24.06.2021

Hotelbeschäftigte in Wien haben Sorgen

Laut Ifes-Umfrage wollen 38 Prozent der Beschäftigten der Stadthotellerie Wiens den Beruf/die Branche wechseln, 75 Prozent kommen mit ihrem aktuellen Einkommen nur schwer oder nicht mehr aus.

Vor der Coronapandemie arbeiteten 320.000 Menschen im Tourismus. Durch die Krise mussten österreichweit im Fremdenverkehr bis zu 155.000 Beschäftigte Kurzarbeit in Anspruch nehmen, fast 45.000 verloren ihre Jobs. Die Ifes-Umfrage (Sample: 634 Personen) wurde von der Arbeiterkammer Wien in Auftrag gegeben und zwischen März und April durchgeführt und damit mitten im Lockdown ohne nahe Aussicht auf Besserung. Dementsprechend relativieren sich die Umfrageergebnisse, dennoch zeichnen sie ein besorgniserregendes Bild auf mehreren Ebenen.

60 Prozent der Befragten der Wiener Hotellerie zeigten sich mit der Kurzarbeitsregelung sehr zufrieden oder zufrieden. Der Einkommensverlust als Auswirkung der Corona-Pandemie wird von 83 Prozent sehr befürchtet bzw. befürchtet. Für 49 Prozent reicht das momentane Gehalt gerade so aus, für 26 Prozent allerdings schon nicht mehr. Besonders schlecht beurteilen bei dieser Frage die Arbeitskräfte in Küche/Service und Etage (je 83 Prozent) die Situation. Ein ähnliches Bild zeigt die Hoffnung auf ein Auskommen mit der zukünftigen Altersversorgung: 34 Prozent glauben, dass dies fürs Leben nicht ausreichen wird. Wobei man über die eigene wirtschaftliche Zukunft optimistischer denkt (65 Prozent) als die des Betriebs (50 Prozent). 

Großes Sorgen bereitet die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, den 36 Prozent ziemlich bzw. sehr unsicher beurteilen. Vor allem die Altersgruppe der 40 bis 49 zeigt sich pessimistisch (47 Prozent). Unter den Berufsgruppen sind die Arbeitskräfte in Küche und Service am optimistischten, von denen 71 Prozent ihren Arbeitsplatz als sehr bzw. ziemlich sicher einschätzen. Im Vergleich zu Arbeitsklima Index-Daten in Österreich zeigt sich, dass die Wiener Stadthotellerie sowohl bei der Einschätzung zur Sicherheit des Arbeitsplatzes wie auch dem Auskommen des derzeitigen Einkommens die Situation sehr deutlich schlechter einschätzt.

Kritische Brancheneinschätzung 

Dass genug Angebot am Arbeitsmarkt vorhanden ist, bezweifeln die Beschäftigten der Branche. Während laut allgemeinem Arbeitsklimaindex der AK 16 Prozent angeben, nur sehr schwer einen neuen Job zu finden, sind es in der Wiener Hotellerie mehr als doppelt so viele. 74 Prozent der für die Ifes-Studie Befragten Mitarbeiter in der Wiener Stadthotellerie glauben, es wäre sehr schwer für sie, eine annehmbare Arbeitsstelle zu finden. Dem gegenüber stehe, dass sich 57 Prozent der Arbeitsuchenden innerhalb der Branche in Wien vorstellen können, auch künftig im Tourismus zu arbeiten. 

Einen weiteren interessanten Aspekt liefert die Frage, ob sich die Beschäftigten nochmals für einen Job in der Hotellerie entscheiden würden. In der Küche und im Service würden das 26 Prozent „unbedingt wieder“ tun, hingen nur 14 Prozent „auf keinem Fall“ (insgesamt 29 bzw. 17 Prozent). Allerdings liebäugeln sehr viele Mitarbeiter in der Stadthotellerie mit einem vollständigen Wechsel des Berufs oder der Branche: 38 Prozent können sich das für ihre berufliche Zukunft vorstellen. Für 35 Prozent kommt ein Wechsel in eine höhere berufliche Position im eigenen Tätigkeitsbereich sehr gut in Frage, für 23 Prozent ein Wechsel in einen anderen Betrieb. 32 Prozent wollen, dass der Arbeitsplatz für sie so bleibt.

