15.03.2022

"Es braucht eine neue Alltagsalphabetisierung"

Seit Beginn der Pandemie untersucht das Kölner rheingold Institut den Gemütszustand der Deutschen. Die letzte Studie zu Corona kommt dabei zu alarmierenden Ergebnissen.

Lediglich ein knappes Viertel (22,6 Prozent) der Menschen wollen wieder zu der Lebensfülle und Risikobereitschaft der Vorcorona-Zeit zurückkehren. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung wollen hingegen einige Vorsichtsmaßnahmen beibehalten und 27 Prozent bekunden sogar, dass sie in Zukunft zudem im Umgang mit Menschen zurückhaltender sein werden. 30,5 Prozent (bei den Jungen sogar 42 Prozent) verspüren eine gewisse Antriebslosigkeit, haben Angst, bequem geworden zu sein, das alte Aktivitätslevel nicht mehr erreichen zu können.

Für die Jungen kommt das Gefühl "ich lebe in der falschen Zeit" dazu. "Spontanität wird durch ständige Selbstkontrolle ersetzt, Schuldgefühle sind zum Alltagsbegleiter geworden – die Deutschen leiden an Melancovid", meint Stephan Grünewald, geschäftsführender Gesellschafter des Instituts. Daher hatten er und seine Mitarbeitenden Empfehlungen ausgearbeitet, wie es der Wirtschaft gelingen könnte, die Menschen vom Melancovid zu befreien. Kaum waren sie damit fertig, brach der Krieg in der Ukraine aus. Eine tiefenpsychologische Zusatzstudie zur aktuellen Lage zeigt, dass "den Menschen jetzt langsam die Puste ausgeht. Sie fühlen sich in einer ohnmächtigen Schockstarre." Mit sechs – sehr unterschiedlich auftretenden Verhaltensmustern wollen sie die Krise bewältigen:

  • Permanentes Updaten in der Dauer-Nachrichten-Schleife: Man grübelt und verfolgt ständig auf dem Ticker die aktuellen Kriegsereignisse und hofft inständig auf tröstende oder erlösende Entwicklungen
  • Normalitäts-Beschwörung und Ablenkungs-Manöver: Man klammert sich an den vertrauten Alltag, beschwichtigt sich selbst, indem man versucht den Abgrund auf Distanz zu halten (ist ja 3,5 Stunden entfernt). Das gelingt vor allem, wenn es gelingt sich abzulenken: Man stürzt sich in Arbeit oder ins Vergnügen, geht shoppen oder in die Natur und versucht so fast verzweifelt auf andere Gedanken zu kommen
  • Solidaritäts-Bekundungen: Gespräche und der Austausch mit anderen wird ebenso wie die solidarischen Akte der Gesellschaft oder der internationalen Gemeinschaft als wohltuend erlebt. Gemeinsam will man sich bestärken und hofft, dass die ganze Welt jetzt zusammenrückt
  • Hilfs-Bereitschaft zeigen: Das Spektrum der Hilfsbereitschaft reicht von Geldspenden über die Bereitschaft Kartons mit benötigten Materialien zu verschicken bis zur Bereitstellung von Wohnraum für Geflüchtete und vermittelt den Menschen zumindest kurzfristig das Gefühl, aus der Ohnmacht zu entkommen.
  • Fluchtgedanken hegen: Einige überlegen, bei einer weiteren Eskalation das Land zu verlassen und in ungefährlichere Regionen zu reisen. Gedanklich oder faktisch packen sie bereits einen Notfallkoffer


Stephan Grünewald, Mitbegründer und Geschäftsführer des Kölner Rheingold Instituts, erklärt im Interview, was es mit den Ergebnissen auf sich hat:

Welche der Bewältigungsstrategien ist das häufigste?
Stephan Grünewald: In den ersten Tagen war es das permanente Updaten, aber Menschen merken, dass sie damit ins Trudeln geraten. Sie warten auf die erlösende Botschaft, aber in Wahrheit wird es immer schlimmer und das zieht einen dann runter. Die meisten versuchen es auf zwei bis dreimal am Tag zu kanalisieren. Stärker ist jetzt die Normalitätsbeschwörung mit den verbundenen Ablenkungsmanövern. denn der Krieg ist ja für den einzelnen weit weg, auch wenn man weiß, er könnte jederzeit übergreifen. Man erlebt Putin als den Aggressor, der den Takt angibt.

