14.10.2021

Ist Nachhaltigkeit nur ein Feigenblatt?

Anlässlich der Fachtagung „Heilkraft der Alpen“ in Bad Hofgastein wurden nachhaltige Tourismuskonzepte diskutiert und Lösungsansätze erarbeitet.

Die Experten an der Tagung kamen überein, dass Nachhaltigkeit sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft sehr oft missbräuchlich verwendet wird, was dann eher einem „Greenwashing“ gleichkommt als den zentralen Anliegen. Nachhaltigkeit ist zu einem Buzzword degeneriert, meinte Franz Fischler, ehemaliger EU-Kommissar in seiner Keynote. Vielmehr handelt es sich um ein resilientes Wirtschafts- und Sozialsystem, wo ein Gleichgewicht zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung herrscht. Innovative und nachhaltige Tourismuskonzepte schaffen hochwertigen Lebensraum und generieren mehr Wertschöpfung, die einer gerechten Verteilung zugeführt wird. 

Lebensraumagentur vs. Destination Management

Österreich, die Schweiz, Slowenien und weitere Zielländer haben sich der Nachhaltigkeit verschrieben und möchten, wie kann es auch anders sein, die No. 1 werden. Christian Baumgartner von der FH Graubünden fordert, dass sich das Destination Management zur Lebensraumagentur wandeln muss. Dieser Forderung schloss sich auch Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies von EURAC Research, Bozen sowie Inhaber des Lehrstuhl Tourismus/Zentrum für Entrepreneurship der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, IT an, der darüber hinaus eine stärkere Integration von Tourismus und Gesundheitswesen einfordert. In ihren Keynotes stimmten beide Experten überein, dass Gesundheit, Nähe, Regionalität und Sicherheit bei Reisen an Bedeutung gewinnen wird. Dort wo Menschen gerne leben, kommen auch andere gerne auf Besuch, lautet die einfache Formel für mehr und besseren Lebensraum. 

Der Erfolg von innovativen Tourismuskonzepten wird an der regionalen Wertschöpfung zu messen sein. Dazu muss es gelingen regionale Wertschöpfungsketten zu entwickeln, meint Franz Fischler. Im Hinblick auf die Landwirtschaft und der regionalen Versorgung wurden dem Ansinnen durch Thomas Guggenberger von der HBFL Raumberg-Gumpenstein die Grenzen des Machbaren aufgezeigt. Auf den Punkt gebracht wies er nach, dass die Tourismusregionen im Westen nicht in der Lage sind die Bevölkerung umfassend mit Lebensmittel aus der Region zu versorgen, geschweige denn Touristen. Regionalität muss sich unter diesem Gesichtspunkt neu definieren. Dennoch gilt es die Kooperation zu stärken und Netzwerke auf- und auszubauen. Es gilt den Nutzen für die Regionen zu optimieren, um diese in attraktive Lebensräume umzuwandeln. Dies sollte mitunter auch dazu genutzt werden qualifizierte Jobs anzubieten, die den Zuzug von Talenten fördert.  

Tourismus & Gesundheit

Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) setzt sich seit Jahren mit der Heilkraft der Alpen auseinander. In ihren Keynotes fokussierten sich Arnulf Hartl und Christine Pichler auf jene Evidenz, die sie im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit zu Tage gefördert haben. Um es auf den Punkt zu bringen, der Alpenraum wirkt, und zwar nachhaltig. Höhenlage, Mikrobiome, Reizarmut, Heilwasser und genügend Bewegungsraum sind die wichtigsten Qualitäten, die für die Heilkraft der Alpen stehen. Die Indikationen sind vielfältig und reichen vom Stoffwechsel bis hin zur Verbesserung der Ehe- und Beziehungsqualität. Die Integration von Gesundheit und Tourismus ist Grundlage für innovative Angebote, die dem Urlaub einen Sinn geben und dabei authentisch und einzigartig sind.

Wenn Franz Fischler meint, dass Nachhaltigkeit die Zukunftsaktie des Alpenraums ist, ist zielgerichtetes und vor allem rasches Handeln angesagt. Alle Experten waren sich einig, dass es sich dabei um einen Transformationsprozess und keine geringfügige Anpassung handelt. Der Widerspruch zwischen dem, was die Wissenschaft und Expert: innen fordern und jenem was letztendlich zur Umsetzung gelangt ist offensichtlich. Während die einen meinen die Sustainable Development Goals (SDG’s) der UNO reichen nicht aus, sind andere davon überzeugt, diesen Vorgaben nicht zu entsprechen. Dekarbonisiertes und vom Ressourcenverbrauch entkoppeltes wirtschaftliches Wachstum ist, sieht man von Pilotprojekten ab, nicht umgesetzt. Nachhaltigkeit ist in der Breite noch nicht angekommen, war der einhellige Befund. Wir benötigen mehr Agilität und Mut zum Scheitern, stellt Franz Fischler abschließend fest. 

Zusammengefasst gibt es noch viel zu tun, um die nachhaltigste Tourismusdestination der Erde zu werden. Eine unübersichtliche Anzahl an Siegel und Zertifikaten sowie die damit verbundene Marktkommunikation wird nicht ausreichen. Wenn es uns nicht gelingt, innovative und nachhaltige Tourismuskonzepte zur Umsetzung zu bringen, dann haben wir die Chance, die uns die Pandemie bietet, nicht genutzt.

Der Travel Industry Club Austria (TIC-A) veranstaltet am 3. November 2021 ein Networking zum Thema „Crisis – What Crisis?“. Dabei fasst Univ. Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb die IPCC-Empfehlungen zusammen. Im Anschluss werden Lösungen aus den Bereichen Mobilität, Hotellerie, Energienutzung und nachhaltige Urlaubserlebnisse präsentiert und diskutiert. Mehr Informationen sowie Anmeldung zum Networking finden Sie auf der TIC-A Website.

Der Autor
Harald Hafner ist Präsident des Travel Industry Clubs und seit mehr als 40 Jahren in der Reiseindustrie tätig. Neben dem Start im Operativen landete er bald im Sales & Marketing, dabei auch bei Hilton und im Destination Management. Dann gründete er auch das eigene Unternehmen hotmama. Das steht für Hospitality & Tourism Marketing Management. Er versteht sich als Marketing- und Vertriebsexperte im Tourismus, seit 1990 ist er auch Vortragender, Trainer und Coach an Kollegs, Akademien und Fachhochschulen.

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