01.07.2021

"Ich bin kein Illusionist, ich bin Visionär"

Gerald Hackl ist Vorstandsvorsitzender der VIVATIS Holding AG und spricht in einem seiner seltenen Interviews über die unterschiedlichen Ein- und Verkaufsmotive, das abgeschlossene und das anstehende Geschäftsjahr sowie sein Verständnis von Verantwortung und österreichischer Herkunft.

Das obere Ende der Kärntnerstraße ist wie ein Tor in eine andere Welt: Die Staatsoper und das Hotel Imperial bilden den kaiserlichen Übergang vom Verkehrsknotenpunkt Karlsplatz zur Einkaufsmeile in die Innenstadt. In der Mitte breitet sich das Palais Todesco aus, das Zuhause des ehemaligen K. u. K Hofzuckerbäckers Gerstner, seit Kurzem (vorbehaltlich der Zustimmung durch die Bundeswettbewerbsbehörde) Teil der österreichischen Nahrungs- und Genussmittelgruppe VIVATIS. Wir trafen den Vorstandsvorsitzenden Gerald Hackl im mondänen Hinterzimmer in der Beletage, das eigentlich eher als Kaminsalon zu bezeichnen ist. Neben einigen Tassen Kaffee konnte man ihm den Stolz und die Freude deutlich anmerken, sein „Wiener Außenbüro“ nun in diesen Räumlichkeiten aufschlagen zu können. 

Herr Hackl, warum haben Sie Gerstner gekauft?
Ich kenne Oliver Braun schon sehr lange. Wir haben sehr gute und intensive Gespräche über seine Gerstner-Gruppe geführt und ausführlich über die Zukunft des Unternehmens diskutiert. Irgendwann meinte er, dieses Unternehmen würde doch sehr gut zu uns passen und er möchte sich gerne auf seinen Bereich der Hotellerie konzentrieren. Gerstner ist eine Marke mit Weltruf, der K. u. K. Hofzuckerbäcker im Palais Todesco, das Catering der Staatsoper, nächstes Jahr auch wieder der Opernball, die Reed Messe, der Musikverein, das war einfach der nächste Schritt und die Chance im Wiener Bereich zu wachsen, in die Breite zu gehen. Dies natürlich vorbehaltlich der Zustimmung durch die Bundeswettbewerbsbehörde, die wir Ende Juni erwarten. 

Sie stärken damit Ihren Gastronomieanteil, in eher unsicheren Zeiten…
Die hohe Perfektion möchten wir weiter ausführen. Zu unserer GOURMET-Gruppe gehört ja mit dem Café Schwarzenberg oder dem Rathauskeller auch die klassische Gastronomie, das Café im Kunsthistorischen und Technischen Museum, dann die Eventgastronomie wie die Wiener Stadthalle oder das Ernst Happel Stadion. Allein damit sind wir schon große Gastronomen in Österreich, was ursprünglich gar nicht so sehr unser Fokus war. Es ist auch nicht der größte, aber mittlerweile ein sehr wichtiger Bereich unseres Portfolios geworden.

Wieviel Umsatz kommt aus diesem Segment?
Es werden Post-Corona über 50 Millionen Euro sein.

Aktuell steht die Eventgastronomie ja noch still?
Ja, in der Stadthalle oder im Ernst-Happel-Stadion sind wir seit über einem Jahr zu. Auf der anderen Seite haben wir Tag und Nacht produziert, um als Teil der kritischen Infrastruktur den Lebensmittelhandel zu bedienen – erinnern Sie sich an die Hamsterkäufe zu Beginn der Krise – und die Menschen zu versorgen. Wir machen aber nur rund 25 Prozent des gesamten Umsatzes der VIVATIS mit dem Lebensmittelhandel. 75 Prozent erwirtschaften wir in anderen Bereichen, wovon Teile vollkommen weggebrochen sind, wie die Zustellung zur Gastronomie oder Hotellerie, geschlossene Schulen, Büros mit Mitarbeitern im Home-Office, Sie alle kennen das ja. Unsere Marken SENNA oder KARNERTA, aber auch WEINBERGMAIER und GOURMET sind hauptsächlich in diesem Bereich, nämlich in der Hotellerie, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung vertreten.

Was bedeutet das in Zahlen? 
In der gesamten VIVATIS-Gruppe haben wir im Jahr 2020 COVID-bedingt über 100 Mio. Euro an Umsatz verloren.

Frisch & Frost wurde ja von WEINBERGMAIER übernommen, wie sieht da die Entwicklung aus?
Stellen Sie sich vor, als ich vor acht Jahren zur VIVATIS kam haben wir 1.750 Tonnen Knödel, Suppeneinlagen und Kaiserschmarren produziert. In diesen Bereich haben wir in den letzten Jahren über 20 Mio. Euro investiert, um bis zu 12.000 Tonnen dieser Produkte herstellen zu können. Wenn COVID vorbei ist, werden wir über 9.000 Tonnen produzieren. Das ist, was mich begeistert. 

