05.06.2020

„Ich habe eine große Schwäche“

Wenn Reiner Heilmann über seine 32 Direktorenjahre in der Wiener Spitzenhotellerie spricht, dann sind auch die Original Sacher-Torte, besondere Gäste, seine persönliche Zukunft und die Ausnahmezeit wegen Corona Thema. Wienerisch wird er niemals werden, er hat sich dahingehend aber auch nicht angestrengt.

Keine Geschichte ohne aktuellem Lagebericht: Zum Zeitpunkt des Interviews, am Tag der Öffnung ist Reiner Heilmann wie immer: vergnügt, entspannt, freundlich und leidenschaftlich Hotelier: „es gibt Buchungen, und ab Mittag erwarten wir unsere Gäste.“ Doch in diesem Interview geht es um Reiner Heilmann selbst, ein Umstand, der dem Direktor nicht sehr recht ist: „Ach, ich bin doch nicht so wichtig“, meint er. Doch, meinen wir.

Hotel & Touristik: Herr Direktor, ich erwische Sie am Tag vor dem großen Tag, der Eröffnung.
Reiner Heilmann: Genau. Obwohl wir uns mit dem Tag der Eröffnung schon sehr lange beschäftigen, weil da natürlich ungeahnte Dinge vorzubereiten sind. Doch wir sind guter Dinge.

Gibt es Buchungen ab dem ersten Tag?
Es gibt Buchungen, aber natürlich weit weg von der Normalität, weil die Grenzen natürlich noch geschlossen sind. Es sind also Buchungen von Österreicherinnen und Österreichern, und auch von Wienerinnen und Wienern, die ihre Stadt einmal von einer anderen Seite kennen lernen wollen. Tatsache ist, dass wir neue Buchungen für den ersten Tag dazu bekommen haben. Es ist überschaubar, aber wir freuen uns über jeden Gast.

Wir gehen davon aus, dass ab Mitte Juni, bei den Airlines und an den Grenzen Bewegung hineinkommt, dass auch wir in den Wiener Hotels das spüren. Sie müssen wissen, wir haben einen Anteil von 92 Prozent internationale Gäste im Sacher. Einen ähnlichen Anteil hat die 5-Sterne-Hotellerie in Wien, die Stadt Wien über alle Kategorien liegt bei ungefähr 82 Prozent.

Hier sehen Sie, dass wir abhängig sind von internationalen Gästen. In anderen Bundesländern funktioniert es sicherlich anders, da steigt man einfach ins Auto oder in den Zug und fährt hin.

Wie schafft man es, die 5-Sterne-Hotellerie betriebswirtschaftlich sinnvoll offen zu halten, wo der Personalaufwand ja so enorm hoch ist?
Das schafft man natürlich nicht. Schaut man sich die Gastronomie an, die ja schon vor ein paar Wochen aufsperren durfte. Es ist eine einfache Rechnung, wir brauchen internationale Gäste, doch die sind nicht da. Also bleibt nicht viel übrig. Aber es ist auch eine Chance, ein Signal, wenn wir aufsperren, auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass es nun wieder losgeht. Wir haben auch überlegt, in Salzburg warten wir noch die laufende Bauphase ab und öffnen erst am 26. Juni. Doch wir haben in Wien Tag 1 auf den 29. Mai gesetzt und sind gut vorbereitet und haben uns bewusst dafür entschieden. Von einem umsatzstarken Pfingstwochenende müssen wir uns leider alle verabschieden.

Sind Sie in Kurzarbeit?
Ja, wir sind alle in Kurzarbeit, weil wir alle Beschäftigten halten wollen. Es ist eine Herausforderung für alle, doch es ist sicherlich die beste Variante, die es gerade gibt.

Warum gehen Sie weg vom Sacher?
Ich habe über diese Entscheidung sehr lange nachgedacht, sie reift in meinem Kopf seit vielen Jahren. Sie können sich vorstellen, dass man so eine Entscheidung nicht von heute auf morgen trifft. Ich liebe und lebe diese Aufgabe hier, sonst hätte ich das auch nicht 32 Jahre lang gemacht. Ich finde das Sacher eine spannende Marke in einer wunderbaren Stadt ist. Wir haben auch sehr viel miteinander erreichen können. Doch einmal noch wollte ich in meinem Leben etwas Anderes machen, nicht aus einer Unzufriedenheit heraus.

