13.02.2021

„Mir geht es um die optimale Lösung“

Architekt Erich Bernard im Gespräch über Hotelikonen, das Ende von Frühstücksbüffets und die Bedeutung der Architektur für den touristischen Erfolg.

BWM Architekten ist ein multinationales, europaweit tätiges Architekturbüro mit Sitz in Wien. In den vergangenen Jahren hat das Team rund um Unternehmensgründer Erich Bernard einige aufsehenerregende Projekte im Bereich Hotellerie und Gastronomie umgesetzt. Darunter in Wien die Hotels Topazz oder 25hours, das Re-Design von Shop, Café und Salon im Hotel Sacher oder die Erweiterung und Neugestaltung des legendären Gasthauses Figlmüller. Aktuell arbeitet man unter anderem an der Revitalisierung des Hotelensembles am Straubingerplatz in Bad Gastein (Hotel Straubinger, Badeschloss und Alte Post), am Esterhazy-Projekt Hotel Pauls in Eisenstadt oder Hotel Gilbert in Wien.

Investitionen werden zurückgestellt, andererseits nutzt man als Hotelier vielleicht gerade jetzt die Zeit ohne Gäste für bauliche Veränderungen. Herr Bernard, was macht die Krise mit der Auftragslage im Hospitality-Sektor?
Erich Bernard: Bei den von uns betreuten Projekten sind zirka 60 Prozent weggebrochen, aber wir konnten das durch eine Erweiterung unseres Arbeitsfeldes auf die Ferienhotellerie gut auffangen. Wir profitieren von unserer Erfahrung, unserem guten Ruf und den interessanten Produkten, die wir im Hospitality-Bereich umgesetzt haben. Immer mehr Auftraggeber suchen innovative Architekturbüros nicht mehr nur im Ausland, sondern in ihrer Reichweite. Das hilft uns. 

Was macht Corona mit den Anforderungen an die Architektur der Häuser? 
Ich kann gar nicht oft genug darüber predigen: In der Hotellerie ändert sich gerade der Bereich Frühstücksbüffet nachhaltig. Die Leute haben es satt, das Angebot läuft sich tot, das hat sich schon vorher abgezeichnet. Spätestens jetzt muss jeder Hotelier sich etwas gutes Neues überlegen. Wir denken jedenfalls intensiv über Lösungen nach.

Corona killt also das Büffet?
Es wird kein klassisches Büffet mehr geben …

Viele asiatische Gastronomen hierzulande werden da aber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen?
Natürlich, aber der Gast bestimmt die Trends. Um bei den Hotels zu bleiben: Es ist Geschichte, dass beim Frühstück Brot zum selber Schneiden liegt, das bereits von zig Leuten mit oder ohne Geschirrtuch angegriffen worden ist. Niemand würde das heute so noch essen wollen. Von der Hygiene und Qualität geht es weiter zur Nachhaltigkeit, denn dass ein hoher Prozentsatz der Lebensmittel eines Büffets weggeworfen werden muss und nicht einmal als Schweinefutter herhalten darf, ist nicht mehr zu argumentieren. Es wird eine andere Form von Büffet geben, ein serviciertes. Ein Hotelmitarbeiter schneidet zivilisiert die Scheiben Käse für und vor den Gästen runter. Es gibt keine Käsereste mehr, die am Ende des Tages in den Müll muss. Lösungswege für Servicelösungen beschäftigen uns Architekten massiv.

Sie haben mit Ihrem Büro schon viele spannende Projekte für Hotellerie und Gastronomie umgesetzt. Haben Sie ein Baby, das sie besonders lieb haben?
Von den Gastronomiebetrieben mag ich das Figlmüller, das Dinglstedt und den Salon Sacher sehr gerne. Aus ähnlichen Gründen: Sie haben im Design jedes für sich einen Spirit beibehalten, der im Unternehmen steckt. Beim Dinglstedt wurde ein bestehendes Vorstadtwirtshaus so umgebaut und erneuert, dass etwas neues Spannendes daraus wurde. Trotzdem ist die lässig-entspannte Stimmung eines Vorstadtwirtshauses geblieben. Das Figlmüller bewirtet höchst erfolgreich Schnitzeltouristen, aber auch Einheimische. Eine falsche Entscheidung und der Erfolg ist in Gefahr. Das Lokal wurde in der Dimension verdoppelt und gleichzeitig modernisiert, ohne dass man die Veränderungen gleich erkennt. Der Sacher Salon ist eine unique Destination geworden, weil es eine komplett neue Atmosphäre dort geschaffen hat. Das ist ein kleiner, markanter Raum aus einem Guss. Die Fotos davon und die Likes sind um die Welt gegangen. Ein echtes Juwel. 

