03.04.2020

Kommentar: Österreich, die nachhaltigste Tourismusdestination!

COVID-19 und das damit einhergehende „Social Distancing“ entzieht der Branche die Grundlage. Dies hat ökonomische Konsequenzen, da eine geringere Wertschöpfung erwartet wird. Unter diesem Gesichtspunkt erfährt Nachhaltigkeit eine neue Dynamik.

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde, die Umsetzung dergleichen stellt eine Herausforderung dar, der sich die heimische Tourismuspolitik stellt. In einem Networking des Travel Industry Club Austria bekräftigte Sektionschefin Ulrike Rauch-Keschmann die Vision, Österreich zur nachhaltigsten Tourismusdestination machen zu wollen. Dabei wurden sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen und sozial-kulturellen Maßnahmen diskutiert, die das neue Regierungsprogramm enthält.

Ökonomie oder Wir statt Ich

Die Wertschöpfung aus dem Tourismus ist seit dem Ende des zweiten Weltkrieges stetig gewachsen. Im internationalen Vergleich nimmt der heimische Tourismus eine Führungsposition ein. Der Tourismus hat im erheblichen Ausmaß zur wirtschaftlichen Entwicklung ländlicher Regionen beigetragen. Die kleinteilige, familiengeführte Unternehmensstruktur will man erhalten und ausbauen. Das neue Regierungsprogramm enthält dazu eine Reihe von Maßnahmen, bleibt jedoch nach Meinung der Experten beim Networking, unverbindlich, kommt doch der Begriff „Evaluierung“ 246 Mal in dem Papier vor.

Die wirtschaftliche Auswirkung von COVID-19 kann noch nicht abgeschätzt werden. Die Bundesregierung hat versprochen, alles zu unternehmen, den Schaden zu kompensieren. Das Überleben jener zu sichern, die davon unverschuldet betroffen sind, stellt eine erste Priorität dar. Langfristig wird ein kooperativeres Wirtschaftsmodell der vorherrschenden kompetitiven Variante vorzuziehen sein. Die Kleinteiligkeit der Betriebe und deren regionale Verortung bieten gute Voraussetzungen für Kooperationen. Regional vernetzte Werteketten nutzen Ressourcen effizienter und machen Destinationen einzigartig. Partizipieren alle Betroffenen am Erfolg und steht das Gemeinwohl an erster Stelle, steigt Akzeptanz, Beliebtheit und die Wertschöpfung. 

Sozio-kulturell oder „Social Distancing“

Tourismus ist in erster Linie ein soziales Phänomen. Das Konzept des „Social Distancing“ rüttelt an den Grundfesten unserer Branche und wird kein vorübergehendes, den derzeitigen Krisenmaßnahmen geschuldetes, Ereignis bleiben. Das Robert Koch Institut schätzt, dass es bis zu zwei Jahre dauern kann, bevor wir weiße Flaggen hissen dürfen. Vorausgesetzt es hat uns bis dahin keine neue Disruption ereilt.  

Reisen wird man in der nahen Zukunft nur dann, wenn es unvermeidbar ist. Auch wenn wir die Krise überwunden haben werden, die Empfehlungen zur Einhaltung sozialer Distanz werden uns, wenn auch in abgeschwächter Form, erhalten bleiben. Wie gelingt es uns eine verantwortungsvolle Distanz zu wahren und gleichzeitig eine Rundumbetreuung der Marke „Österreichische Gastlichkeit“ zu gewährleisten? Digitale Substitute werden an Bedeutung zunehmen, wie wir derzeit alle in unserem Alltag erleben.

Der deutsche Soziologe und Philosoph Harald Welzer differenziert in seinem Buch, „Alles könnte anders sein“, zwischen sinnvollem und sinnentleertem Tourismus. Die Deutung der Sinnhaftigkeit einer Reise unterliegt einer subjektiven Einschätzung. Reisen muss sich dabei aber in jedem Fall lohnen und bleibende Erinnerungen hinterlassen. Die Entwicklung und Bereitstellung von sinnvollen Angeboten wird eine Herausforderung für das Destination Management sein, was wiederum der regionalen Vernetzung bedarf.  

Ökologie oder die intakte Umwelt

Es besteht kein Zweifel, eine intakte Umwelt ist die Existenzgrundlage für den Tourismus. Auf die Frage, was den Österreich-Urlaubern wichtig ist, stehen Umwelt und der Umgebungswechsel ganz oben auf der Hitliste. Das Ministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus ist damit ideal aufgestellt. Insbesondere die Kooperation mit der Landwirtschaft ist wertvoll. Da beide einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung ländlicher Regionen leisten, sind öffentliche Mittel der Bedeutung und Notwendigkeit nach einzusetzen. Für die betriebliche Ebene gilt es, die Anreize zum effizienten Ressourceneinsatz maßgeblich zu verstärken. Die Anreize müssen spürbar sein, um einen Lenkungseffekt hervorzurufen. 

Die Mobilität ist das Rückgrat des Reisens. Der überwiegende Teil der Österreich-Urlauber reist mit dem eigenen Auto an. Eigentlich eine Umweltkatastrophe möchte man meinen. Dabei ist der Ärger im Stau noch gar nicht berücksichtigt. Wir benötigen dringend Lösungen, um den Anteil an fossil betriebenen PKW’s zu reduzieren. Während die Mobilitätsangebote in der Stadt akzeptabel erscheinen, haben ländliche Urlaubsregionen Aufholbedarf. Es geht vielfach um die so genannte „letzte Meile“ und der Mobilität am Urlaubsort, die einer Lösung bedürfen. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass An- und Abreise Teil eines nutzenstiftenden Reiseerlebnisses ist. Insgesamt betrachtet sind es wiederum regionale Netzwerke, die eine intakte Umwelt gewährleisten können. 

Nutzen wir die Gelegenheit und begreifen die Krise als Chance, indem wir die Entwicklung zur nachhaltigsten Tourismusdestination vorantreiben. Die Tourismusstrategie PlanT liegt dem Regierungsprogramm zugrunde. Darin ist mitunter festgehalten, dass der Erfolg der Bemühungen transparent messbar gemacht wird. Es wurden und werden Indikatoren entwickelt, gemessen und bewertet, die in der Folge die Zielerreichung feststellt. Soll-/Ist-Abweichungen stellen den Ausgangspunkt für ein lernendes System dar. Nach dem Motto „lass uns schnell scheitern“ soll die Experimentierfreude gefördert werden. Der Travel Industry Club Austria widmet sich seit 3 Jahren der Gründerszene und unterstützt touristische Start-Ups in den unterschiedlichsten Entwicklungsphasen.  


Der Autor
Harald Hafner ist Präsident des Travel Industry Clubs und seit mehr als 40 Jahren in der Reiseindustrie tätig. Neben dem Start im Operativen landete er bald im Sales & Marketing, dabei auch bei Hilton und im Destination Management. Dann gründete er auch das eigene Unternehmen hotmama. Das steht für Hospitality & Tourism Marketing Management. Er versteht sich als Marketing- und Vertriebsexperte im Tourismus, seit 1990 ist er auch Vortragender, Trainer und Coach an Kollegs, Akademien und Fachhochschulen. 

 

Branchen-News, die Sie wirklich brauchen!

Mediadaten