Wie wurde die Entscheidung denn angenommen?
Sie waren schon sehr überrascht, es wurde auch alles unternommen, um mich umzustimmen. Der Moment war traurig und schön, extrem emotional, aber es fühlt sich richtig an. Ich werde dem Haus, den Eigentümern und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer verbunden bleiben, und bis Ende des Jahres noch im Unternehmen. Doch parallel bereite ich mich ab Juli schon auf meine neue Tätigkeit vor. Ich habe immer gesagt, ich werde nicht einfach in einem anderen Haus die gleiche Aufgabe anstreben, das möchte ich gar nicht. Die Frage hat sich aber auch nicht gestellt.

Sondern?
Ich werde mich auf kleinere Privathotels konzentrieren, die sich umstrukturieren oder neu aufstellen wollen oder müssen. Das meine ich inhaltlich und baulich, die Kombination werde ich fokussieren.

In Österreich?
Ja, ich bleibe hier. Es gibt schon einige Projekte und ernstzunehmende Ideen.

War das Ihre Idee?
Ja, doch es hat an Dynamik gewonnen, seit mein Ausscheiden publik wurde, da sind einige Menschen mit vielen Ideen auf mich zugekommen. Doch ich würde nur in Bereichen tätig werden, die nicht im direkten Wettbewerb zum Sacher stehen. Ich wollte einfach noch einen Fußabdruck hinterlassen, und man muss ehrlicher Weise sagen, die biologische Uhr tickt.

Aber nicht ernsthaft, oder?
Ich bin 56 und heute habe ich den Luxus nicht mehr, dass ich Dinge, die ich machen möchte, ungeniert aufschieben kann. Es ist Zeit, sie zu tun. Ich muss realistisch sein, entweder ich mache es jetzt, oder ich lasse es.

Was werden Sie jetzt machen?
Zunächst bin ich noch bis Ende Juni in meiner Position, dann werde ich bis Ende des Jahres „unsichtbar“ für das Hotel Sacher tätig sein.

Sie gehen aber nicht in Pension.
Nein, ein schreckliches Wort. Dafür fühle ich mich viel zu jung, und es gibt einfach noch etwas zu tun. Abgesehen davon habe ich noch viel Energie.

Warum haben Sie der Sacher-Torte so viel Elan geschenkt?
Bitte, schreiben Sie Original Sacher-Torte. Damit habe ich all meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „wahnsinnig“ gemacht. Es wird für sie alle wahrscheinlich eine Erlösung sein. Aber das ist wichtig, das ist der geschützte Name. Die Torte und das Hotel sind unzertrennlich miteinander verbunden, eines ist ebenso wichtig, wie das andere. Und: ich habe eine riesige Schwäche für Süßes!

Aber warum war Ihnen das so wichtig?
Erstens habe ich eine riesige Schwäche, und zwar für alles, was süß ist. Und zweitens war damals, als ich im Hotel Sacher Wien Direktor wurde, die Manufaktur noch im Hotel. Das lief parallel im Haus. Dann sind wir gewachsen und die Manufaktur musste ausgelagert werden, ist auch gut für mich, stellen Sie sich vor, es riecht den ganzen Tag nach der Original Sacher-Torte und ich muss dem widerstehen. Doch es hat einfach immer zusammengepasst: Das Hotel und die Original Sacher-Torte.

Wofür steht sie?
Sie ist eine wunderbare Botschafterin, eine Türöffnerin, im der Holzkistchen, das ist ein wunderbares Geschenk. Ich kann sagen, das Hotel ist mir genauso wichtig wie die Original Sacher-Torte, sie sind auch fast unzertrennlich. Doch alles begann mit der Original Sacher-Torte 1832 und das Hotel kam erst 1876. Es sind zwar heute zwei Unternehmen, aber sie gehören zusammen.

