05.10.2019

Mut zum Wandel

In der Wiener Traditions-Sektkellerei Kattus übernimmt gerade die junge Generation das Ruder. Ernst Polsterer-Kattus und sein Sohn Johannes Kattus im Gespräch über Mut und Chauvinismus, Werte und Ziele.

Kattus hat eine lange Tradition, auf die die Familie stolz sein kann. Für was steht die Marke Kattus heute? Was macht sie einzigartig?
Ernst Polsterer-Kattus: Ich glaube, es gibt ganz wenige traditionelle Sekthäuser die noch im Familienbesitz sind und mit einem Alter von 162 Jahren überhaupt nur noch uns. Somit haben wir ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
Johannes Kattus: Die Tradition, aber vor allem der Mut zum Wandel zeichnen uns aus. Im Sektbereich kann man stets Innovationen vorantreiben, indem man neue Wege geht. Das hat uns die Geschichte bis heute gesichert.

Ein ganz neues Produkt bei Kattus ist der Biosekt. Warum gerade diese Kategorie?
Johannes Kattus: Österreich ist ein Vorreiter in Sachen Bio und der Trend hält weiter an. Wir haben bemerkt, dass das Angebot an Bio-Sekten am Markt überschaubar ist, vor allem von den großen Produzenten. Diese Nische wollen wir gerne bedienen. Gleichzeitig wollen wir die Werte der Nachhaltigkeit im Umgang mit den Ressourcen, den Winzern und unseren Partner quasi in die Flasche füllen. Unser Wunsch ist, dass der Konsument Kattus mit Nachhaltigkeit assoziiert.

Bio ist oftmals teurer, in welcher Preiskategorie bewegt sich Kattus Organics?
Johannes Kattus: Der UVP für den Handel liegt bei 9,99 Euro, damit sind wir im gediegenen, angemessenen Preissegment. In der Produktrange ist Kattus Organic zwischen Frizzante und der Brokat-Linie positioniert und soll die Zielgruppe erweitern. Nämlich jene, die bewusst nachhaltig leben wollen, aber Genuss und Qualität voranstellen, preislich jedoch nicht zwanzig Euro für eine Flasche Sekt ausgeben wollen oder können.

Ist Kattus Organic neben dem eigenen Vertrieb bei anderen Großhändlern vertreten?
Johannes Kattus: Aktuell bei Del Fabro & Kolarik und Ammersin, in Kürze folgt Metro (Anm.: Stand Mitte September).
Ernst Polsterer-Kattus: Wir wollen mit diesem Produkt in einem ersten Schritt bewusst in jene Gastronomie und Hotellerie, die auf Bio und Nachhaltigkeit setzt. In dem Sektor haben wir im Moment noch nicht viel Konkurrenz.
Johannes Kattus: In der ersten Charge ist dieser Sekt auf 10.000 Flaschen limitiert, bei reißendem Absatz werden wir natürlich erhöhen.

Was sind eigentlich die Besteller aus dem Hause Kattus?
Ernst Polsterer-Kattus: Der Bestseller, rein mengenmäßig, ist nach wie vor Frizzante, aber wir sind auch sehr zufrieden mit unseren Cuvée No. 1 Klassik und Cuvée Rosé Klassik als zweitstärkste Linie. Auch die Brokat-Linie entwickelt sich sehr schön. Bei den „elitären“ Produkten, bei einem Preisniveau über zehn Euro, wird die Luft natürlich schon dünn, da matchen wir uns mit den billigeren Champagnern.

Wie betrachten Sie eigentlich das Match mit Champagner? Wie gelingt es die Konsumenten zu überzeugen, dass Schaumwein aus Österreich ebenfalls auf sehr hohem Niveau hergestellt wird?
Ernst Polsterer-Kattus: Ich finde, unser Gegner ist nicht der Champagner, sondern der billige Prosecco. Aus österreichischer Sicht ist es schrecklich, dass in der Gastronomie immer Prosecco verlangt und angeboten wird. Da müssen wir Argumente finden.

