06.06.2021

Franz – Allein zu Haus

Für überraschend viele Menschen sind Impfen, Testen oder sogar nur eine Maske zu tragen bedrohlicher als die Gefahr einer potenziell tödlichen Krankheit. Das wird für uns alle zum Problem. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Vielleicht kennen Sie es schon: Auf der Website animap.at sind über 1.000 Unternehmen aufgelistet, die bewusst auf einen 3G-Nachweis bei ihren Kunden verzichten. Darunter rund 40 Kaffeehäuser, Restaurants, Gasthöfe, Cateringunternehmen, Buschenschänke, Pubs etc. Das geschieht vollkommen freiwillig und öffentlich. Die Betreiber der Seite wettern gegen den (Zitat) „Gesundheitsfaschismus der Regierung Kurz“ und die „drohende Impfapartheid“. Hinter der Aktion steht eine Bewegung aus St. Gallen in der Schweiz unter dem Namen „Reaktion.org“, die sich dem Kampf gegen die Corona-Politik verschrieben hat, weil sie so etwas wie einen ominösen Superstaat fürchtet. Nun, die Gedanken sind frei, aber für die teilnehmenden Betriebe wird es dann zum Problem, wenn die Ankündigung tatsächlich umgesetzt wird. Die Behörden wollen die aufgelisteten Betriebe jedenfalls „im Auge behalten“. 

Wer mit offen Augen und Ohren durch die Welt geht, bemerkt Skeptiker aller Couleur und Steigerungsstufen – immer mehr davon. Da sind die verständlicherweise Verunsicherten, manche zipfen die Maßnahmen einfach an, dann gibt es allerlei Menschenfeinde und am Schlimmsten sind jene, die mit den Ängsten ein gutes Geschäft machen. Das wirkt und hat Folgen. Laut Untersuchung des Austrian Corona Panel lassen sich etwa Impfskeptiker selbst bei einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für einen schweren Covid-19-Verlauf (Angehörige von Risikogruppen wie Ältere oder Vorerkrankte) nur selten impfen. Und das, obwohl das Risiko von schweren Nebenwirkungen des Impfens um ein Vielfaches geringer ist als die Wahrscheinlichkeit eines schweren Corona-Verlaufs. 

Zweifel an sich ist grundsätzlich nichts Schlechtes, er sollte nur faktenbasiert sein. Leider gehen zu viele Menschen fragwürdigen Gerüchten und bewusst gestreuten Unwahrheiten auf dem Leim. Eine engagierte Wirtin eines familiären, ländlichen Traditionsbetriebs mit einem sensationell guten Bier und fleißig singenden Stammkunden erzählte mir jüngst, dass geschätzt die Hälfte ihrer Gäste sich nicht impfen lassen wird. Der anfangs große Zuspruch beim Neustart flaut merkbar ab, weil viele zwar das servierte Schnitzel lieben, aber ihnen gleichzeitig das regelmäßige Testen ein Graus ist. Viele Gäste kommen erst gar nicht, weil das Registrieren geht „nur über meine Leich“. Und besonders traurig, das Angebot eines vom Betrieb koordinierten Impftermins für die Mitarbeiter – wahrscheinlich an die 30 – nahmen nur zwei (!) an. 

Der Arbeitskräftemangel ist die nächste Front. War es schon bisher schwierig, die Gutausgebildeten und Motivierten zu bekommen und zu halten, scheint es jetzt beinahe unmöglich. Ein Hotelier erzählte mir, dass einer seiner Köche während des letzten Lockdowns kündigte, sein Nachfolger einen Tag vorm Wiederaufsperren das Handtuch warf. Die Nachfrage beim AMS ergab: ein einziger gemeldeter Koch im ganzen Bezirk. Und als Tüpfelchen auf dem „i“ muss ein Lehrling, der erst im Vorjahr begonnen hatte, genau jetzt bis Juli in die Berufsschule. Diese Beispiele sind kein Einzelschicksal, der Teufelskreis dreht sich längst in hohem Tempo. Weniger Gäste kommen, manche sterben weg, die Branche verliert Arbeitskräfte an andere Branchen, die Gastgeber hauen den Hut drauf – irgendwann bleiben uns nur mehr McDonalds und der Pizza-Lieferdienst. 

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, die Auswirkungen werden wir noch viele Jahre spüren. Vor allem der Mittelbau – darunter viele klassische Wirte und Hoteliers – gerät mächtig unter Druck. Personalintensive Betriebe werden gut durchrechnen müssen, ob es sich für sie noch rentiert. Überstehen werden es jene mit perfekter Lage, den klügsten Konzepten – konsequent umgesetzt – und wirtschaftlichem Gespür. Für das ganze Land ist entscheidend, dass man die Impfskeptiker überzeugt. Das scheint leider genauso schwierig zu sein, wie die Suche nach einem neuen Koch.    

t.schweighofer(at)manstein.at

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