Was ist denn für Sie die antreibende Kraft, warum sind Sie in der Hotellerie?
Da gibt es eigentlich nur einen einzigen Grund, all das zu tun: und das sind die Menschen. Die Gäste, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Partner und Kunden. Das macht es aus. Diese tollen Begegnungen, die man ständig hat, intern und extern. Das ist der Kernpunkt.

Merken Sie sich Menschen und Gesichter leicht?
Ja, schon. Gesichter natürlich viel leichter, aber grundsätzlich ja. Ich muss manchmal kurz nachdenken. Aber dieses Erkennen und Wiedererkennen, das ist ja das Besondere und Wichtige in der Hotellerie. Man begegnet einander nicht anonym, man setzt an, wo man aufgehört hat. Und das ist in allen Positionen wichtig. Damit wird der Gast zum Stammgast, und das muss ja immer das oberste Ziel sein. Dieses Persönliche ist für uns als „kleineres“ Hotel ganz wichtig, und ich glaube auch in Zukunft wird genau das immer wichtiger.

Haben Ihnen in den vielen Jahren in der Hotellerie die Feiertage gefehlt?
Erst letzte Woche hat mich jemand darauf angesprochen. Aber es war für mich nicht vordergründig, auch nicht für meinen Neustart. Ich mache das für mich selbst. Denn Wesentlich ist: Wenn man etwas gerne macht, egal was, dann ist die Zeit relativ. Wenn man den Beruf zu einer Berufung machen kann, ist das etwas ganz Tolles Besonderes. Wenn keine Leidenschaft dabei ist, wird es schwierig bis unmöglich.

Sie haben 32 Jahre Wiener Stadthotellerie mitgestaltet, wie hat sich Wien in den Jahrzehnten verändert?
Als ich vor über 30 Jahren hier landete, war es eine „düstere“ Stadt mit dunklen Fassaden prachtvoller Gebäude. Kaum internationale Hotels, eine überschaubare Gastronomie, Wien war „irgendwo“ im Osten Österreichs. Ich erinnere mich, als Direktor Peter Weck das Musical „Cats“ nach Wien holte. Wien brach auf, jüngere Leute kamen nach Wien, es wurde gebaut, modernere Kultur ließ sich nieder, da begann sich Wien vollkommen zu drehen. Heute ist sie zum zehnten Mal lebenswerteste Stadt, sie ist hell, freundlich, bewegt, modern und traditionell zugleich, sie ist wunderbar, faszinierend und bewegt sich noch.

Dann war es damals wohl noch mutiger, sich von Melle nach Wien in ein Luxushotel zu begeben?
Es hat jede Zeit seine Zeit. Es ändert sich viel. Es muss sich immer etwas bewegen. Stillstand kann sich niemand erlauben. Es gab immer schon Zyklen, in denen sich etwas tun muss. Inhaltlich und baulich. Wer stehen bleibt, hat schon verloren.

Muss es sich auch immer nach oben bewegen? Wachstum um jeden Preis?
Ja, das ist die Frage. Corona hat uns das gezeigt. Es konnte sich niemand vorstellen, dass man einfach von heute auf morgen auf Null gestellt wird. Dass das möglich ist, konnte sich keiner vorstellen. Es ist wie ein schlechter Science-Fiction-Film. Doch es sind auch diese Werte, derer man sich nun wieder besinnt. Freunde, Familie, Zusammenhalt, Zeit füreinander. All diese Dinge werden nun auch hinterfragt, runterfahren für die wichtigen Dinge. Aber, man ist in einer Destination wie Wien auch erfolgsverwöhnt. Doch dann wird uns allen gezeigt, bumm! Das ist nicht selbstverständlich.
Es wird die Frage sein, wie wir diese Erwartungen nun überarbeiten oder wieder hochfahren. Ich hoffe, dass wir alle etwas daraus gelernt haben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir alle soviel gelernt haben, wie wir sollten. Aber ich denke schon, dass inhaltlich und wirtschaftlich etwas nachhaltig verändern wird, ja muss.