Der niedrigere Preis des Prosecco und die Schaumweinsteuer helfen dabei sicher nicht ...
Ernst Polsterer-Kattus: Nein, aber die Schaumweinsteuer wäre eine Ausrede. Prosecco macht es dem Konsumenten einfach, denn er weiß relativ schnell, was er da kriegt; ein Easy-to-Drink-Produkt. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Chauvinismus für unsere heimischen Produkte, so einen, wie ihn Länder wie Frankreich, Spanien oder Italien haben. Wir müssen stolz darauf sein, dass es einen so guten Sekt bei uns gibt!

Wie gut kennt man Kattus im Ausland?
Ernst Polsterer-Kattus: Man kennt Kattus in Deutschland, weil es dort eine Firma namens Kattus gibt, die Ethno Food verkauft.

Da gibt es aber keine familiäre Verbindung?
Ernst Polsterer-Kattus: Schon lange nicht mehr. Wir waren in Deutschland eine Zeit lang ganz gut vertreten, sind im Moment aber nicht sehr exportorientiert. Als ich jung in die Firma gekommen bin, habe ich mich mit viel Einsatz um den Export bemüht. Wir waren in Griechenland und in Japan gut vertreten, allerdings mit relativ kleinen Mengen. Die Rechnung hat nie gut ausgeschaut.

Export ist aktuell also kein großes Thema?
Johannes Kattus: Kurzfristig nicht, mittelfristig schon. Wenn man berücksichtigt, dass der österreichische Wein immer mehr an Bedeutung und Akzeptanz gewinnt, kann ich mir gut vorstellen, dass der Sekt folgt.

Tut es eigentlich noch ein bisschen weh, wenn Sie im Supermarkt Hochriegl-Sekt sehen (Anm.: die Marke Hochriegl musste 2009 verkauft werden)?
Ernst Polsterer-Kattus: Diese Kategorie ist nach dem EU-Beitritt und dem Eintritt von Mitbewerbern in Österreich stark unter Druck geraten. Ich musste dabei zuschauen, wie der Preis innerhalb von eineinhalb Jahren von 129 Schilling auf 69 Schilling abgestürzt ist. Pro Flasche habe ich 20 Schilling netto verloren, plötzlich gab es tiefrote Zahlen. Eine für damalige Verhältnisse in Österreich große, international aber winzige Sektkellerei kann da nicht mit. Der Verkauf war eine gute Lösung und dass wir uns auf klein und fein konzentriert haben, mit einer rationellen Produktion, die richtige Entscheidung.

Weil wir vorhin über Mut gesprochen haben: In welche Richtung wollen sie Kattus in den nächsten Jahren steuern?
Johannes Kattus: Ich möchte mit unserem Sekt eine Position erreichen, die früher einmal Hochriegel Alte Reserve hatte, dann vielleicht Schlumberger einnahm und jetzt meiner Meinung nach bei Bründlmayer liegt; nämlich das Nonplusultra in Österreich. Ein Sekt, der die Leute mit Stolz erfüllt, den sie gerne kaufen und der als begehrtes Gastgeschenk angenommen wird.

Mit welchen Maßnahmen wollen Sie das erreichen?
Johannes Kattus: Ganz wichtig wird dabei die Zusammenarbeit mit der Gastronomie sein. Letztendlich entstehen die Marken über die Gastronomie, das haben wir auch bei all unseren Vertriebsmarken gelernt.

Seit wenigen Monaten gibt es ein Joint Venture mit Borco. Was hat sich dadurch für die Kunden geändert, neben einem größeren Portfolio?
Ernst Polsterer-Kattus: Natürlich der fast doppelt so große Außendienst, die Betreuungssituation ist deutlich verbessert. Außerdem fließt das Know-how zweier Teams zusammen über verschiedene Produktkategorien von Schaumwein bis Spirituosen. Die Truppen verstehen sich sehr gut, tauschen sich aus und die Synergien beginnen zu greifen.
Johannes Kattus: Man merkt beim Gastronomen, dass dieses gestärkte Portfolio ein zusätzliches Argument ist. In jedem Bereich, von Wodka über Rum und Tequila bis zu den Schaumweinen haben wir ein Top Brand im Portfolio.