Und in der Hotellerie?
Eigentlich fallen mir bei jedem Hotel so viele Aspekte ein; da tue ich mir schwer. Ein echtes Icon auch von der Funktionalität her ist das Hotel Topazz. Obwohl die Zimmer klein sind, ist es uns gelungen, bei den Fenstern Chaiselongues unterzubringen. Die Fenster sind das Einmalige des Hauses – nicht nur außen –, denn von innen verändern sie die Wahrnehmung der Stadt. Plötzlich entdeckt man Dekorationen der Wiener Werkstätte auf der Fassade des Nachbarhauses, die bei einem normalen Fenster mit Vorhängen wohl keiner wahrnehmen würde. Das 25hours mag ich auch sehr gerne, weil uns zusammen mit den Betreibern des Hauses die Transformation eines hässlichen Entleins – zumindest in der Wahrnehmung der Wiener – zu einem „one of the first places in Vienna“ gelungen ist. Bei unseren internationalen Präsentationen bemerke ich immer öfter, dass neben dem Hotel Sacher, das jeder kennt, mittlerweile auch das Hotel Topazz und das 25hours Hotel Wien genannt werden.
 
Gibt es einen bestimmten Stil, der sich durch Ihre Designentwürfe zieht?
Es gibt Lösungsmuster, die wiederkehrend sind. Ich versuche, den Stil hintenanzustellen. Wie ein Fallschirmspringer: Der eine springt wunderschön und landet im Wald und der andere springt so, dass er genau am Zielkreis landet. Das bin ich. Mir geht es um die optimale Lösung, das Projekt muss gelungen sein. Ein Projekt muss nicht nur am ersten Tag gelungen sein, sondern in der täglichen Praxis.

Wie stark eingebunden sind Ihre Kunden bei Designentscheidungen? 
In der Hospitality sind die Gastgeber meistens mit ganzem Herzen dabei. Wir zelebrieren das Gemeinsame, und der koordinierte Prozess führt dann zum Ergebnis. Ich glaube übrigens, dass man aus fast jeder Lage etwas machen kann; man muss nur die richtige Brille aufsetzen. Ich weiß mittlerweile sehr gut und genau Bescheid über viele operative Notwendigkeiten. Beim Design limitiere ich mich damit selbst, aber innerhalb dieses Rahmens habe ich ziemlich viele Freiheiten. Wahrscheinlich mehr als bei anderen Projekten, weil ein Hotel immer das Wort „besonders“ oder „unverwechselbar“ als Begleiter haben sollte. Gleichzeitig sind viele Aspekte Gewohnheiten und nicht Gesetzmäßigkeiten. 

Wie meinen Sie das?
Christoph Hofmann (Anm.: 25hours-Erfinder) hat einmal gesagt, in der Hotellerie kannst du fast alles machen. Ein 80 Zentimeter hohes Bett – warum nicht? Die Leute werden es lieben und sagen „endlich mal ein hohes Bett“.  Bei Briefings für Hotelprojekte hören wir immer wieder „es soll so sein wie zu Hause“. Das halte ich für einen Fehler. Meine Antwort darauf lautet, es soll genau nicht so sein wie zu Hause! Ich buche ein Hotel, um das Hotelerlebnis zu haben. Ich reise auch in Städte, um ein Hotel zu erleben. 

Sonst kann man gleich Airbnb buchen …
Airbnb hat zwar Gefahrenpotenzial, aber es hat die Hotellerie auch bewusster gemacht. Das ist ein bisschen so wie beim Weinskandal: Man ist draufgekommen, in welchen Bereichen es hakt. Ich kann mich erinnern, vor 15 Jahren, wenn wir Kunden aus dem Ausland zu Besuch hatten, durchaus kritische Geister, und wir gefragt wurden: „Welches Hotel in Wien kannst du mir empfehlen?“ Da gab es für ein bestimmtes Preissegment nur wenig zu sagen. Ja, die Bedarfsdeckung wie Bett und Frühstück, aber nicht mehr. Das 25hours hat sicher viel umgekrempelt, seitdem versuchen viele Hotels so oder ähnlich zu sein. Durch Covid-19 müssen viele schauen, in einem geschwächten Markt die Füße wieder auf den Boden zu bekommen und da spielt Gestaltung eine Rolle.

