26.02.2021

„Hotelstandards komplett neu gedacht“

Geschäftsmodelle innovativ neu- oder weiterentwickeln ist das Schlagwort der Stunde im Tourismus. Studenten erarbeiteten für das Hotel Sacher kreative Businessmodelle. Die Lehrenden der FHWien der WKW erklären im Interview, was dahintersteckt. 

Das Sacher ist eines der bekanntesten Hotels der Welt und auch im internationalen Maßstab eine Marke. Die Lehrenden des Competence Center for Marketing der FHWien der WKW planten über die Wiener Hotelikone daher eine Case Study für die Lehre im Bereich Marketing. Nach dem Besuch des Hauses bei der Staatsoper im Spätsommer des Vorjahres und intensiven Einblicken in die große Sacher-Welt entschied man sich, einen Schritt weiterzugehen: Die Teilnehmer des Bachelorstudiengangs Tourismusmanagement sollen vor dem Hintergrund der Problembereiche für ein Hotel aufgrund der Pandemie einen Innovationscontest bestreiten.

Über 60 Studierende der Lehrveranstaltung „Digital Marketing in Tourism“ erarbeiteten in themenspezifischen Geschäftsbereichen 13 Konzepte inklusive einer digitalen Marketingstrategie. Die zehn Business Units, mit denen sie sich beschäftigen sollten, wurden per Zufallsprinzip von den Teams gezogen und behandelten zentrale Kernbereiche des Hotelgeschäfts: von Hotel Operations, über Fine Dining und MICE bis zu „create a new business unit“. Die Endergebnisse pitchten sie im Stile von aus dem TV bekannten Start-up-Shows vor der Jury bestehend aus Anita Paic, Leiterin für Marketing und Sales der Sacher Gruppe, Marketing- und Kommunikationsspezialisten der FH Wien und den Lehrenden. Für ihre Präsentationen bekamen die Studierenden sogar sechs Minuten Zeit: Das ist die Dauer der Wegstrecke vom Stephansplatz zum Hotel Sacher.

Sacher-Schokoriegel, leerstehende Hotelzimmer als Escape Rooms, die alternative Nutzung des Gebäudedachs oder die Verknüpfung der Geschichte des Hotels und der Stadt mit dem Spa-Angebot waren nur einige der Ideen.

Wie leicht fiel den Studierenden des Lehrgangs die Projektumsetzung? Was waren die Herausforderungen, worin lag ihre Motivation? 
Julia Gumhalter (Lektorin, Competence Center for Marketing in der FHWien der WKW): Sowohl die Herausforderung als auch die Motivation der Studierenden lag in der Bearbeitung eines realen Projektes aus der Tourismuswirtschaft, für eine erfolgreiche und weltbekannte Marke und dies unter den aktuell erschwerten Bedingungen der Covid-19 Pandemie. Die Studierenden waren speziell darin gefordert, unter den ständig ändernden Richtlinien sich auf ihre Ideen zu fokussieren und den Druck der äußeren Einflüsse entgegenzuarbeiten und flexibel zu bleiben. Alle Gruppen haben diese Herausforderung bravourös gemeistert! 

Gab es Geschäftsbereiche des Hotels, mit denen sich die Studierenden leichter und welche, mit denen sie sich schwerer taten? 
Dennis Pregesbauer (Lektor an der FH Wien der WKW, Next Level Tourism Austria powered by ÖW): Wir haben die Studenten am Anfang des Semesters per Zufallsprinzip die zu bearbeitenden Business Units ziehen lassen. Zur Auswahl standen Hotel Operations (high class hotel rooms), Fine Dining Restaurant (red, green & blue salon), Coffee House (Sacher Corner), Sacher Vienna Confectionery, Create a New Business Unit, MICE Sector, International Business, Sacher Spa, Sacher for Kids sowie Servus Vienna. Die Studierenden hatten vielleicht ihre Anfangsschwierigkeiten, aber sie konnten durch die Praxiserfahrung schnell ins Thema eintauchen. Sie haben den bestehenden Standard des Hotel Sacher komplett neu gedacht. Das heißt, viele Punkte wurden aus der Perspektive einer Zielgruppe wie der der Studierenden betrachtet nach dem Motto „was würde ich mir in Zukunft vom Hotel Sacher wünschen?“. Hier entstanden die neusten und interessantesten Ideen.
Gumhalter: Auf den ersten Blick wirken einzelne Geschäftsbereiche schwieriger, aber prinzipiell haben alle Bereiche gleich viel Potential für Veränderung bzw. Verbesserung – generell kann gesagt werden: Je schwieriger die Suche nach einer Innovation erscheint, desto mehr Ressourcen werden eingesetzt und desto höher ist die Chance für einen wirklich großen Erfolg. 