Wie hat man sich eigentlich gefunden, waren sie auf der Suche nach einem Partner?
Ernst Polsterer-Kattus: Mit Borco habe ich schon seit vielen Jahren Kontakt. Unsere Kulturen passen gut zueinander, auch weil das ein gestandener Familienbetrieb ist. Ich sage es ganz offen: Die Rettung der Firma Kattus nach dem EU-Beitritt Österreichs gelang durch das Eingehen von Vertriebs-Joint-Ventures. Zunächst einmal mit der Firma Rakke und anschließend mit Seagram mit einer fantastischen Produktpalette. 

Damit hätten Sie schon einen starken Partner für den Exportmarkt?
Ernst Polsterer-Kattus: Wir werden sehen; sie schauen sich schon mal unsere Sekte an. Wehren werden wir uns nicht (schmunzelt). Aber zunächst einmal muss die Zusammenarbeit hier gut laufen und funktionieren. Wenn das gegenseitige Vertrauen so gefestigt ist, dann wäre das ein schöner nächster Schritt für uns.

Herr Polsterer-Kattus, Sie stehen nun schon fast 30 Jahre an der Unternehmensspitze. Gibt es jetzt den fließenden Übergang an die jüngere Generation?
Ernst Polsterer-Kattus: Das ist wunderbar. Ich habe mich ja schon seit einigen Jahren aus dem operativen Bereich sehr zurückgenommen. Herr Ruhland (Anm.: Geschäftsführer Andreas Ruhland) und sein Team führen die Firma ganz großartig, und es ist unglaublich erfreulich zu sehen, wie zuerst unsere Tochter Sophie und jetzt Johannes von sich aus Interesse zeigen und sich hineintigern.

Herr Kattus, war es für Sie und Ihre Schwester eigentlich klar, dass Sie in der Firma mit anpacken wollen?
Johannes Kattus: Klar war es nicht unbedingt. Es war allerding klar, dass es immer die Möglichkeit geben würde und uns alle Türen offenstehen und wir mit offenen Armen hier erwarten werden.
Ernst Polsterer-Kattus: Nicht nur von uns, auch von den Mitarbeitern!
Johannes Kattus: Das kommt noch dazu und freut mich besonders, dass man als Mitglied der Familie Kattus von den Mitarbeitern so offen aufgenommen wird. Ehrlicherweise gab es davor aber schon Überlegungen, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

Ein Start-up im Getränkebereich?
Johannes Kattus: Rein gefühlsmäßig wäre es abseits vom Getränkebereich, doch letztendlich habe ich in dem guten halben Jahr hier gemerkt, dass es mir wirklich Spaß macht: die Branche ist eine wunderschöne, mit coolen Produkten und Menschen, lässigen Events. Sollte es doch irgendwann ein eigenes Projekt geben, werde ich nicht ganz von der Bildfläche verschwinden, sondern in engem Kontakt mit Kattus bleiben und mich positiv einmischen.

Wie teilen Sie sich die Aufgaben mit Ihrer Schwester auf?
Johannes Kattus: Da sie noch in Karenz ist, gibt es noch nicht wirklich Überschneidungen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass wir uns ganz gut ergänzen. Sie ist mehr im Marketing- Bereich aktiv, weil sie die Kreativere ist und mehr detailverliebt ist. Ich persönlich sehe mich eher in der strategischen Zukunftsausrichtung, bei Kooperationen, beim Ergreifen neuer Geschäftsfelder.

Danke für das Gespräch.

Lesetipp! Mehr über Kattus lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 10/2019 von Hotel & Touristik (zum ePaper gelangen Sie hier).

 

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