21.11.2019

Kommentar: Worum es eigentlich geht

Die opulente und offizielle Gault&Millau-Feier im ehemaligen Bankhaus und heutigem Park Hyatt legt zwei Dinge offen: Wenn man der Gastronomie die Bühne und die Familie nimmt, bleibt nicht viel übrig.

Natürlich waren sie alle da. Heinz und Birgit Reitbauer, Barbara Eselböck und ihr Alain Weissgerber, Toni Mörwald, Silvio Nickol, Konstantin Fillipou und auch der als Koch des Jahres behaubte Hubert Wallner. Natürlich ist es ihnen Ehre und Verpflichtung zugleich, dem Ruf der Haubenmacher Karl und Martina Hohenlohe zu folgen. Wenn sich abends die österreichische Gastronomiespitze im Hochparterre des Wiener Park Hyatt Hotels versammelt, der Champagner und das Beef Tartar mit ihnen durch die Hallen strömt, dann ist der Zusammenhalt oder zumindest der gemeinsame Nenner spürbar. Hauben schweißen und halten zusammen.

Man trägt gern schick oder krempelt die weißen Hemdsärmel zu Gunsten der prestigeträchtigen Tätowierungen hoch, sie versprühen Juvenilität, denn die Tinte sitzt am Puls der Zeit. Man kennt und küsst sich, vertreibt sich die Zeit zwischen den ausführlichen Ehrungen bei Tratsch und klatscht dazwischen. Es ist laut, hell, gesellig. Die Ehrungen sind beim Speck des Jahres 2020 angekommen, gleich folgt das Bierprojekt des Jahres, oder wars der Likör? Die Hohenlohes und ihr Team wahren wohl die gerechte Verteilung übers ganze Land, beinahe jedes Bundesland kann sich glücklich schätzen, zumindest die Weinkarte oder das Ambiente des Jahres für sich entschieden zu haben. In den teils sehr selbstgestrickten Videos kommentieren die Geehrten ihre Geheimrezepte.

Trotzdem darf man nicht vergessen, dass das keine ausgemachte Promi-Show war, auch wenn der eine oder andere Lebensstil oder seine TV-Präsenz der Köche und Gastgeber dem eines Fernsehstars oder Medienliebkinds zum Verwechseln ähnelt. Hier werden Menschen in den Mittelpunkt gerückt, die ihres Handwerks wegen ausgezeichnet wurden. Weil sie diese Extraportion an Leidenschaft in ihre Arbeit legen, weil sie die Extrameile für den Gast und das Produkt gehen. Und weil sie, und das vereint wohl alle, die sich der Spitzengastronomie und ihren kulinarischen Ausläufern verschrieben haben, eine starke Familie als Rückhalt und Unterstützung leben und haben.

In jedem Video wurde die Familie und oder das Team als Erfolgsrezept genannt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheint in vielen Branchen um so vieles leichter als in dieser. Auch sollte man bemerken, dass trotz der hohen Damendichte auf der Anwesenheitsliste Köchinnen an der Spitze fehlen. Und doch ist hier Platz für Menschen, die Kinder großziehen, Eltern miteinbeziehen und Generationen begleiten. Wenn Martina Hohenlohe vor erst elf Wochen ihrer kleinen Tochter, dem dritten gemeinsamen Kind mit Karl Hohenlohe, das Leben geschenkt hat, dennoch strahlend und präsent auf der Bühne steht, so viele Gäste wie möglich persönlich begrüßt oder verabschiedet. Die kleine Antoinette bei ihrer Mutter in Obhut weiß, damit sie diesen, für sie so wichtigen Abend selbst begleitet, dann spürt man, was diese Branche zusammenhält: Es ist die Familie.

Darum verstehe ich nicht, warum es nicht möglich ist, eine zielgerichtete Kinderbetreuung anzubieten oder zumindest zu fördern, die es diesen, aber auch allen anderen Menschen leichter macht, ihre Karriere selbst zu planen und mitzubestimmen, wann ich welche Aufgaben wieder übernehme. Es ist großartig, wenn Großeltern einspringen, es ist schön, wenn Kinder in den Gaststuben Aufgaben schreiben können, es ist auch wichtig, dass man schnell einmal weg kann aus dem Betrieb, aber man kann doch nicht einen ganzen (so wichtigen) Wirtschaftszweig davon abhängig machen!

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