13.03.2020

Eventbranche in Alarmbereitschaft

Das Verbot von Veranstaltungen trifft Veranstalter mit voller Wucht, es werden viele tausende Arbeitsplätze verloren gehen, beklagt Agenturchef Erik Kastner.

Erik Kastner war lange in der Hotellerie tätig und baute in den 1990ern mit OPUS Marketing sehr erfolgreich ein eigenes Unternehmen für den Eventbereich auf. Für ihn und seine Kollegen sind die behördlichen Maßnahmen der letzten Tage existenzbedrohend.

Hotel & Touristik: Herr Kastner, wie geht es Ihnen mit Ihrem Betrieb?
Erik Kastner: Mit dem Betrieb geht gar nichts, weil wir nicht mehr dürfen. Wir machen keine Events unter 100 Leuten und keine Outdoor-Veranstaltungen. Gesetzlich verordnet stehen wir auf null. Vom Staat bekommen wir derzeit keine Unterstützung.

Die Haftungsübernahme für die Betroffenen bringt Ihnen nichts?
Ich habe vorgestern ein Ansuchen gestellt, das wurde abgelehnt, weil irgendeine Unterschrift der Bank fehlte. Das alles ist reine Augenauswischerei: Wenn Sie bei Ihrer Hausbank keine Kreditzusage bekommen oder eine Zusage wollen, brauchen sie Sicherheiten. Diese Sicherheiten würden die Haftungen der ÖHT oder der AWS bringen. Wenn ihnen ihre Hausbank dies jedoch nicht unterschreibt, gibt es auch keine Haftungserklärung. Und ohne Haftungserklärung auch keinen Kredit. Die Haftungsübernahme würde 80 % ausmachen. Die 20 % könnten wir schon irgendwie aufstellen, aber da hat man von Grund auf keine Chance. 

Welche Konsequenz hat das unmittelbar für OPUS Marketing?
Ich muss als Geschäftsführer reagieren und rechtzeitig Maßnahmen setzen, sonst könnte es zu spät sein und mache mich darüber hinaus auch noch strafbar, wenn ich einfach abwarte. Und ich bzw. die Branche kriegt keine Unterstützung. Es wird eine Haftungsübernahme angeboten, die nicht realisierbar ist. Das geht der Hotellerie und Gastronomie genauso. (schnauft durch) Die Regierung ist überfordert: Sie haben so lange Zeit gehabt zum Überlegen und haben niemanden von uns vorher ins Boot geholt. Das ist leider der typisch österreichische Weg. Ich bin enttäuscht, denn es geht um Existenzen, wir haben alle Familien, auch meine Mitarbeiter. Denen es aber sicher besser geht, denn die haben das Netz bei AMS … Gott sei Dank. Hoffentlich hält das das System aus.

Gibt es keine Möglichkeit der Verhandlung mehr. Am Mittwoch war runder Tisch, war die Eventbranche nicht mit dabei?
Die war natürlich mit dabei, meines Erachtens aber mit viel zu wenig Vehemenz. Man muss viel stärker auftreten. Ja, die Regierung verbietet Veranstaltungen, aber sie müssen damit rechnen, dass die Betriebe Leute freisetzen. Ich habe gerade meinen Forecast vor mir liegen: sechsstellig für die nächsten sechs Monate an Absagen und Verschiebungen. Dazu kommen die schwierigen Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten. Das ist alles sehr nervenaufreibend.

Die Kündigungen werden nächste Woche passieren. Ich werde mit jedem einzelnen persönlich sprechen und meine Mitarbeiter – die teilweise schon 25 Jahre und länger bei mir sind – bekommen auch eine Wiedereinstellungszusage, sofern sich die Lage ändert. Ich fürchte das wird jedoch nicht vor September oder Oktober dieses Jahres sein. Hoffentlich früher!

Kurzarbeit ist wahrscheinlich kein Thema?
Die Kurzarbeit ist maßgeschneidert für große Betriebe. Kurzarbeit zu beantragen würde wahrscheinlich gehen, aber es hat keinen Sinn, aus dem einfachen Grund, weil wir alles vorfinanzieren müssen. Wenn wir Glück haben, bekommen wir vom Finanzamt monatlich etwas zurück, wenn wir Pech haben und das für sechs Monate machen, kriegen wir das Geld Ende der Periode zurück. Da gibt es mich nicht mehr, da freut sich der Masseverwalter.

Was ist die Lösungsidee, was soll die Regierung tun, um die Branche zu unterstützen?
Das werden wir besprechen. Am späten Freitagnachmittag gehen meine bzw. unsere Forderungen an die Bundesregierung: Haftungen zu übernehmen ist eine gute Idee, dazu müssten allerdings die Parameter andere sein. Als Geschäftsführer eines Unternehmens fühle ich mich in der derzeitigen Situation alleine und im Stich gelassen.