Sie wollten der Wirtschaft aus der seelischen Longcovid-Studie Handlungsempfehlungen geben, wie man die Menschen aus dem Melancovid herausholen kann. Welche Botschaft ist angesichts des Krieges jetzt noch politisch korrekt? 
Unsere Empfehlung wäre gewesen, dass die Unternehmen/Marken die Rolle eines Defibrillators übernehmen, um die Menschen aus dem melancholischen Dornröschenschlaf wieder zu beleben. Außerdem brauchen wir eine neue Alltagsalphabetisierung. Die Menschen haben in den zwei Jahren auch vieles verlernt: wie geht man aufeinander zu, wie begrüßt man sich? Wie findet man wieder ins Leben zurück?

Aber Slogans wie "gönnt Euch jetzt was" sind jetzt nicht die richtigen?
Dieses Gönnen wäre schon legitim, aber es müsste immer mit einer Form des Ablasshandels verknüpft sein. Marken, die andeuten, dass sie einen Teil der Erlöse für die Ukraine spenden, die konkrete Hilfsaktionen unterstützen, wo man das Gefühl hat, über den Konsum beteiligt man sich an dieser Aktion, die haben es jetzt natürlich viel leichter. Besonders beeindruckt es, wenn hohe finanzielle wirtschaftliche Verluste dafür in Kauf genommen werden. Und ganz fatal wäre es, wenn man eigennützig daraus Kapital schlagen wil

Was halten Sie von der Kampagne von Edeka mit der ukrainischen Flagge und dem Titel "Freiheit ist ein Lebensmittel?"
Die Edeka-Kampagne funktioniert gar nicht, weil Edeka für das gut bürgerliche Werteparadies steht, für eine Welt, die in Ordnung ist, wo alles seinen Platz hat. Da fällt es schwer die Brücke zu bauen. Das wäre bei Penny schon glaubwürdiger, denn Penny steht für fürsorgliche Inklusion, die alle – auch die Flüchtlinge - willkommen heißt. Da stimmt die Heritage.

Fällt Ihnen ein gutes Beispiel ein?
Die deutsche Telekom hat erklärt, Gespräche in die Ukraine seien kostenlos. Das kommt als Beitrag des Unternehmens in der Bevölkerung

Sehr viele Unternehmen haben dieser Tage erklärt, nicht mehr in Russland tätig zu sein. Von Louis Vuitton und BMW über Coca-Cola, Adidas bis Mc Donalds über Zara und H&M. Wie wirkt das?
In Russland selbst spüren die Menschen, die ja von der staatlichen Propaganda geprägt sind, nur durch diese Rückzüge, dass etwas nicht stimmt. Im Westen erlebt man Putin als unberechenbaren Aggressor, dem alles zuzutrauen ist, dem sein eigenes Volk egal ist. Im Zuge dieser Dämonisierung ist für die breite Bevölkerung jedes Geschäft mit Russland der Pakt mit dem Teufel.

Könnte es sein, dass die Angst wegen der Ukraine die Menschen aus dem Melancovid wieder rausholt?
Das haben wir zunächst auch gedacht. Doch was wir zumindest in der ersten Phase erlebt haben, war diese Schockstarre, die das Problem noch verstärkt hat. Durch den Hang zur Normalitätsbeschwörung wird verhindert, dass man sich noch mehr in sich verkriecht. Aber von einem Sprung zur Lebensfreude sind wir weit entfernt.

Wie passt dazu, dass der Tourismus von gutem Buchungsverhalten spricht?
Das entspricht dem Fluchtgedanken: erst mal raus aus dem Schlamassel. Die Pandemie hat den Fokus auf die Jahreszeiten verstärkt: nach dem Winterschlaf kommt das Frühjahr, es zieht die Leute hinaus und im Sommer können sie ganz normal leben.

Was heißt das für den Urlaub der Deutschen in Österreich?
Im Vorjahr blieb man eher im Lande. Aber jetzt stehen Mallorca und Österreich wieder hoch im Kurs. Langfristig wird man auch wieder in die Karibik aufbrechen.

Danke für das Gespräch.

 

Das rheingold Institut
Das rheingold Institut hat in den vergangenen Monaten kontinuierlich die Corona-Befindlichkeit der Deutschen untersucht. Aktuell wurden Anfang Februar in einer tiefenpsychologischen Pilot-Studie 40 Menschen in Gruppendiskussionen und Tiefeninterviews sinnbildlich je zwei Stunden auf die Couch gelegt. Aufbauend auf den qualitativ-psychologischen Explorationen wurde Mitte Februar zu ausgewählten Fragestellungen eine quantitative Befragung mit 1000 Menschen bevölkerungsrepräsentativ (Alter, Geschlecht, Bundesland) in Deutschland durchgeführt. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurden zusätzlich zwölf Menschen qualitativ-tiefenpsychologisch zu ihrer Befindlichkeit befragt.

www.rheingold-marktforschung.de/

(Von Dagmar Lang)

Branchen-News, die Sie wirklich brauchen!

Mediadaten