12.01.2022

"Man kommt sich beim Gehen näher"

Der umtriebige Globetrotter Christian Hlade ist Gründer, Inhaber und Geschäftsführer des Spezial-Reiseveranstalters Weltweitwandern. Das und noch mehr erfuhren wir vom „Steirer des Jahrzehnts“ (2014) in einem virtuellen Interview.  

Wandern wirkt, weiß Christian Hlade nicht erst, seit die coronabedingte Orientierung hin zum Berg einen neuen Hype auslöste und die Bergwelt unter den „bewegungshungrigen“ Massen aufstöhnen lässt. Wir haben nachgefragt ob Wandern der neue Overtourism ist, was vom stets groß propagierten Nachhaltigkeitsdenken bleibt und welche Lehren er aus der Coronakrise zieht.

Was haben zwei Jahre Pandemie mit Weltweitwandern gemacht?
Christian Hlade: Wir sind flexibler geworden und reagieren mittlerweile sehr rasch auf Veränderungen. Heißt: Gibt es Reisebuchungen und funktionieren Destinationen gut, können wir schnell zusätzliche Termine anbieten. Zu Pandemiebeginn haben wir rasch neue Österreich-Reisen aufgelegt, als dann das umliegende Ausland wieder „gut“ bereisbar war, haben wir unsere Kreise von Italien über Slowenien bis Albanien und Polen immer weitergezogen. 

Und, wir haben den Kontakt zu unseren weltweiten Partnern während der ganzen Zeit nicht verloren, sondern sogar intensiviert. Wir pflegten ja immer schon einen regen Austausch mit unseren weltweiten Partnern. So fuhren wir etwa mit unseren Partnern aus Bhutan nach Madeira, um die Quinta dos Artistas – unsere Vorzeigeunterkunft – zu präsentieren. Oder reisten mit den Jordaniern der schmackhaften Küche wegen nach Marokko. All das konnten wir jetzt natürlich nicht tun, heute treffen wir uns online zum Informationsaustausch, zu virtuellen Schulungen im Rahmen unseres Nachhaltigkeitsprogrammes und zum gegenseitigen Motivieren. Bei uns hat der Digitalisierungsschub tatsächlich stattgefunden und ist nicht bloß so dahingesagt. 

Was glauben Sie, wird von dieser notgedrungenen „Onlineisierung“ bleiben?
Aus meiner Sicht ist wichtig, dass man die reale Welt gesehen, gespürt und gerochen hat. Dann ist das Digitale, die virtuelle Konferenz, eine wunderbare Ergänzung. Gerade für den überregionalen weltweiten Austausch in größeren Gruppen sind die digitalen Möglichkeiten perfekt. Man kann Marokko, Madagaskar und Bhutan unkompliziert und ohne großen Aufwand zusammenbringen, das ist schon genial. 

Hat Corona das Portfolio von Weltweitwandern verändert? Bleibt man weiterhin weltweit aktiv oder nutzt man die aktuelle Situation zur Angebotsbereinigung?
Man schaut jetzt sicher bewusster nach links und rechts, gerade zu Beginn der Pandemie haben wir uns und unser Produkt hinterfragt. Was aber sicherlich nichts für uns ist – jetzt und später – sind einsame Selbstfahrertouren per GPS und Landkarte. Erst jetzt wieder auf Teneriffa (Anmerkung: Hlade war kurz vor Weihnachten mit einer Wandergruppe im Süden der Kanareninseln um den Teide unterwegs) wurde ich einmal mehr darin bestätigt. Weil es einfach schön ist, gemeinsam zu wandern, später am großen Tisch zu sitzen und sich über Kinder, Gott und die Welt auszutauschen. Wir sind Gruppenreisende, eine kleine Familie und Einheimische auf Zeit. So haben wir’s immer gemacht und so werden wir’s auch weitermachen. Sobald möglich, auch wieder weltweit. 


