21.04.2021

Lisa Weddig und der Blick von außen

Die Bestellung von Lisa Weddig zur neuen ÖW-Chefin überrascht, möglicherweise Lisa Weddig selbst. Ein Kommentar von Brigitte Charwat.

Es ist ja auch nicht nichts, von 32 nationalen und internationalen Bewerbern, die gemäß Ausschreibung für die Funktion des Geschäftsführers der Österreich Werbung kandidierten, als erste über die Ziellinie zu gehen, um ab 1. Juni den wohl prestigeträchtigsten Job in der heimischen Tourismuswirtschaft zu übernehmen. Gratulation für diese Herkulesaufgabe – schließlich gilt, das Touristikschiff Österreich zukunftsweisend weit über die Post-Corona Zeit hinaus nachhaltig auf stabilen Erfolgskurs zu manövrieren -  ist ehrlich angebracht.

Dass sich Lisa Weddig, wie man so schön sagt, ordentlich ins Zeug hauen wird, um Urlaub in Österreich im globalen Wettbewerb den neuen Kundenansprüchen entsprechend ganz weit vorne zu positionieren, kann fix angenommen werden. Weil sie nicht einfach nur einen Job antritt, um die erste Geige zu spielen, sondern weil sie den natürlichen Ehrgeiz besitzt, Dinge zu bewegen und zu verändern und weil sie die Umsetzung von gesteckten Zielen auch als persönliche Herausforderung betrachtet. Wenn man sie denn lässt. Und genau hier könnte es für Lisa Weddig in diesem hochpolitischen Job schwierig werden.

Dass eine gebürtige Deutsche zur Frontfrau von Österreichs wichtigster Tourismusorganisation nominiert wurde, ist in Anbetracht des bedeutendsten Quellmarkts fürs heimische Incoming durchaus interessant. Die Vergabe des ÖW Chefsessels jedoch nur als Hommage auf die treue, deutsche Gästeklientel zu reduzieren, ist natürlich nicht ernst gemeint, auch viel zu kurz gedacht und wird vor allem der Qualifikation von Lisa Weddig nicht gerecht. Knapp fünf Jahre schupfte die versierte Touristikerin bei TUI Österreich den Laden und wusste rasch, dass der österreichische Markt anders ist und tickt. Was sich auch darin zeigte, dass der diffizile Flugbereich nicht nach Deutschland ausgelagert wurde, sondern im Verantwortungsbereich der TUI Österreich-Chefin verblieb.

Daraus resultierte nicht nur eine groß angelegte Bundesländeroffensive, es profitierte auch die heimische Luftfahrt davon, weil die Konzentration im touristischen Fluggeschäft nicht auf konzerneigenen Flugpartnern, sondern mit 90 % auf Fremdcarriern lag. Weddigs Zielsetzung als Geschäftsführerin von TUI Österreich lautete von Beginn zu beweisen, dass die kleine TUI Österreich Einheit eben auch perfekt Reisen machen kann. Heute ist freilich von all dem nicht mehr viel übrig, aber das ist eine andere Geschichte. 

Dennoch kann man das Unternehmen Österreich Werbung nicht mit einem Reiseveranstalter – auch nicht, wenn es sich um Europas größten Tourismuskonzern handelt – vergleichen. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe und die ÖW-Schuhe können mitunter ordentlich drücken. Nicht, dass Lisa Weddig für diese Aufgabe nicht gebaut und geeignet ist, die TUI Schuhe haben durchaus hart gemacht und geprägt. Aber eine Institution wie die ÖW, die stark unter politischer Beobachtung steht, und dazu noch neun selbstbewusste Landestourismuschefs, ist eine spezielle Konstellation und damit eine fordernde Aufgabe, die einiges „akrobatisches“ Talent und dem Schachspiel vergleichbar, kluges Vorausdenken erfordert.

Die Branche goutiert in jedem Fall die Bestellung von Lisa Weddig und den damit verbundenen Blick von außen, die Erwartungshaltung ist groß. Lisa Weddig selbst weiß um ihre Mega-Aufgabe und erachtet ihre Bestellung nicht als selbstverständlich. Devotes Handeln ist von der taffen 37jährigen dennoch kaum zu erwarten. 

b.charwat@manstein.at

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