Gibt es einen Gast, der seit 32 Jahren kommt?
Ja, es gibt Gäste, die begleiten einen regelmäßig, über viele, viele Jahre hinweg. Die sind wahre Sacherianer.

Wie hat sich das General Manager Council Vienna (GMC) über die Jahre entwickelt?
Ich halte diesen Austausch für sehr wichtig. Für alle Branchen. Wir sprechen ja über allgemeine Themen oder haben Vortragende. Die verschiedenen Sichtweisen zu sehen und Vortragende anzuhören, globale Themen zu besprechen und sich unter Kollegen auszutauschen ist sehr wichtig.

Ist das wie Rotary für die Luxushotellerie?
Ja, das kann man sagen, obwohl der Luxus in diesem Sinne nicht wichtig ist. Der Austausch untereinander ist wichtig. Ich war der längst dienende GM in einem Hotel, und nun gebe ich das Zepter weiter an Dieter Fenz, der ist glaube ich schon 25 Jahre in seiner Position. Das ist ungewöhnlich, die normale Rotation liegt bei 3 bis 5 Jahren.

Die Grundidee war?
Der Austausch, das Kennenlernen, das Bemühen um die Destination Wien. Wenn man auf eine Stadt aufmerksam machen möchte, dann geht das nur gemeinsam. Wir haben damals viel für die Außenansicht bewirken können. Wir sind als Luxushotels hervorgetreten um auch Wien damit zu unterstützen.

Der Fachkräftemangel ist nun in den Hintergrund getreten. Was können wir aus der Krise mitnehmen?
Naja, das Wichtigste im Unternehmen sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mindestens so wichtig wie die Gäste. Das haben wir aber schon länger erkannt. Doch wir müssen uns noch viel mehr um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern, um Zukunft zu haben. Nun bewegen wir uns von dem einen Extrem zum anderen, es ist unglaublich, wie viele Bewerbungen aktuell eintreffen, noch bevor das Geschäft wieder zurückkam.

Sie haben ja viele  Mitarbeiter mit eingestellt, was ist dieser Sacher-Geist, den man braucht?
Wir suchen immer mehr „Typen“. Natürlich suchen wir immer mehr perfekt fachlich ausgebildete Menschen. Doch es wird immer weniger geben, die diese Ausbildung haben. Wir müssen also auch darauf schauen, wie wichtig dem Menschen der Gast ist. Ist er bereit, Gastgeber zu sein? Wie viel hat er in sich, um dem Gast Wohlbefinden zu ermöglichen? Natürlich, ein Koch muss immer kochen können. Aber es gibt Dinge, die muss der Mensch einfach in sich haben. Das ist eines der wesentlichen Dinge, die auch in der Zukunft immer wichtiger werden. Denn was übrigbleibt, ist nicht, ob die Gabel rechts oder links liegt.

Wenn Sie ihren letzten Arbeitstag im Hotel Sacher als Gast verbringen würden, wie sähe dieser Tag aus?
Ich würde in der Philharmoniker-Suite schlafen, der Blick auf die Oper ist unvergleichlich. In der Grünen Bar würde ich frühstücken, in der Roten Bar Abendessen und davor in der Blauen Bar noch einen Drink zu mir nehmen. Welch‘ Trilogie! Und natürlich im Sacher Eck die Original Sacher-Torte kaufen.

Wie sehr sind sie in dieser Zeit „Wiener geworden“?
Hier habe ich meine steirische Frau im Hintergrund. Wiener wird man sicherlich nicht in der ersten Generation. Ich glaube nicht, dass ich das überhaupt irgendwann schaffen kann. Ich habe mich nicht angestrengt, aber auch nichts dagegen getan. Man nimmt Worte an, die einem gefallen, die besser klingen. Ich spreche auch melodischer. Wenn ich wieder in Deutschland bin, sagen meine Freunde: Reiner, du sprichst so österreichisch! Und meine Frau verfällt, denn sie sagt: „Reiner, an dir ist nichts Österreichisch!
Meine Kinder hingegen sind beide hier geboren, die können zwischen norddeutsch, steirisch und wienerisch wechseln.

Danke für das Gespräch!

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