Was zeichnete die besten Arbeiten aus?
Gumhalter: Die besten Arbeiten glänzen speziell durch Kreativität und Neuartigkeit sowie einen hohen Differenzierungsgrad und Abstimmung auf die strategische Ausrichtung der Sacher-Gruppe. Hervorzuheben sind auch neugedachte Kooperationsmöglichkeiten. 
Christian Lendl (Lektor an der FH Wien der WKW; Experte zu Themen wie Fotografie, Videoproduktion und Design Thinking): Bei den wirklich herausragenden Arbeiten merkt man schnell, dass sich die Studierenden dem Projekt mit vollem Elan gewidmet haben und „the extra mile“ gegangen sind, um sowohl die grundlegende Idee ihres Projekts zu optimieren, als auch die praktische Umsetzung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und bestmöglich auszuarbeiten. Man merkt als Lektor hier sehr schnell, dass es diesen Gruppen nicht nur um das Abarbeiten einer Aufgabe geht, sondern sie wirklich an ihre Idee glauben, entsprechend viel Zeit und Energie investieren und diese auch gerne in der realen Welt umsetzen möchten. 

Junge Generationen haben oft einen sehr unkomplizierten Zugang und eine hemdsärmelige Handhabung digitaler Lösungen. Was können Betriebe von den Studierenden lernen? 
Gumhalter: Die Studierenden sind zum Großteil digital natives. Es fällt ihnen dementsprechend leicht, mit neuen Medien zu arbeiten, Content und Beispiele speziell für ihre eigene Zielgruppe in kürzester Zeit zu erstellen und Unternehmen dabei zu unterstützen, der Ansprache über digitale Medien einen Anstoß zu geben. Die Studierenden sind in der Lage, damit Transformationsprozess anzukurbeln. 
Lendl: Gerade im Bereich der digitalen Medien hat man, wenn man sich schon über Jahre mit dem Thema beschäftigt, oft eine gewisse Betriebsblindheit entwickelt und betrachtet neu aufkommende Portale oft als „more of the same“, weil man schon so viele kommen und gehen gesehen hat. Die junge Generation an Studierenden geht hier zumeist ohne diese Vorurteile heran und findet so oftmals neue und innovative Verwendungsmöglichkeiten, an die „alte Hasen“ gar nicht gedacht hätten. 

Was waren die Lernfelder für die Lehrenden selbst? 
Pregesbauer: Ich denke, dass alle Beteiligten viel lernen konnten. Für die Studierenden gab es einen weltweit renommierten Hotelbetrieb als echten Use Case. Und für als Unterrichtende war es in Zeiten von Distance Learning und Covid-19 eine Herausforderung, einen Unterricht so interessant zu gestalten, dass keiner bei virtuellen Lehreinheiten oder aufgezeichneten Vorlesungen einschläft (lacht). Wir haben versucht, kurze Input-Sessions zu machen und die Studierenden dann an Ideen und Konzepten arbeiten lassen, um wirklich kreativ zu werden. 
Das Finale war ebenfalls ein großes Learning, da wir uns dem Format von „Shark Tank“ (Anm.: in etwa wie „2 Minuten 2 Millionen“ auf Puls4) angenommen haben und die Studierenden in einem Zeitfenster von sechs Minuten – das ist die Gehdistanz vom Stephansplatz zum Hotel Sacher – gegeben haben, um ihre Idee so gut wie möglich zu pitchen.

An welchen Schrauben würden Sie bei einer Wiederholung des Projekts drehen?  
Pregesbauer: Das freie Lernen und Erarbeiten müssen wir den Studierenden noch mehr vermitteln. Julia und ich haben ihnen eher Werkzeuge und Denkweisen mitgegeben, als fixfertige Vorlagen ... 
Gumhalter: Für Innovationen und Kreativität gibt es eben nicht eine Formel oder ein Template, jedoch ist es möglich, alte Denkmuster hinter sich zu lassen und neue Denkmuster zu erlernen, die Innovation und Kreativität in vielen Facetten zulassen. 
Pregesbauer: We are not the bad cops! Es hat ein paar Wochen gedauert, bis unsere Studierenden unsere Rolle als Mentor bzw. Coach wirklich angenommen haben und dann mit unserem Feedback und Input besser arbeiten konnten. 
Gumhalter: Es war auch eine neue Erfahrung, die Lehrenden als Sparringspartner anzunehmen und nicht ausschließlich als „Notengeber“ zu sehen – auch dies ist natürlich nicht immer üblich in einem „normalen“ Lernprozess und gehört vielleicht auch zum neuen Denkmuster dazu, dass wir provozieren wollten. Diese Rolle möchten wir zukünftig von Beginn der Lehrveranstaltung noch klarer kommunizieren, um vielleicht die Zeit mit den Studierenden noch besser und produktiver nutzen zu können. 

Lesetipp! Den zweiten Teil des Interviews über die Bedeutung des Digital Marketing für den Tourismus lesen Sie hier

Angebot für Lernfreudige
Ab dem Wintersemester 2021 wird es an der FHWien der WKW einen neuen englischsprachigen Masterstudiengang Urban Tourism & Visitor Economy Management (vorbehaltlich Akkreditierung der AQ Austria). Bei diesem Programm liegt der Fokus darauf, den Tourismus auf internationaler Ebene neu zu denken. Infos unter:
www.fh-wien.ac.at/tourismmaster

 

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