Eingangs haben Sie erwähnt, vermehrt für die Ferienhotellerie zu arbeiten. Wie kreativ darf die sein oder ist man in klassisch alpinen Gestaltungsmustern gefangen? 
Das Image der Alpen war ziemlich eindimensional und das hat für viele genügt. Man ist oft auf dem Stand geblieben, der sich die letzten 30 Jahre kaum verändert hat. Aber wenn alle die gleiche Suppe kochen, dann tut man sich schwerer, sich zu positionieren. In Südtirol hat man durch den Einfluss des Südens einen Schritt nach vorne gemacht. Da gibt es zahlreiche spannende F&B-Konzepte und die Architektur ist ein Stück vom durchgehenden Alpinstyle abgerückt. Die Suppe sollte halt nicht komplett anders schmecken und noch immer mit der Landschaft und dem Ort zu tun haben.

Wenn Sie Projekte denken, beginnen mit dem Innen oder mit dem Außen?
Ich versuche so zu denken, wie der Gast denkt. Der Gast denkt ganz stark von innen in seinen Wahrnehmungsebenen, das ist für ihn relevanter. Natürlich gibt es Ausnahmen, das Hotel Topazz habe ich bereits erwähnt. Sehe ich das Gebäude aus der Distanz oder habe ich die gar nicht? Wenn wir ein Gebäude neu erschaffen, denken wir an die dominierende Schnittstelle von innen und außen bzw. gibt es auch viele Fälle, wo das Äußere für uns nicht relevant oder schon fertig ist.

Sie setzen in Eisenstadt für Esterhazy ja gerade ein Projekt um?
Wir konnten den Wettbewerb für die Fassade gewinnen und haben dann den Interior-Auftrag ebenfalls zugesprochen bekommen. Vom Hotel aus schaut man genau aufs Schloss, deshalb haben wir ein Totalfenster über die ganze Größe des Zimmers konzipiert. Das heißt, innen und außen dominieren die Fenster, das Hotel bekommt ein Gesicht und eine Message. 

Gehen Sie testschlafen, wenn ein Projekt fertiggestellt ist?
Ja. Wenn es ein vollbenutzbares Musterzimmer gibt, habe ich fast immer dort geschlafen. Das ist stets sehr kenntnisreich.

Neubau oder Umbau: Was macht Ihnen mehr Spaß? 
Ganz ehrlich? Ich persönlich arbeite gerne mit Bestandsobjekten. Da gibt es schon eine Story und einen Faden, den man aufgreifen kann, eine Inspirationsebene mehr. Das ist zwar auch ein Zwangspunkt, aber gleichzeitig die Herausforderung. Ein Neubau mit gewissen Zimmerrastern und einer Mindestmenge an Zimmern hat einen starken repetitiven Faktor, da ist es nicht so leicht, eine Diversität zu entwickeln. 

Welches Hospitality-Projekt schließen Sie als nächstes ab?
Das Hotel Gilbert (Anm.: ehemals Hotel ViennArt in Wien) in der Breite Gasse. Wäre es schon offen, hätte ich es bei der vorherigen Frage zu meinen Lieblingsprojekten gezählt. Da haben wir mit den Bauherren – das sind echte Vollbluthoteliers – alles durchentwickelt. Das wird als Ganzes ein sehr interessantes, schönes Hotel mit einer allgemein zugänglichen Gastronomie.

Über den Einfluss und die Bedeutung der Architektur auf den touristischen Erfolg lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mit Erich Bernard (hier zum Interview).


Erich Bernard BWM Architekten 
Erich Bernard (geboren 1965 in Graz) ist Gründer und CEO sowie der Visionär des Architekturbüros BWM. Er ist Interior-Design-Experte im Hospitality-Bereich und hat bereits eine
Reihe namhafter österreichischer und internationaler Marken bei Umgestaltungs- und Relaunch-projekten unterstützt. Bernard ist zudem als Buchautor und Verfasser von kultur- und architekturhistorischen Studien, wie über die Kultur der Sommerfrische, tätig. Neben seinen diversen Rednerengagements hat er seit 2018 eine Gastprofessur an der Austrian Marketing University of Applied Sciences / FH Wieselburg inne und war im Studiengang Innenarchitektur & 3D Gestaltung an der NDU St. Pölten engagiert.
BWM Architekten, die mit den grätzlhotels selbst ein erfolgreiches Hotelkonzept mitbetreiben (gemeinsam mit anderen Partnern), sind auch am Projekt Straubingerplatz der Hirmer-Gruppe in Bad Gastein beteiligt, das in den nächsten Jahren den historischen Kern von Bad Gastein wiederbeleben soll. Zu den bekanntesten Projekten zählen zum Beispiel die Umgestaltung des Gasthaus Figlmüller, Projekte für das Hotel Sacher (Sacker Eck, Salon Sacher), die Hotels Topazz, 25hours Vienna sowie für große internationale Ketten wie Sheraton und Marriott.

www.bwm.at/de/

 

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