09.07.2021

Es muss nicht immer ein Studium sein

Noch nie haben so wenige junge Menschen mit einer Ausbildung begonnen wie während der Pandemie. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Anlässlich eines Krisengipfels der Industriellenvereinigung nannte Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer eine erschreckende Zahl: „40 Prozent der Arbeitslosen verfügen nur über einen Volksschulabschluss.“ Bei aktuell 360.000 Beschäftigungslosen hieße das, 144.000 hätten keinen Hauptschulabschluss. Um zu checken, ob diese Zahl plausibel ist, Anruf bei einer Direktorin einer Neuen Mittelschule: „Ich bin seit zehn Jahren Schulleiterin und wir hatten in dieser Zeit einen einzigen Schüler, der ohne Abschluss abgegangen ist.“ Zugegeben, es war keine der viel zitierten „Brennpunktschulen“, die verstärkt in Ballungszentren vorzufinden sind, die tiefere Interpretation dieser Gegensatzpaare möchte ich Ihnen selbst, geschätzte Leserinnen und Leser, überlassen.

Brosamen für Gastronomieberufe

Tatsache bleibt, dass – je nach Lesart – entweder vier von zehn, in manchen Gegenden bereits sieben von zehn Betrieben keine Fachkräfte mehr bekommen. Und der Lehrling von heute ist die Fachkraft von morgen. Und wenn schon traditionell begehrte Branchen wie innerhalb der Industrie schon keine Chance auf Berufsnachwuchs haben, dann bleiben am Ende der Nahrungskette – in den gastronomischen Berufen – nur mehr die Brosamen über. Denn an den begehrten Berufsbildern hat sich wenig bis nichts geändert: bei Mädchen liegt die Ausbildung zur Frisörin in der Gunst ganz vorne, bei den Burschen ist das immer noch der Mechaniker.

Zu recht fordert die Industriellenvereinigung, dass die wegen Corona gelockerten Aufstiegsklauseln trotz „Nicht genügend“ schnell wieder abgeschafft werden, damit mehr Menschen den Weg in die Lehre finden. Alles drängt zur Matura und die Uni und viele übersehen dabei, dass sie als Nicht-Akademiker oft bessere Chancen hätten – und mehr verdienen würden. Hinzu kommt das verzerrte Bild, das viele Jugendliche und ihre Eltern von Ausbildungsberufen haben: Sie seien körperlich anstrengend und schmutzig, man verbringe die Tage in lauten Fabrikhallen oder draußen im Regen. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) betrug die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Hochschulabschluss 2018 zwar lediglich zwei Prozent – doch die Erwerbslosenquote bei Meistern und Technikern lag mit 1,2 Prozent sogar noch niedriger.

Im kaufmännischen Bereich gibt es so gut wie keine Verdienstunterschiede zwischen den beruflich höherqualifizierten Fachkaufleuten und Betriebswirten einerseits und Bachelor-Absolventen andererseits, hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) analysiert. Und eine aktuelle Studie der Universität Würzburg kommt zu dem Schluss, dass Männer, die sich im Anschluss an eine Lehre zum Meister oder Techniker weiterqualifizierten, zwölf Jahre nach Ende der Ausbildung 122 000 Euro mehr verdient haben als vergleichbare Kollegen, die nach der Lehre noch ein Studium anschlossen. Erst 35 Jahre nach Ende der Lehre wäre der finanzielle Vorteil der Meister verschwunden. Die Beschäftigten wären dann bereits 57 Jahre alt.

Studium heißt nicht automatisch höheres Gehalt

Nicht immer liegt das Gehalt mit Studium höher, ausschlaggebend ist vielmehr die Wahl des Studienfachs und der Ausbildung. Das macht eine Sonderauswertung zum Gehaltsreport der Jobplattform Stepstone deutlich, die eine ganze Palette an Berufen anführt, in denen man mit Ausbildung in der Regel mehr verdient als mit Studium. So erhalten ein Bauleiter oder eine Bauleiterin ohne Studium mit durchschnittlich 55 737 Euro mehr Gehalt als ein Architekt oder eine Architektin mit Bachelor-Abschluss, die es nur auf 51 700 Euro bringen. Holztechniker, Fleischermeister oder Versicherungskaufleute verdienen mehr als studierte Finanzbuchhalter oder Grafikdesignerinnen. Dass das Studium hierzulande trotzdem als Königsweg gilt, liegt auch am hohen Prestige eines Hochschulabschlusses: In der Gesellschaft stehe die akademische Bildung immer noch an vorderer Stelle, weil bisher gesellschaftlicher Aufstieg primär mit einem akademischen Abschluss verbunden wird.

Die Kluft zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern könnte durch die Pandemie etwas kleiner geworden sein. In dieser Zeit wurde offenbar, dass es Verkäuferinnen, Pflegekräfte, Müllmänner und Lieferanten sind, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.

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