Wie sieht das heurige Jahr aus?
Die ersten Monate waren ebenfalls noch sehr von COVID beeinflusst und mühsam, doch ich denke, dass wir heuer ein starkes Wachstum hinlegen werden, in erster Linie durch Zukäufe und Akquisitionen. Aber wir wachsen auch in den bestehenden Bereichen teils sehr stark. Ich schätze, dass wir 2021 die 900 Millionen Euro Umsatzgrenze überschreiten werden, ohne die Zukäufe rechne ich COVID-bedingt mit rund 830 Millionen Euro. Aktuell beschäftigen wir 2.700 Mitarbeiter, dann werden wir rund 3.400 Mitarbeiter haben. 

Wo denn? 
Zum Beispiel in der Gemeinschaftsverpflegung, in unserem 2019 von GOURMET übernommenen Unternehmen SF Franken Catering in Nürnberg. Aber auch in vielen anderen Bereichen, wenn ich an WEINBERGMAIER, KARNERTA, SENNA oder MARESI denke. Ebenso durch die jüngst übernommene WOJNAR-Gruppe – vorbehaltlich der Zustimmung durch die Bundeswettbewerbsbehörde.


„Wenn etwas in unser Portfolio passt, sagen wir nicht nein, aber wir prüfen sehr genau.“


Sind hierzulande noch weitere Cateringunternehmen spannend für Sie? Einigen geht es ja aktuell wirtschaftlich nicht sehr gut und wären wohl zu einem attraktiven Preis zu haben.
Danach gehen wir nicht, es muss einfach gut zu uns passen. Wir sind in Deutschland aktiv auf der Suche, in Österreich nicht. Wenn etwas in unser Portfolio passt, sagen wir nicht nein, aber wir prüfen sehr genau. Doch ich will auf keinen Fall um jeden Preis wachsen, sondern gesund und qualitativ. Wir wollen unsere strategischen Geschäftsfelder vorrangig organisch weiterentwickeln, wenn ein Zukauf passt, dann aber gerne. 

Was war der Grund, sich 2017 von den beiden Fleischmarken Loidl und Landhof zu trennen? 
Das war eine ganz klare, strategische Entscheidung: Es gab 30 bis 40 Prozent Überkapazitäten in Österreich, wir wollten uns konzentrieren und haben damals mit dem Top-Unternehmer Marcher einen Interessenten gefunden, der die Unternehmen und Marken übernommen hat und ausgezeichnet weiterführt. Ich erinnere mich genau, wir haben uns eine halbe Stunde intensiv unterhalten und waren uns grundsätzlich handelseins. Drei Wochen später war der Deal fixiert.

Was war der Hintergrund von KARNERTA die Kooperation mit der BVG (Bäuerliche Vermarktung Kärntner Fleisch) einzugehen? Gab es Konflikte?
Ganz und gar nicht. Wir haben schon immer sehr gut und wertschätzend zusammengearbeitet. Das sind alles Top-Bauern, die ihre Betriebe ausgezeichnet führen. Unsere Idee war, noch intensiver zu kooperieren und näher zusammenzurücken. Sich gemeinsam weiterzuentwickeln, gerade in Zeiten, in denen regionaler Rohstoff so wertvoll und wichtig ist. Diese Idee schwelte schon länger in unser beider Köpfe. Die Bauern kümmern sich um die Aufzucht, wir zerlegen das Fleisch, vertreiben es in den eigenen Märkten und am Markt treten wir dann gemeinsam auf.

Was hat sich aus Ihrer Sicht im Bereich Tierwohl getan? 
Da gibt es – aus meiner Sicht – laufend sehr gute, nachhaltige Entwicklungen und vor allem, und das muss ja das Ziel sein, für das Wohl und die artgerechte Haltung der Tiere. Man muss nur eines ganz offen sagen, dass auch den Bauern die Zeit gegeben werden muss, um das praxistauglich umsetzen zu können. 

Wie war das bei Ihrem aktuellen Zukauf von Wojnar?
Wir haben ein Konzept vorgelegt, das den Standort, die Arbeitsplätze und die Wortschöpfung in Österreich sichert. So ist es gelungen, diese Partnerschaft mit WOJNAR – vorbehaltlich der Zustimmung durch die Bundeswettbewerbsbehörde – einzugehen. Ich bin aber kein Illusionist, ich bin ein Visionär und will Lebensmittelproduktionsbetriebe in Österreich halten. Dafür brauche ich Partner im Handel und in der Urproduktion. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, werde ich niemandem das letzte Hemd nehmen. Ich muss mir auch keine goldene Nase verdienen, aber das, was ich brauche, um zu reinvestieren. Der Großteil, den wir verdienen, bleibt im Unternehmen: Es wird in neue Produkte, in die Standorte, in Innovationen, die Mitarbeiter, Digitalisierung und so weiter investiert.

