13.01.2021

Kampf gegen die Verzweiflung

Der Mensch setzt ja oft Handlungen, die vermeintlich jeder gescheiten oder auch gesunden Grundlage entbehren. Das ist wohl auch im Fall der Linzer Badcafé-Wirtin so zu sehen, die mit der Öffnung ihres kleinen Cafés für Aufsehen und Aufregung sorgte. Oder doch nicht? Ein Kommentar von Brigitte Charwat.

Wie weit darf ein Mensch eigentlich gehen, wenn ihm das sprichwörtliche Wasser bis zum Hals oder gar schon darübersteht, er aber für sein wirtschaftliches Absaufen und dem damit einhergehenden privaten Untergang null und nichts kann. Bis auf den „winzigen“ Umstand, ein bisserl zu spät dran gewesen zu sein, um eben jene staatliche Unterstützung und Hilfestellung zu erhalten, die das unternehmerische Überleben in dieser Allerweltskrise sichern könnte. Die ja bei weitem keine großen Sprünge erlauben, aber, wie die Linzer Beislbesitzern sagt, zumindest die Grundbedürfnisse – also Essen, Trinken, Wohnen –  in bescheidenem Ausmaß gewährleisten würden.

Nix da, da nämlich Alexandra Pervulesko, so der Name der Gastronomin und alleinerziehenden Mutter, ihr kleines Café erst seit etwas mehr als einem Jahr führt und es zudem eine Änderung in der Eigentümerstruktur gab, schaut sie, wie man so schön sagt, jetzt durch die Finger und „ist aus allen Corona-Hilfsmaßnahmen einfach herausgefallen“, wie sie selbst sagt. Und ist damit bei weitem kein Einzelfall, es gibt leider viel zu viele dieser traurigen Beispiele ehrbarer Einzel- und Kleinstunternehmer, die, weil zu kurz selbstständig, sich ihre Corona-Hilfseuros aufzeichnen können.  

Der Ärger, die Wut, die Verzweiflung sind verständlich, man fühlt sich für das große gemeinsame wirtschaftliche Ganze ins unbedeutende Eck gestellt und den Großen gegenüber ungleich behandelt. Das ist weder richtig noch fair, wiewohl man natürlich weiß, dass der Staat kein Fass ohne Boden ist und man nicht das große unendliche Füllhorn über die durch die Corona-Pandemie schwer geschundenen Unternehmer aller Branchen ausschütten kann. Aber gar nichts, nur, weil man die Unterstützung an nichts festmachen kann, weil es keine Benchmark gibt und dafür die kleinen Unternehmer der Coronakrise einfach opfert – nein, das kann es auch nicht sein.

Nur, wie weit darf der Mensch, wie weit darf eine verzweifelte Mutter in Sorge um ihr Kind und ihre Existenz gehen, um auf ihre aussichtslose Lage aufmerksam zu machen? Nicht weit genug und dennoch darf die Aktion von Alexandra Pervulesko kein Freibrief für das Überschreiten einer roten Linie in Pandemie-Zeiten sein. Das wusste auch die Caféhausbesitzerin, als sie aus – hoffentlich wirklich nur reinem Überlebensdrang – das tat, was logisch und nachvollziehbar, aber halt strafbar ist: Sie sperrte ihr kleines Café im Lockdown einfach für ein paar Stunden auf, wissend, was ihr dafür blüht: Bis zu 30.000 Euro Strafe bzw. der Konzessionsverlust.

Dieses Risiko war’s wert, denn es geht nicht darum gegen die Corona-Maßnahmen zu opponieren, an die hält sich die Wirtin strikt. Die erschienenen Gäste mussten – wie sich das gehört – Maske tragen und Abstand halten. Sie sei keine Corona-Leugnerin, aber es geht finanziell einfach nicht mehr, wie sie gegenüber dem Standard erklärte. 

Das Badcafé ist jetzt natürlich behördlich geschlossen, der Fall Pervulesko zeigt jedoch die große Gefahr – nicht nur für gastronomische Kleinstbetriebe – auf und lässt Bilder längst vergangener Zeiten wachwerden. „Ich suche Arbeit, mache alles, meine Kinder haben Hunger“ und ähnliches stand auf lebendig gewordenen Litfaßsäulen zu lesen, die das Stadtbild in den 1930er-Jahren prägten. Das wollen wir nicht nochmal erleben müssen.

Umso unverständlicher ist, wenn das Ringen um die Öffnung der Gastronomie – deren stabile Stütze eben diese vielen Kleinstbetriebe sind – zum politischen Schlagabtausch wird. Wenn ein Test als Eintrittskarte ins kleine Beisl wie ins feine Restaurant zwar möglich wäre, aber gegen andere Berufsstände- und Gruppen aufgewogen wird. Ja, gegen das Argument der Opposition, dass die Kosten für verpflichtende Testungen für die verschiedensten Dienstleister nicht vom Mitarbeiter getragen werden sollen, ist nichts einzuwenden. Nur, im Unterschied zu Frau Pervulesko und vielen ihrer Gastro-Kollegen, haben diese Menschen zumindest einen Job und verfügen somit (noch) über ein regelmäßiges Einkommen zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse. Und Hunger sollte in Österreich wohl niemand leiden müssen.

Ja, Frau Pervulseko hat das Gesetz übertreten und das öffentliche Gemeinwohl gefährdet – das darf man nicht durchgehen lassen. Aber man sollte hinter den Zeilen lesen und hinhören, denn, wenn wir jetzt den letzten Funken an Menschlichkeit verlieren, haben wir verloren. 

b.charwat(at)manstein.at

 

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