17.07.2020

MICE: Das Leiden ist noch lange nicht vorbei!

Wird sich das Kongress-Geschäft nach COVID-19 komplett neu aufstellen müssen? Was können Airlines und Stadthotellerie tun, um den fehlenden Gästeanteil zu kompensieren? Der 4. Reed Talk der Reed Messe und des Fachmagazins Traveller versucht, Antworten zu finden.

COVID-19, ein winzig kleines Virus zeigt gerade der ganzen Welt Grenzen auf, von der gewohnten selbstverständlichen Reisefreiheit wird wohl noch länger keine Rede sein. Besonders stark von den Reisebe- und Einschränkungen betroffen ist die Kongress- und Tagungswirtschaft und mit ihr einhergehend die Cityhotellerie sowie das Business- und Städtereisesegment von Fluglinien.

Denn die Corona Pandemie setzte den florierenden Geschäftsreisetourismus quasi „non existentium“, die Verluste sind enorm und in diesem Geschäftsjahr auch nicht mehr wettzumachen. Wird sich das MICE-Geschäft nun komplett neu aufstellen müssen und was können Airlines und Stadthotellerie tun, um den fehlenden Gästeanteil zu kompensieren? Diese und weitere Fragen waren Thema des vierten Reed Talks, auf die die Experten ihres Fachs, Martina Candillo, Director Congresses & Events Reed Messe Wien, Stephan Linhart, Director Sales Austrian Airlines und Peter Buocz, Geschäftsführer Schick Hotels Wien, versuchten, Antworten zu finden. Durch den Talk führten wieder traveller Chefredakteurin Brigitte Charwat und der Leiter KURIER Reise- und Sonntagsbeilage, Axel Halbhuber.

Für Österreich – neben Deutschland weltweit eine der beliebtesten Destinationen im Kongress- und Tagungsbereich – ist das MICE- und Businesstravelsegment ein wichtiger und lukrativer Bestandteil des gesamten Reisekuchens und somit auch für den Wirtschaftsstandort Österreich nicht vernachlässigbar. Das macht auch der kürzlich veröffentlichte Meeting Industry Report Austria (mira) deutlich.

Seit 25. Mai sind die Hotels nun wieder geöffnet, seit 15. Juni fliegen auch Austrian Airlines mit einem noch „schlanken“ Flugplan wieder und auch Kongresse, Messen und Tagungen können wieder stattfinden. Man versucht auch, sich der „neuen Normalität“ anzupassen, jedoch wie überall steht und fällt auch in diesem Segment alles mit dem weiteren Verlauf der Pandemie und den damit verbundenen strikten oder lockereren Maßnahmen.

Aktuell geht es darum, den Kongress- und Tagungsgästen Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln. Heißt: Hygiene- und Sicherheitskonzepte müssen durchgängig funktionieren. In der Stadthotellerie klafft ein riesiges Loch, wie Peter Buocz anhand von Zahlen veranschaulicht: „Von gesamt 17,5 Mio. Nächtigungen in Wien kamen 2019 1,6 Mio. (ca. 9 %) aus dem Kongress-, Meeting- und Incentivesegment und generierten 20 % des Gesamtumsatzes. Wenn man noch weiß, dass 93 % internationale und lediglich sieben Prozent nationale Übernachtungen sind, liegt auf der Hand, wie es der Stadthotellerie aktuell geht. Von unseren fünf Schick Hotels ist aktuell nur das Hotel Stefanie geöffnet, das Hotel am Parkring planen wir frühestens im September zu öffnen.“

Zurzeit lebt man in den Stadthotels – deren Auslastung laut ÖHV 73 % unter dem Vorjahresniveau liegt – mehrheitlich vom Leisure-Reisenden, kann aber auch hier aufgrund vieler weiter aufrechten Reiseeinschränkungen nicht aus dem Vollen schöpfen.

Dabei liegen „Bleisure-Reisen“, die Vermischung von Business- und Freizeitreisen, schon länger im Trend, wie Linhart anmerkt und auch im Hotel wird der Gast zunehmend hybrider. Weil, so Buocz, gerade Wien abseits des Geschäftlichen auch ein breites Spektrum an Freizeit- und Kulturmöglichkeiten bietet. Per Ende Juni waren lt. Austrian Convention Bureau rd. 20 % der Wiener Hotels und österreichweit etwas mehr als 50 % mit unterschiedlicher Buchungslage geöffnet.

Die Zukunft ist hybrid

Für die Messe- und Tagungsausrichter erfordert dieser Wandel eine Neuorientierung: „Ja, wir müssen durchaus neu denken, aber auch wenn es einen großen Schub in der Entwicklung digitaler Kanäle gab, glaube ich, dass es doch in Richtung Hybrid-Modell gehen wird. Das Bedürfnis des Menschen nach persönlichem Austausch wird bleiben, wofür es Präsenzveranstaltungen mit geringer Teilnehmerzahl und größerer Fläche zur Einhaltung der Abstandregeln geben wird. Die große Leistungsschau selbst wird in Form einer digitalen Messe/Konferenz abgehalten werden. Für uns als Veranstalter bedeutet dies, flexibler zu denken. Viele wollen nun auf den digitalen Zug aufspringen, werden aber bald erkennen, dass digitale Veranstaltungen ordentlich Geld und auch sehr viel Zeit zur Ausrichtung kosten. Wir reden hier von hohen sechsstelligen Beträgen,“ so Candillo.

Eine Möglichkeit wäre auch, Kongresse auf mehrere Destinationen aufzuteilen, wovon dann auch die Hotels und Fluglinien oder alternative Verkehrsträger profitieren würden. „Man kann überlegen, Kongresse in unterschiedlichen Städten abzuhalten und man kann zum Beispiel auch darüber nachdenken, einen ganzen Bahnwaggon am Weg zum Kongressort für einen Teil des Programms zu belegen,“ lässt Candillo in die Ideenkiste blicken.

Für die Messe Wien bedeutet 2019 ein verlorenes Jahr, dabei wäre es, so Candillo, das beste Jahr aller Zeiten gewesen. Jetzt steht man mehr oder weniger vor einem leeren Messe- und Kongresskalender, was natürlich auch auf die gesamte Zulieferkette enorme Auswirkungen hat und hat es zudem mit nicht definierten Zuständigkeiten auf Magistratsebene zu tun. „Wir arbeiten mit Hochdruck an einem Gesundheits- und Sicherheitskonzept, werden aber seitens der MA 15 – wo sich niemand zuständig fühlt – im Stich gelassen.“

Lesen Sie mehr zu dem Reed Talk im Traveller e-Paper.  

(von Brigitte Charwat)

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