28.01.2022

In der falschen Spur

Wie sieht die Zukunft des Skifahrens unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit aus? Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Ist Skifahren eine Umweltsünde? Vor Jahren wurde dieser krude Gedanke noch belächelt. In einer Zeit aber, in der in fast jeder Sekunde das Wort „Nachhaltigkeit“ so laut getrommelt wird, dass es auch im allerletzten Winkel zu vernehmen ist, steht auch der weiße Pistensport wenn schon nicht am Pranger, so doch auf dem Prüfstand.

Schnell wird man jetzt denken, was soll daran umweltschädlich sein, wenn man in frischer Luft auf einem schneebedeckten Hang seine Schwünge zieht? So einfach ist es nicht. Fangen wir damit an, womit die wenigsten rechnen, dem Flächenverbrauch. Zwischen den französischen Seealpen und den Ausläufern des Wienerwalds werden ca. 100.000 Hektar Alpenraum als Pistenfläche genutzt. Das sind 1000 Quadratkilometer. Die Fläche Wiens beträgt 414 Quadratkilometer. Auf Österreich entfallen rund 23.500 Hektar, die Schweiz 22.500 ha und Italien ebenfalls so viel. Wichtiger Unterschied: In Österreich werden 70 Prozent dieser Fläche beschneit, in der Schweiz 53 Prozent, in Italien gar 90 Prozent.

Fläche, Wasser, Strom

Die wichtigste Ressource für das Beschneien ist Wasser. Unter Bahnbetreibern gilt die Faustregel: aus einem Kubikmeter Wasser (1000 Liter) lassen sich 2,5 Kubikmeter Kunstschnee erzeugen. Ein weiteres Richtmaß lautet: für einen Hektar Kunstschneepiste sind 3000 Kubikmeter Wasser erforderlich (3 Millionen Liter). Umgelegt auf die beschneiten Flächen des Skiortes Ischgl bedeutet das beispielsweise einen saisonalen Wasserbedarf von 1 Million Kubikmeter. Das ist in etwa der Wasserverbrauch von 5000 Vier-Personen-Haushalten im Jahr. Das Wasser ist für den Ressourcenkreislauf nicht verloren. Es schmilzt im Frühjahr und sorgt für Feuchtigkeit in den meist als Bergewiesen bewirtschafteten Flächen. Aber so viel Flüssigkeit muss erst mal gesammelt und gelagert werden. Unzählige Speicherseen zieren die Umgebung von Lift-, Beschneiungs- und Pistenanlagen. Gigantomanie prägt auch hier das Bild. Künstliche Seen mit Kapazitäten von einer halben Million Kubikmetern und mehr sind keine Seltenheit.

Ohne Strom nützt die modernste Gondelbahn nichts. In Salzburg entfällt rund ein Fünftel des gesamten Strombedarfs des Bundeslandes auf den Wintertourismus. Der Strombedarf in ganz Österreich beläuft sich pro Woche auf rund 1.300 Gigawattstunden, acht Prozent davon braucht das Bundesland Salzburg. Für heiße Saunen, warme Hallenbäder, laufende Lifte, brutzelndes Fleisch in den Pfannen und pfeifende Kaffeemühlen werden somit 21 Gigawattstunden Strom pro Woche benötigt.

Anreise als größte ökologische Sünde

Das Skifahren per se, da sind sich Wissenschaftler und Ökologen weitgehend einig, stellt aus nachhaltiger Sicht ein geringeres Problem dar. Viel problematischer seien die Anreise sowie der Aufenthalt in den Hotels. Ein online benutzbarer Fußabdruck-Rechner der Technischen Universität Graz hat beim typischen österreichischen Winterurlauber folgenden Schlüssel errechnet: 50 Prozent des CO2-Ausstoßes macht die Anreise aus, 30 Prozent der Aufenthalt im Hotel und 20 Prozent entfallen aufs Skifahren.

Wer also alleine im 5-Liter-Hubraum-SUV von Ingolstadt nach Zell am See ins Fünf-Sterne-Hotel zum Skiurlaub fährt und das noch mehrmals pro Saison, der strapaziert die CO2-Bilanz erheblich mehr als eine vierköpfige Familie, die mit dem Zug nach Hinterstoder fährt und drei Wochen Skiurlaub im Low-Budget-Hotel mit Photovoltaik-Anlage, eigener Kochnische im Appartement und Sauna zum Selberaufdrehen, macht, dabei aber eher rodelt, wandert und Eisstock schießt. Zu dumm nur, dass Österreichs Wintertourismus genau das aber nicht zu seinen wichtigsten Assets zählt. Das ist jetzt natürlich überspitzt formuliert und konterkariert mannigfaltige Bemühungen von Hoteliers – egal welcher Kategorie – die ihre ganze Kraft in nachhaltige Investitionen ihrer Betriebe legen, aber genau das kriegt man um die Ohren geknallt, wenn man mit Ökofreaks und Grünideologen redet. Und es soll Hoteliers geben, die diesbezüglich von eigenen Gästen bereits zunehmend in die „Ecke getrieben“ werden. Nachhaltigkeit ist zunehmend zum Buchungskriterium gereift und wer diesbezüglich nicht gute Argumente parat hat, wird auf der Strecke bleiben.

Die „guten“ Skitourengeher

Die Wissenschaft räumt auch mit einem Bild auf, das in den letzten Jahren immer größerer Mystifikation ausgesetzt ist: dem Trend zur Skitour. Auch dieser Zulauf ist fast schon endemisch zu nennen und die Ausrüster wissen nicht mehr, wo sie die Steigfelle und Tourenski herbekommen sollen, um die Nachfrage zu befriedigen. Ökologisch gesehen „stört und belastet ein Skitourengeher 60-mal mehr Fläche als ein Pistenskifahrer“, hat die Wiener Boku errechnet. Sie belasten mit ihrer puren Anwesenheit Lebensräume und genießen dennoch großes Ansehen als die „guten“ Wintersportler, die sich von allen (Pisten-)Zwängen freimachen. Auch hier wird es dazu kommen müssen, die Aktivitäten zu bündeln und auf bestimmte Bereiche zu begrenzen.

Ein letzter Punkt muss noch erwähnt werden: Die Zahl der Skifahrer sinkt seit Jahren kontinuierlich. Das heißt, die Kinder lernen nicht mehr Skifahren oder wollen es nicht mehr lernen. Bereits das zweite Jahr in Folge fallen Schulskikurse zur Gänze aus. Der Initiator des „Netzwerks Winter“, der Salzburger Franz Schenner formuliert es so: „Wenn es uns nicht gelingt, die Kinder vom Smartphone oder Tablet weg und hin auf die Piste zu bringen, dann schaut die Zukunft düster aus.“ Vor diesem Hintergrund führen sich die ungebrochenen Ausbaupläne so mancher Seilbahnbetreiber samt der ihnen zuarbeitenden Lobbying-Leute, was Aufstiegshilfen und neue Pisten betrifft, sowieso ad absurdum. Wer braucht schon Pisten, auf denen niemand fährt?

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