Wie stehen Sie zur aktuellen Diskussion um die Anhebung von Fleischpreisen?
Die Diskussion wird meiner Meinung nach sehr einseitig und polarisierend geführt. Ich denke, man muss dem Konsumenten erklären, was er kauft. Wir haben alle in der Krise bemerkt, wie wichtig es ist, im eigenen Land Lebensmittel zu produzieren, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Regionalität, Bio und hochwertige Produkte, auch Convenience-Produkte werden immer stärker nachgefragt. Wenn man transparent kommuniziert, wird man irgendwann soweit sein, dass der Konsument den einen oder anderen Cent mehr dafür auszugeben bereit ist. Dort müssen wir ansetzen und hinkommen.

Im Vergleich zu anderen Lebensmittelkonzernen steht Ihre Dachmarke nicht im Zentrum. Warum und soll sich das ändern?
Wir werden sicherlich nicht überall VIVATIS draufschreiben. Aber wir werden ganz deutlich kommunizieren, dass VIVATIS ein 100 Prozent österreichisches Unternehmen ist, so auch die Produkte, unsere Marken und unsere Leistungen, die wir in den Mittelpunkt der Kommunikation stellen. Der Vorteil ist, dass wir als österreichisches Unternehmen eigenständig entscheiden und gestalten können, das ist das Schöne. 

Warum steht dann nicht größer auf den Marken drauf, dass die Ware aus Österreich kommt?
Das tun wir doch eh sehr stark. Bei GOURMET ist es uns beispielsweise gelungen, endlich komplett auf österreichisches Hühnerfleisch umzustellen. Das kostet uns aktuell 600.000 Euro im Jahr, das uns im Moment niemand zahlt. Aber irgendwann wird sich auch das auszahlen, die Konsumenten legen immer mehr Wert darauf. Überall, wo es irgendwie geht, beziehen wir unsere Rohstoffe aus heimischer Produktion. Wir verarbeiten aktuell über 100.000 Tonnen österreichischer Rohstoffe, sind einer der größten Abnehmer der heimischen Landwirtschaft und sind somit ein sehr wichtiger und vor allem verlässlicher Partner. 

Ist noch mehr zum Thema Regionalität geplant?
Wir sind schon sehr, sehr regional aufgestellt was Rohstoffe, Produktion und Wertschöpfung in Österreich betrifft. Wir sehen uns auch als einen ganzheitlichen Verwerter/Verarbeiter. Denn was nicht mehr für den menschlichen Verzehr verwendbar ist, wie z.B. Schlachtnebenprodukte, verarbeiten wir zu hochwertigen Rohstoffen, z.B. für die PET-Food-Industrie. Mittlerweile sind das an die 340.000 Tonnen. 


„Wachsen wollen und werden wir sowohl organisch als auch akquisitorisch in der Gemeinschaftsverpflegung.“
 

In welchem der großen Bereiche wollen Sie heuer und in weiterer Zukunft besonders wachsen?
Wir haben eine klar festgelegte von der Holding ausgehende Konzernstrategie, welche in alle unsere Konzerngesellschaften durchdringt. Wachsen wollen und werden wir sowohl organisch als auch akquisitorisch in der Gemeinschaftsverpflegung – also GOURMET – sowohl in Österreich als auch in Deutschland, im Bereich der TK-Convenience-Produkte mit WEINBERGMAIER, d.h. mit den Marken Toni Kaiser und Bauernland sowie mit KARNERTA im Fleisch- und Teigwarenbereich. Ganz klar auch mit MARESI in Österreich und in den CEE-Ländern, mit SENNA im Margarine- und Feinkost-Bereich sowie jetzt natürlich mit dem Segment Frische- und Kühl-Convenience durch den Zukauf von WOJNAR. Auch im Dienstleistungsbereich, sprich DAILY und PUREA (TKV-Betriebe), haben wir in den nächsten Jahren einiges vor.

Überlegen Sie hier noch in weitere Länder vorzudringen?
Ja, das ist durchaus geplant. 

Sie verfügen ja auch noch über den Bereich der Dienstleistungen, was tut sich dort?
Genau, in der Tiefkühl-Logistik bauen wir gerade in Himberg (NÖ) ein vollautomatisches Tiefkühllager um 40 Millionen Euro. Wir sind in Asten (OÖ) bereits mehr als ausgelastet, bewegen rund 100.000 Tonnen Tiefkühlware pro Jahr. Wir hätten auch in Asten zubauen können, doch der Nachhaltigkeit geschuldet können wir so Millionen LKW-Kilometer einsparen. Da das Geschäft im Osten sehr stark wächst, ist es sinnvoll, dort auch eine Drehscheibe zu haben. Das reduziert unseren CO2-Fußabdruck enorm. Der zweite Bereich ist hier die Tierkörperverwertung unter dem Namen PUREA.

