28.01.2022

Neue Gefahr für die Bonität

Weil der Staat so massiv eingriff, gab es in der Pandemie erheblich weniger Insolvenzen. Doch das wird sich ändern, sagt Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer der Creditreform im Interview. Die nächste große Challenge auf die Unternehmen wartet aber schon. 

2020 waren die Insolvenzen stark rückläufig, 2021 nochmals etwas geringer – eine Insolvenzwelle hat es im Gegensatz zu mehreren Corona-Wellen nicht gegeben. Worauf führen Sie das zurück? 
Gerhard Weinhofer: Die Entkoppelung der Insolvenzwelle von der Wirtschaftsentwicklung hat der Staat durch massive Eingriffe aufgelöst. Einerseits mit umfangreichen Hilfsmaßnahmen, mit Überbrückungskrediten, Kurzarbeit etc. Aber auch damit, dass die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt war. So kam es dazu, dass die Pandemie zum niedrigsten Stand an Insolvenzen seit 30 Jahren geführt hat.  Allerdings: Das 4. Quartal 2021 allein betrachtet hat zu einem starken Anstieg der Insolvenzen geführt und zwar um 165 Prozent mehr! Auch verglichen mit dem 4. Quartal 2019 waren es noch um 87 Prozent mehr. 

Da zeichnet sich aber jetzt doch eine Entwicklung ab, die befürchtet worden war?
Mit 30.6 2021 sind  ein Großteil ein Stundungen bei Finanzämter und Gebietskrankenkassen ausgesetzt worden und es konnten  Ratenvereinbarung geschlossen werden. Außerdem wurde die Insolvenzantragspflicht wieder eingesetzt. Vor allem die öffentlichen Stellen wie Finanzamt und Gebietskrankenkasse haben wieder Insolvenzanträge gestellt. Die Ratenvereinbarungen sind von den Unternehmen zwar angenommen worden, doch es hat sich gezeigt, dass manche diese dann doch nicht erfüllen können, weil sie ja die laufenden Abgaben und Steuern bezahlen müssen und dazu noch die Raten. 

Dazu hätte man ein kräftiges Umsatzplus benötigt?
Ja, und bei  manchen blieb die Umsatzentwicklung im Vorjahr unter den Erwartungen. Deshalb haben wir im vierten Quartal die steigenden Insolvenzen beobachtet. 

Womit rechnen Sie im ersten Halbjahr 2022?
Der Jänner hat interessanterweise keine weitere Dynamik gezeigt. Ich rechne damit, dass die Kurzarbeit und andere staatliche Maßnahmen auslaufen werden. Dann wird es davon abhängen, ob die Wirtschaftsentwicklung so stark und so gut ist, dass die Unternehmen weitermachen können. Professor Schwaiger von der TU Wien hat ausgerechnet, dass mit dem Auslaufen der Hilfsmaßnahmen 2.500 Unternehmen stark insolvenzgefährdet sind. 

Das heißt, dann wären wir doch auf einem höheren Niveau als vor der Pandemie?
Nein, die 2.500 Unternehmen sind jene, die in den letzten zwei Jahren gefehlt haben. Wir hatten immer zwischen 5.000 und 5.500 Insolvenzen pro Jahr. Jetzt haben wir nur noch 3.000. Das passt mit dem Verhinderungseffekt zusammen, den Professor Schwaiger ausgerechnet hat. Das würde bedeuten, dass wir schon im Laufe des Jahres 2022 auf das Normalniveau kommen. 

Wie sieht das denn nach Branchen aus?
Den stärksten Insolvenzanstieg gab es mit 19,7 Prozent 2021 in der Kategorie „Verkehr und Nachrichtenübermittlung“, darin enthalten sind auch Verlage und die Kommunikationsbranche.