Transformation starten

Erwartungsgemäß unterschiedlich interpretieren Gewerkschaft vida und Hoteliervereinigung (ÖHV) die Zahlen. Berend Tusch, Vorsitzender des vida-Fachbereichs Tourismus: „Die in der Studie aufgezeigten Zukunftspläne sind nicht neu und für das Image der Branche alles andere als ideal." Er betont, dass die finanziellen Einschnitte durch einen Fixkostenzuschuss für Beschäftigte kompensiert werden sollten: „Nicht nur die Betriebe, auch die Mitarbeiter brauchen einen Fixkostenzuschuss“. Während die 3-Gs momentan im Mittelpunkt des Interesses stehen, müssen auch die 3-As Berücksichtigung finden, so Tusch, der damit das Auskommen mit dem Einkommen, eine Arbeitsplatzgarantie und eine neue Arbeitsplatzqualität fordert. „Die Menschen wollen weg von Dienstplanunsicherheit und geringem Einkommen. Die Branche ist gefordert, Perspektiven zu geben. Und die Politik ist gefordert, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu setzen“, betont der vida-Vorsitzende. 

ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer brachte in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der vida und dem WienTourismus einen Vorschlag aufs Tapet: Interessierte Mitarbeiter von Stadthotels könnten zeitlich befristet eine Beschäftigung in einem Ferienhotel aufnehmen, ohne dass der Vertrag mit ihrem Arbeitgeber aufgelöst würde. Die Kurzarbeit würde für den Zeitraum ausgesetzt. „Das  muss aber sehr unbürokratisch ablaufen“, so die Hotelière des Boutiquehotel Stadthalle. Das würde allen helfen, die Mitarbeiter bekämen vollen Lohn plus Trinkgeld bei freier Kost und Logis, der Arbeitgeber reduziert seine Kosten, der andere besetze eine offene Stelle, die öffentliche Hand spare Geld und nehme sogar noch Steuern und Abgaben ein. „Die Mitarbeiterzufriedenheit ist uns mindestens so wichtig wie die Gästezufriedenheit“, so die Branchenvertreterin, die für ein Miteinander zur Bewältigung der Herausforderungen appelliert. „Geben wir dem Tourismus gemeinsam eine starke Stimme.“

Europa muss Zusammenhalt zeigen

Die Pandemie sei als Zäsur zu betrachten, das damit einhergehende viel zitierte Umdenken in Richtung mehr Nachhaltigkeit müsse laut WienTourismus-Direktor Norbert Kettner in konkreten Handlungen Niederschlag finden: „Bereits 2019 haben wir in Wiens Visitor Economy Strategie die Richtung vorgezeichnet. Nachhaltigkeit im Tourismus bedeutet auch soziale Nachhaltigkeit. Unser Credo lautet: Die gesamte Bevölkerung und der gesamte Standort müssen Nutzen aus dem Tourismus ziehen.“ Er erzählt von den Rückmeldungen der Kollegen in den europäischen Städten, dass die Mitarbeiterfrage auch dort eine der größten ist, „das ist kein spezifisches Thema für Wien oder Österreich, sondern ein globales“. 

Für den Aufschwung des Tourismus ingesamt braucht es nun mehr Europa. Die Nationalstaaten der EU sind mit ihren Reiseregimen ordentlich zerfleddert. Ebenso sei von der Politik mehr Bedacht bei den Aussagen gefragt, diese sei derzeit eine „Kakophonie“, so Kettner: „Am Dienstag heißt es, geht‘s alle schmusen und einen Tag darauf, die Delta-Variante wird ganz furchtbar“.

Michaela Reitterer wünscht sich: „Bringen wir den Grünen Pass ins Laufen, richten wir internationale Verkehrsanbindungen wieder ein, und dann werben wir, was das Zeug hält.“ 

(APA/Red)

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