Sie kennen sich in der Branche gut aus. Was stört Sie am meisten?
Die Branche erwirtschaftet laut einer Studie des IHS (Institut für Höhere Studien aus 2017) ca. 9 Milliarden Euro im Jahr. Davon fließen jährlich über 3 Milliarden Euro in das System (Bund, Länder und Gemeinden) zurück. Jetzt wo wir als Unternehmer Hilfe brauche – reale, schnelle und unbürokratische Hilfe – passiert was? Nix.

Die Hilfe kommt nicht jenen zugute, die es wirklich brauchen …
Für die Mitarbeiter ist ja gesorgt. Die vielen Kollegen die selbstständig sind und die Unternehmer, die täglich das Risiko des Unternehmertums auf sich nehmen, sind scheinbar dem System egal! Die Regierung schneidet sich damit aber ins eigene Fleisch. Es arbeiten laut einer IHS Studie 144.000 Menschen in unserem Beruf. Ich schätzte, dass mit Ende des Quartals die Hälfte dieser Arbeitsplätze verloren gegangen und die Mitarbeiter freigesetzt sind. Ob das die Regierung bzw. das System aushält?

Und es betrifft ja nicht nur die Eventbranche?
Nein, es sind viele, die von diesem Erlass der Bundesregierung – Veranstaltungen zu untersagen – schwer betroffen sind. Die ganzen technischen Dienstleister, die Caterer, die Locations und nicht zuletzt die Hotels. Alles, was in und für die Branche arbeitet. Wir sind die meistunterschätzte Branche im Land. 9 Milliarden Euro an Wertschöpfung die durch uns Jahr für Jahr generiert werden. Bitte, nehmt uns endlich ernst. Und was passiert? Entschuldigungen und Fehlentscheidungen oder gar keine Entscheidungen. Das geht so nicht. Drastische Worte für eine drastische Situation.

Die Lamperlaufhänger, die Festlmacher, die Eventler – deshalb bin ich so strikt und verwehre mich mit aller Macht gegen diese Begriffe, weil der alleine schon eine Herabsetzung unserer Arbeit ist und keine Wertschätzung ausdrücken. Tausende Menschen leben von der Eventbranche, 3,5% der Wertschöpfung Österreichs kommt von uns. Würde das auch die Regierung einem Industriellen sagen? Niemals. Wenn man uns nicht ernstnimmt, dann wird man uns spüren. Das ist jetzt der Fall. 

Was sind die nächsten Schritte?
Es wird heute noch mit zwölf Kolleginnen und Kollegen der hart getroffenen Branche einen runden Tisch und eine Petition oder ein Forderungspapier geben. In Form eines Briefes an den Bundeskanzler mit dem ich massiv Druck auf die Regierung machen möchte – aber es wird mir und der Branche wohl nichts nutzen. Die Regierung wird es sich nicht leisten können.

Ist das Verbot von Veranstaltungen überhaupt gerechtfertigt Ihrer Ansicht nach?
Wichtiges und größtes Ziel ist es die Gesundheit der Menschen zu erhalten bzw. zu schützen. Dazu stehe ich. Dazu gehören auch unpopuläre Maßnahmen, wie der Erlass, Veranstaltungen zu untersagen. Das steht außer Zweifel und auch ich im Unternehmen habe es allen meinen Mitarbeitern freigestellt, von zu Hause aus zu arbeiten. Jeder hat einen Laptop, ein Handy und die Möglichkeit auf Daten zuzugreifen. Also ist eine Aufrechterhaltung der Administration gegeben. Nur die Grundlage der Arbeit – die Veranstaltungen gibt es zurzeit ja nicht, die sind behördlich verboten.

Der Erlass auf den Sie sich beziehen, was regt Sie dran so auf?
Der Erlass des Bundesministers (Anm.: Rudolf Anschober) beruht auf falschen Grundsätzen. Die falschen oder schwammigen Formulierungen, der Bezug auf das Epidemie-Gesetz, die Begrifflichkeiten, einfach nicht nachzuvollziehende Unterstellungen, willkürliche Abgrenzungen etc. Das entbehrt jeder Rechtsgrundlage. Haben die keine Juristen? Vor allem haben sie keine Juristen, die sich mit Veranstaltungen auskennen. Mit der Branche braucht sich ja keiner zu beschäftigen … habe ich schon erwähnt … sind eh nur Lamperlaufhänger! 

Ich unterstelle auch, dass sich der Erlass so lesen lassen könnte, als dass im Sinne von Regressansprüchen und Schadenersatzforderungen sogar mit einer Amtshaftung durchzukommen wäre. Aber ich bin – wie gesagt kein Jurist. Da laufen so viele Sachen schief, eben, weil sich niemand mit unserer Branche beschäftigt hat.

Danke für das Gespräch.

www.opus-marketing.com, www.wko.at/site/eventnet/start.html

 

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