu können, strebt das Netzwerk außerdem die Entwicklung von der bisher rein informellen Zusammenarbeit hin zu einer professionellen und formellen Organisationsform an. Bereits geplant ist auch ein Netzwerk-Treffen Ende September 2021 in Sardinien (www.itacafestival.net).    

www.facebook.com/EuropeanNetworkST

anneedurail.eu/en/co-signatories-travel-agencies/

(Red)

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