„Es ist eine Investition in die gemeinsame Zukunft, die bestimmt kommen wird.“
 

Lebensader Berg und Tourismus – Corona setzt hier gerade den armen Ländern hart zu. Kann Weltweitwandern helfen?
Wir schauen, dass wir vor allem jenen, denen es am schlechtesten geht, über den Verein Weltweitwandern Wirkt! unter die Arme greifen. Es beginnt damit, dass wir unser Portfolio eben nicht anpassen oder halbieren. Weil es hier oft um langjährige Freundschaften – etwa im Marokko oder in Nepal – geht. Diese Länder sind nicht irgendwelche Nummern im Angebot, ich möchte, dass es den Einheimischen auch weiterhin gut. Würde man diesen Menschen, den Tourismuszweig abschneiden, wären sie ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Den Menschen – etwa in Nepal – geht es nach wie vor sehr schlecht. Wohnungsmieten sind teils nicht mehr finanzierbar, man bekommt keine staatlichen Förderungen wie wir in Österreich. Es ist wirklich dramatisch, wenn die Erwerbsquelle aus dem Tourismus plötzlich versiegt. Es gibt in diesen Ländern keinen Fixkostenzuschuss oder Umsatzersatz, also sind unsere Kunden und wir eingesprungen. Viele unserer Kunden haben für „ihre“ Teams in den Ländern gespendet. Wir konnten bis jetzt mit rund 130.000 Euro Spendengeld direkt Hilfe leisten. Weltweitwandern selbst hat auch kleinere Kredite an Partner direkt vergeben. Es ist eine Investition in die gemeinsame Zukunft, die bestimmt kommen wird.

Können Sie mehr über den gemeinnützigen Verein „Weltweitwandern Wirkt!“ erzählen?
Weltweitwandern hat ja zusammen mit einem Bildungsprojekt im Himalaya 1999 begonnen. Sozialprojekte bilden sozusagen die DNA unseres Unternehmens. Richtig groß geworden sind unsere Aktivitäten dann 2016, anlässlich des Erdbebens in Nepal. Wir haben innerhalb eines Tages die Hilfslieferungen gestartet und Zelte, Decken, Kocher usw. noch vor dem Roten Kreuz zu den Menschen in die entlegenen Gebiete gebracht. Wir haben Zeltschulen aufgebaut, Lebensmittelpakete bereitgestellt und wurden sogar auf orf.at als Spendenverein genannt, weil wir unkompliziert und schnell geholfen haben. 

Anfangs lief diese humanitäre Hilfe über das Unternehmen Weltweitwandern, was à la longue nicht geht. Also haben wir noch 2016 den unabhängigen Verein „Weltweitwandern Wirkt!“ gegründet, mit eigner Geschäftsführung, penibelster Trennung und Spendengütesiegel, womit Spenden auch steuerlich absetzbar sind. 

Die Weltweitwandern-Kunden sind demnach spendenfreudig?
Ja, unsere Reisegäste sind offen und interessiert. Ich glaube aber auch, dass Tourismus diese Hilfestellungen sehr gut leisten kann. Ähnlich wie im Naturschutz – kann man Natur nicht selbst erleben, gibt es auch keine Beziehung dazu – so ist es auch in unserer Weltweitwandern-Familie. Hat man einmal gesehen, wie die Menschen in Nepal, Tansania, Marokko – es gibt unzählige Beispiele – leben, öffnet sich das Herz und es entsteht ein Verständnis für globale Zusammenhänge. Wir glauben an Bildung, in die wir auch investieren. „Weltweitwandern Wirkt!“ eröffnet Menschen Möglichkeiten, um auf eigenen Beinen zu stehen und bestärkt sie in ihren Fähigkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Gemäß unserem Motto „Bildung schafft Zukunft“ gestalten wir gemeinsam Bildungschancen und Perspektiven vor Ort. 


„Unsere Zielgruppe verändert sich nicht, sie wird aber fokussierter.“
 

Mit dem ersten Lockdown 2020 gingen plötzlich alle auf den Berg. Verändert dieser „Corona-Wanderhype“ Ihre Zielgruppe?
Unsere Zielgruppe verändert sich nicht, sie wird aber fokussierter. Ich war 2021 mit fünf Gruppen unterwegs, die unglaublich dankbar waren, draußen in der Natur sein zu können. In unseren kleinen familiären Gruppen entsteht rasch Vertrauen und Zusammenhalt, man beobachtet mit Bedacht „neue“ Trends, die eigentlich schon lange Thema waren. Auch spüre ich einen viel bewussteren Umgang was das Klima und die Emissions-Debatte betrifft. Man überlegt sehr genau, ob man fliegt oder vielleicht doch auf die Bahn umsteigt.

Wie schaut der Durchschnittsreisende von Weltweitwandern aus, wie „jung“ ist er? 
Das Image, dass Wandern anstrengend und asketisch ist, ist ja Gott sei Dank beseitigt. Wandern ist jung und gehört mittlerweile zum modernen Lifestyle – die Altersrange unserer Kunden reicht von 35 und bis 75 Jahre und darüber. Aber auch jünger, weil Großeltern ihre Enkelkinder oder junge Eltern ihre Kinder mitnehmen. Meine Lieblingsgruppen sind die gemischte, weil sie am vielfältigsten sind. Wie jetzt auf Teneriffa, da waren eine 30-jährige Frau am Ende ihres Master-Studiums und zwei pensionierte Lehrerinnen um die 65 dabei – es ist immer sehr schön, wenn sich Jugend und Reife trifft. 