„Die Insolvenzen von Hotellerie und Gastronomie gingen hingegen um 13 Prozent zurück, denn sie haben ja auch die meisten staatlichen Hilfen bekommen.“
 

Also genau jene, die offen halten durften, aber wenig Umsatz gemacht haben. 
Den zweithöchsten Zuwachs gab es mit 4 Prozent im Handel, gefolgt vom Bauwesen und den unternehmensbezogenen Dienstleistern. Die Insolvenzen von Hotellerie und Gastronomie gingen hingegen um 13 Prozent zurück, denn sie haben ja auch die meisten staatlichen Hilfen bekommen.

Wie wird es in dieser Branche weitergehen? 
Das wird davon abhängen, ob der Wintertourismus noch zu retten ist. Wenn man in Wien durch die Lokale geht, sieht man, dass sehr wenig los ist, die Menschen haben Angst vor der Omikron-Infektion. Beim Handel sehe ich die Gefahr, dass die Kunden immer mehr online kaufen. 

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung im Handel und Tourismus ein?
Wir haben eine V-förmige Entwicklung, nach dem Einbruch ging es auch stark wieder bergauf. Für mich stellt das Konsumverhalten eine Unsicherheit da, weil wir eine hohe Inflation haben, weil noch immer viele in Kurzarbeit sind, weil Corona verunsichert und daher die Menschen mit ihren Ausgaben zurückhaltend sind. Beim Export haben wir die Lieferkettenthematik und den Fachkräftemängel. Wenn Mieten und Energiekosten steigen, dann kaufe ich mir eben keinen neuen Fernseher.

In so schwierigen Zeiten ist die Wahl der Partner und Lieferanten schon sehr wichtig. Was raten Sie denn da?
Ganz ehrlich, das wird immer schwieriger. Mit dem ESG-Regelwerk der EU (Anm.: Environmental, Social und Governance) wird es noch eine Stufe herausfordernder. Da fließt zum Beispiel hinein, wieviel Frauen ein Unternehmen beschäftigt, welche Compliance-Vorschriften umgesetzt werden, wie nachhaltig ist meine Lieferkette, welche Autos sind im Fuhrpark, etc. Das Ganze wird in ein Rating zusammengefasst, das hat dann Auswirkungen bei der Bankenfinanzierung.

Das betrifft auch die Auswahl der Lieferanten. Wenn ich von einem Unternehmen kaufe, das Kinderarbeit in Thailand fördert und mit Dieselaggregaten die Klimaanlagen betreibt, dann habe ich einen Minuspunkt in der ESG-Bilanz. Damit wird die Nachhaltigkeit nicht nur aus Marketinggründen, sondern auch aus Refinanzierungsgründen ein großes Thema werden. 


„Das Ganze ist ein Teufelskreis, der sehr viel Bürokratie hervorbringt. Das ist nach dem Datenschutz die nächste riesige Herausforderung.“
 

Das überwachen Sie als Creditreform?
Wir sind dabei, ein ESG-Rating für einzelne Branchen zu entwerfen, wo das miteinfließt in die Bonität. Das ist übrigens mit ein Grund, warum Frankreich möchte, dass die EU den Atomstrom als grün einstuft. Da 80 Prozent so erzeugt werden, ist es für jedes französische Unternehmen wichtig, dass man durch die Atomenergie keinen Minuspunkt bekommt. Das Ganze ist ein Teufelskreis, der sehr viel Bürokratie hervorbringt. Das ist nach dem Datenschutz die nächste riesige Herausforderung. 

Haben Sie den Eindruck, dass dies den Unternehmen schon in diesem Ausmaß bewusst ist?
Nein, man glaubt, das trifft nur größere Unternehmen, das wird erst dann wahrgenommen, wenn es fünf nach zwölf ist. Unsere Unternehmensgruppe hat in Deutschland eine eigene Rating-Agentur sitzen, die sich mit dem Thema ausführlich beschäftigt. Dazu kommen noch die Herausforderungen durch die Digitalisierung und den Klimawandel. Das betrifft ja nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Konsumenten: Eine hohe Inflation ist eine Belastung und in der gerade aufgeheizten Stimmung kommen wir in eine gesamt- gesellschaftlich schwierige Situation.

Vielen Dank für das Gespräch.

www.creditreform.at/wien


(Von Dagmar Lang)

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