Wie teilt sich eigentlich der Umsatz in der VIVATIS-Gruppe auf?
Ungefähr ein Viertel des Umsatzes erwirtschaften wir im Lebensmittelhandel, ein Viertel in der Gemeinschaftsverpflegung, ein weiteres Viertel im B2B-Bereich und den Rest im Ausland/Export. 

Werden Sie in naher Zukunft einen Nutriscore auf die Produkte drucken? 
Ich habe immer klar gesagt, dass Transparenz im Lebensmittelbereich wichtig ist für den Konsumenten. Doch was ich sicherlich nicht unterstütze, ist ein österreichischer Alleingang in diesem Bereich. Wenn wir jetzt umstellen und in einem Jahr stellt die EU wieder alles um, ist das extrem wettbewerbsverzerrend und sinnlos. Das muss auch die österreichische Bundesregierung verstehen. Viele Initiativen in Österreich sind ja gescheit und sinnvoll, wenn man an die Zucker- oder Salzreduktion, an „Clean Labelling“, an Recycling oder Müllvermeidung und was es sonst noch alles gibt, denkt. Ich finde es nur schade, wenn wir uns, was sehr oft durch „Gold-Plating“ in Österreich passiert, gegenüber den ausländischen Mittbewerbern zum Teil massiv schwächen.

Von den drohenden Werbeverboten wären ja zahlreiche Ihrer Marken betroffen?
Auch hier bin ich der Meinung, es muss einheitliche Richtlinien geben, was erlaubt ist und was nicht. Ich bin vollkommen dafür, dass es keine irreführende Werbung gibt. Aber man muss doch die Kirche im Dorf lassen. 

Wo werden die Konsumenten Innovationen erleben?
Ich denke, dass es eine breite Kombination aus Regionalität, Saisonalität, Bio, hochwertige Convenience sowohl im Frische- und Kühlbereich genauso im TK-Bereich, als auch beim Thema Vegetarisch/Vegan sein wird. Ernährung hat Gott sei Dank wieder einen Stellenwert bekommen, ist teilweise sogar zum Status-Symbol geworden. Köche und Food Blogger werden teilweise wie Stars gefeiert.

Danke für das Gespräch.



Der Aufbau der VIVATIS 

Nahrungsmittel 

1.    GMS Gourmet (Wien, St. Pölten, Österreich)
a.    SF Franken Catering Gmbh (Nürnberg, Deutschland)
b.    Gerstner Catering (Wien, Österreich)

2.    Senna Nahrungsmittel (Wien, Österreich)
a.    Senna SRL (Bolzano, Italien)

3.    Karnerta (Klagenfurt, Österreich)
a.    FW Trading (Klagenfurt, Österreich)
•    FWT Ungarn
•    FWT Deutschland

4.    Maresi Austria (Wien, Österreich)
a.    Maresi Foodbroker Ungarn
b.    Maresi Foodbroker Tschechien
c.    Maresi Foodbroker Slowakei
d.    Maresi Foodbroker Rumänien

5.    Weinbergmaier (Wolfern, Wien, Österreich)

6.    Wojnar – vorbehaltlich der Zustimmung durch die Bundeswettbewerbsbehörde (Wien, Österreich, Leutkirchen, Deutschland)

Produktion & Dienstleistung

1.    Daily Service (Asten, Österreich)
2.    PUREA Austria GmbH (Gabersdorf, Steiermark und Regau, Oberösterreich)
3.    TKV Burgenland GmbH (Unterfrauenhaid, Burgenland)
4.    TKV Oberösterreich (Regau, Österreich)
a.    Ecofly GmbH 45% Beteiligung

Beteiligungen: 22,32% VOG Einfuhr und Großhandel mit Lebensmitteln und Bedarfsgütern (Linz, Österreich) mit Marken wie Lenz Moser, Rapso

VIVATIS in Zahlen
Umsatzerwartung 2021: rd. 900 Mio. Euro
Marken: 70 (Eigenmarken: darunter die leichte Muh, Maresi, Knabber Nossi, Inzersdorfer, Himmeltau, Toni Kaiser, Bauernland, Partnermarken: darunter Twinings, Ovomaltine, Dextro Energy, Lavazza, Isostar, …)
Mitarbeiter (2021): rund 3.400

(Von Margaretha Jurik)

Branchen-News, die Sie wirklich brauchen!

Partner

Mediadaten