Stichwort Jugend: Setzt Weltweitwandern auch auf Social Media?
Ja klar, auf Facebook sind wir schon länger sehr gut unterwegs, Instagram kam etwas später. Mittlerweile ist es völlig normal und selbstverständlich, seine Reiseerlebnisse zu posten. Als mir allerdings eine 65-jährige deutsche Unternehmerin sagte, dass sie Weltweitwandern erstmals auf Instagram wahrgenommen hat, war ich doch ein wenig überrascht. Diesen Personenkreis hätte ich nicht unbedingt als unsere Instagram-Zielgruppe gesehen. Die agile Frau hat mittlerweile schon drei Reisen mit uns unternommen. Wie man sieht, erreicht man die Menschen also über Kanäle, die man nicht unbedingt im Fokus hat. 

Weltweitwandern ist aber eigentlich ein Reisebüroprodukt?
Ja, aber es ist kein massentouristisches Produkt. Kommt ein Kunde in das Reisebüro seiner Wahl kann er selbstverständlich unsere Reise über das Büro buchen. Wir haben eigene Verträge mit Reisebüros. Unsere Reisen bieten eine Vielfalt an Erlebnissen, diese lassen sich oft nicht so schnell erklären. Die Gruppe sollte möglichst homogen sein – wenn man so will, sollte der Reisebüromitarbeiter das Gespür dafür haben.  
Unsere Zielgruppe wird durch den verstärkten Wandertrend und die Nähe zur Natur breiter, jedoch sollte man sich auf diese Reiseform einlassen. Um ein plakatives Beispiel zu nennen: Ist man lieber immer nur für sich, wird man mit uns am großen gemeinsamen Tisch eventuell nicht glücklich sein. 


„Gehen ist ein Türöffner zu den Menschen, man erlebt gemeinsam viel und ist am Abend gemeinsam wohlig müde.“
 

Wie sicher ist der große gemeinsame Frühstückstisch in Zeiten von Corona und Abstandhalten?
Auf die aktuelle Situation bezogen finde ich einen großen Frühstückssaal in einem Hotel mit großem Frequenzwechsel gegenüber unseren zehnköpfigen Gruppen, die alle geimpft und getestet sind und eine Woche in einer sicheren Blase und in kleineren Unterkünften unterwegs sind, riskanter.

Was unterscheidet den Wander-Reisenden von anderen Urlaubstypen?
Wanderer sind eine Gemeinschaft und Menschen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Man kommt sich beim Gehen näher, Themen werden durchs Gehen rasch sehr tief. Gehen ist ein Türöffner zu den Menschen, man erlebt gemeinsam viel und ist am Abend gemeinsam wohlig müde. Es ist einfach eine wunderschöne Art des Reises in und mit einer „Familie auf Zeit“. 

Wandern ist heute cool und lässig, wird das so bleiben? Und wie kann man Menschen für ein entsprechendes Verhalten in den Bergen sensibilisieren?
Ich bin ja ein totaler Outdoor-Typ und war auch im ersten Coronajahr sehr viel unterwegs, dieser „Zustand“ ist mir natürlich aufgefallen. Daher habe ich auch die Initiative „Erlebe Natur – bewahren und genießen“ ins Leben gerufen. Eine Online-Geschichte, an der die Bergrettung, die Steirische Jägerschaft, der Alpenverein, die Naturfreunde und Steiermark Tourismus dabei waren. Wir haben zehn Workshops veranstaltet, denn aus meiner Sicht ist es ein Erziehungsproblem, gerade auf Social Media.

Da wird freitags gepostet, dass es auf der Rax super Schnee hat und tags darauf stehen dort 400 Autos. Also habe wir Social Media für eine Bewusstseinskampagne genutzt, aktuell ist hier sehr viel in Bewegung. Wir möchten beispielsweise eine App – ähnliches gibt es bereits in Deutschland – in der die verfügbaren Parkplätze in den beliebten Tourengebieten angezeigt werden, initiieren und etablieren.


