13.02.2021

„In der Stadt ist die Architektur die Landschaft“

Architekt Erich Bernard (BWM Architekten) im zweiten Teil des Interviews über die Bedeutung der Architektur für den touristischen Erfolg und Tipps in Wien für Interessierte.

Herr Bernard, Sie haben den direkten Kontakt mit der Branche. Welche Auswirkungen hat die aktuelle Krise auf die Zukunft des Tourismus?
Erich Bernard: Ich halte es für einen Fehler, als Investor oder als Bank nicht darauf zu schauen, in welche Richtungen der Tourismus sich in welchen Regionen entwickelt. Die Feriendestinationen und kulturell interessanten Destinationen, die leicht erreichbar sind, lauern auf einer super Startposition. Es gibt eine aufgestaute Reiselust, der Wunsch auszubrechen ist groß. Gefühlt jeder mit dem ich spreche sagt mir, wenn es wieder geht, fährt er als erstes nach Paris.

Wie sind die Aussichten für Ihre Kunden in Österreich?
Da sind manche Klienten im Vorteil. Der ganze Alpenraum ist im Vorteil, weil er in alle Richtungen gut erreichbar ist und in Europa hoffentlich in Zukunft die gute Kaufkraft erhalten bleibt. Auch die Regionen rund um die großen Ballungszentren profitieren: Semmering, Waldviertel, Weinviertel, aber auch Bad Gastein. Vorausgesetzt, man hat die richtigen Konzepte und qualitätsvolle Angebote. In Wien werden – noch länger – weniger Asiaten und Amerikaner sein, dafür mehr Deutsche, Italiener, Franzosen.  

Sie haben ja ein Werk zur Sommerfrische verfasst …
Wer hätte das gedacht, dass das so schnell wieder so aktuell wird. Heuer war ich im Sommer wieder einmal am Attersee und es war in keinem Lokal und in keinem Hotel ein Platz zu kriegen. Am Semmering erleben wir es gerade ähnlich. Die Ferienhotellerie in den Alpen, am besten in Kombination mit den Seen, diese geniale Kombination wird langfristig zu den Gewinnern gehören. 

Die Kultur der Architektur spielt eine Rolle, um diese Reiselust zu befeuern. Wie groß ist diese?
Sie spielt eine große Rolle. Sie kennen die Kühlschrankmagneten, die die Städte charakterisieren. In 80 Prozent der Fälle sind darauf eine Silhouette zu sehen oder ein paar markante Gebäude. Ein Reiseziel muss interessant sein. Das ist nicht nur die Architektur alleine, klar, aber eine Stadt definiert sich ganz stark darüber. In der Stadt ist die Architektur die Landschaft. In der Landschaft ist die Landschaft die Landschaft (lacht). Es gibt ja den sogenannten Bilbao-Effekt: Dort ist sonst ja nicht so viel los, aber durch das Guggenheim-Museum bekam die Stadt viel Strahlkraft.

Fehlt in Wien solch moderne Architektur, die abseits des Imperialen ein interessantes Image nach außen trägt?
Moderne Architektur ist natürlich auch ein Anziehungspunkt, war es immer. Die Strategie der Wahrzeichen ist nichts weniger als Architektur als Markenzeichen einer Stadt zu etablieren; in Sydney das Opernhaus, das Centre Pompidou in Paris usw. Wien hat jetzt nicht diese modernen Icons, dafür unfassbar viele historische. Wien hat so viele Gründe herzukommen, dass diese modernen Wahrzeichen nicht als fehlend bezeichnet werden können. Aber vertieft man sich ein bisschen in die Architekturszene, gibt es in Wien sehr viele interessante Sachen zu entdecken. 

Zum Beispiel?
In Frankreich kannst du dir den Wohnbau nicht unbedingt anschauen, in Wien hingegen ist der Wohnbau ab den 1920ern bis heute als Attraktion zu betrachten. In Stadtentwicklungsgebieten findet man teilweise ein interessantes Haus nach dem anderen. Das ist vergleichbar mit Ørestad-Süd in Kopenhagen. Das wird nicht zum Kühlschrankmagneten werden oder auf einer Briefmarke landen, aber wer ein bisschen Expertise hat, für den wird es schnell spannend. 

Wäre es für Sie spannend, ein Wahrzeichen zu entwerfen und umzusetzen? Gibt es so mutige Bauherren?
Solche Icons sind ja fast alle vom Staat in Auftrag gegeben worden. Man muss also eher fragen, traut sich der Staat? Polarisierende Bauwerke werden von der Politik eher ungern umgesetzt. François Mitterrand wurde für seine Bauinitiativen hart angegriffen, aber die Kenner haben gewusst, in zwanzig Jahren wird ganz Paris von diesen Bauten partizipieren. Wie ein ehemaliger Beamter der Stadt Wien zu sagen pflegte: Ein Otto Wagner würde es heute schwer haben. In Wien ist die Benchmark für moderne Architektur im nichtstaatlichen Bereich der Erste Campus. Der liegt auch im internationalen Vergleich im Spitzenfeld. Nicht schreiend und nicht auf dem Level des Bilbao-Effekts, aber tatsächlich muss man seinesgleichen suchen. 

Interior-Design ist ein Tätigkeitsfeld von BWM Architekten. Welche Rolle spielt die Innenarchitektur für das touristische Erlebnis?
Wenn Leute von Reisen erzählen, empfehlen sie einem ja nicht nur Icons, sondern sagen, man soll diese oder jenes Lokal besuchen. Würde man jemanden das Hotel Sacher aufzeichnen lassen, wird er ratlos vor Blatt und Bleistift sitzen. Es hat von außen ja nicht dieses markante Gesicht, das Hotel hat sein Gesicht innen. Architektur fließt bis in kleine Details. Auch Heurige sind Architektur – aber nicht nur. Da ist die Simplizität das Spannende.

Danke für das Gespräch.

Über besonders spannende Hotelprojekte und das Ende der Büffetkultur, wie wir sie kennen, lesen Sie im ersten Teil des Interviews mit Erich Bernard (hier zum Interview).


Erich Bernard & BWM Architekten 
Erich Bernard (geboren 1965 in Graz) ist Gründer und CEO sowie der Visionär des Architekturbüros BWM. Er ist Interior-Design-Experte im Hospitality-Bereich und hat bereits eine
Reihe namhafter österreichischer und internationaler Marken bei Umgestaltungs- und Relaunch-projekten unterstützt. Bernard ist zudem als Buchautor und Verfasser von kultur- und architekturhistorischen Studien, wie über die Kultur der Sommerfrische, tätig. Neben seinen diversen Rednerengagements hat er seit 2018 eine Gastprofessur an der Austrian Marketing University of Applied Sciences / FH Wieselburg inne und war im Studiengang Innenarchitektur & 3D Gestaltung an der NDU St. Pölten engagiert.
BWM Architekten, die mit den grätzlhotels selbst ein erfolgreiches Hotelkonzept mitbetreiben (gemeinsam mit anderen Partnern), sind auch am Projekt Straubingerplatz der Hirmer-Gruppe  in Bad Gastein beteiligt, das in den nächsten Jahren den historischen Kern von Bad Gastein wiederbeleben soll. Zu den bekanntesten Projekten zählen zum Beispiel die Umgestaltung des Gasthaus Figlmüller, Projekte für das Hotel Sacher (Sacker Eck, Salon Sacher), die Hotels Topazz, 25hours Vienna sowie für große internationale Ketten wie Sheraton und Marriott.

www.bwm.at/de/

 

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