„Eine Verrücktheit, die ich nicht kommentieren mag.“
 

Im Hinblick auf den neuen Overtourism am Berg, soll alpiner Tourismus nicht generell kontingentiert werden?
Am Teide (Teneriffa) waren auch früher Menschen in Badeschlapfen Richtung Gipfel unterwegs, die dann gerettet werden mussten. Man wird auch bei uns bei gewissen Hotspots um eine Reglementierung – über die Parkplatz- oder Onlinebuchung – nicht umhinkommen. Für den Teide muss man zwischenzeitlich ein Zeitfenster buchen, täglich stehen nur 200 Slots zur Verfügung. In Wahrheit geht es ja nur um die höchsten Berge oder ums Touristenspektakel, denn geht man beispielsweise gegenüber vom Großglockner auf die Kreuzeck-Gruppe, ist man alleine. 

Was sagen Sie zu Menschen, die sich, weil sie sich’s leisten können, auf den Mt. Everst tragen lassen?
Eine Verrücktheit, die ich nicht kommentieren mag. Das ist weder sozial verträglich noch nachhaltig und somit nicht unsere Art von Tourismus.  

Der USP von Weltweitwandern ist …
Wandern ist für uns ein Vehikel und kein Selbstzweck, um der Natur, Kultur und sich selbst näher zu kommen. Wandern ist ein super Katalysator, um schöne Dinge zu erleben, die sehr tief gehen. Natur- und Kultureindrücke aber vor allem auch ein „in sich hinein schauen“. Man sieht seine Grenzen, ein ohne Worte erleben von Freude und Zufriedenheit. Dieses Empfinden geht durch den ganzen Körper. 

Ihre Empfehlung für einen Wandereinsteiger lautet?
Inselwanderungen. Madeira, die Azoren, Irland – auf einer Insel zu wandern, ist nicht hochalpin, es müssen auch keine großen Höhenmeter überwunden werden. Madeira, wo in einer wunderschönen Quinta österreichische Auswanderer leben, ist eine Woche purer Wander-Genuss. Aber auch in Osteurope gibt es viele tolle Wander- und Entdeckungsmöglichkeiten für Einsteigerinnen! 

Und was ist Ihr persönliches Lieblingsziel?
Lieblingsziele haben viel mit Freundschaften und Vorlieben zu tun. Madeira gehört sicher dazu, wo wir viele Freunde haben, aber auch Marokko und dann immer wieder ein neues Ziel. Im Sommer und Herbst 2021 war mein neues Lieblingsziel das Velebit-Gebirge in Kroatien, wo man wie in Nepal eine Woche trekken kann, kaum Menschen sieht und die wundervolle Inselwelt von oben betrachten kann. Heuer wird das neue Lieblingsziel hoffentlich Kirgisistan heißen. Sich immer wieder Neues anzueignen, finde ich großartig. Reisen – auch die im Nahbereich zu Österreich – sind immer Augenöffner und ein sehr lebendiger Geschichts-Unterricht. 

Das neue Jahr wird hoffentlich stabiler als das vergangene, was wünschen Sie sich, was ist Ihnen ein besonderes Anliegen?
Wir nehmen Nachhaltigkeit sehr ernst, aber was ist Nachhaltigkeit? Mit dem Wort wird ja schon ziemlich breit herumgeworfen. Wir reden gerne von verantwortungsvollem Reisen, da beziehen wir auch unsere Gäste mit ein. Man kann nicht nachhaltige Reisen buchen und dann mit Müll um sich werfen. Wir leben einen respektvollen Umgang unter- und miteinander und dem Gastgeber gegenüber, wir fragen beim Fotografieren – eigentlich ganz selbstverständliche Basics. Wenn man in unsere Berge schaut, wo die Dosen herumliegen, wird der große Schulungsbedarf im verantwortungsvollen Reisebereich sichtbar. 

Ja, man kann nach Nepal reisen und fliegen, aber es muss behutsam ausgewählt werden. Es ist nicht klug, schnell mal zwei Tage irgendwohin zu fliegen, nur, weil es billig ist. Jeder trägt Verantwortung für das eigenen Umweltverhalten. Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir ein weltweites Nachhaltigkeitsprogramm entwickelt, welches wir nun umsetzen und laufend weiterentwickeln wollen. Nachhaltigkeit ist ein laufender Prozess, der nicht bei den anderen beginnen soll, sondern bei einem selbst anfängt. Wir wollen einen aktiven Beitrag leisten.

Auch wenn man bei den aktuellen Nachrichten geneigt ist zu glauben, dass die Welt morgen untergeht, sind wir für 2022 guter Dinge. Ja, man kann reisen, und um diese Botschaft zu verbreiten, werde ich weiter selbst sehr viel unterwegs sein. 

Danke für das Gespräch.

www.weltweitwandern.at
www.weltweitwandernwirkt.org
blog.hlade.com/

 

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