05.07.2019

Niederösterreich: "Nah sind wir gut"

Christoph Madl ist noch bis Ende 2019 Geschäftsführer der Niederösterreich Werbung. Im Gespräch mit Hotel & Touristik berichtet er über die Kraft der Nähe im Tourismus, den Wandel in der Ausbildung, und das Wertvolle an Ratschlägen an die Nachfolger.

Hotel & Touristik: In einigen Regionen erzeugen Kurbetriebe durchschnittliche Aufenthalte von bis zu 17 Tagen, wie wichtig ist dieses Segment für Niederösterreich?

Christoph Madl: Generell baut sich unserer Nächtigstourismus auf drei gleich starken Säulen auf: Der Kurzurlaubstourismus, der Wirtschaftstourismus, und der Gesundheitstourismus, der sich wiederum in Kur bzw. Rehabilitation und Wellness unterteilt. Eine Destination, die sich als Gesundheitsregion positioniert, wird in der Entscheidungsfindung des Patienten eine Rolle spielen. In Österreich herrscht bei den Kurstandorten Wahlfreiheit. Wir sind uns des hohen Stellenwertes des Gesundheitstourismus bewusst, wissen aber auch, dass wir hier nur einen kleinen Teil wirklich beeinflussen können.

Könnte man hier ansetzen, um mit dem medizintourismus die Gästeschicht zu internationalisieren?

Es gibt Standorte wie zum Beispiel Bad Pirawath im Weinviertel, das Nuhr Medical Center in Senftenberog oder das MedAustron in Wiener Neustadt. Wichtig ist dabei die Spezialisierung, um auf die medizinisch, therapeutischen und kulturellen Bedürfnisse konkret eingehen zu können. Das kann man nicht nebenbei machen, man muss Schwerpunkte setzen. Das ist kein Thema mit dem wir in der Breite werben.

Klosterneuburg oder Krems sind auch solche Ausreißer in der Nächtigungsstatistik, sind es auch die Krankenhäuser?

In Klosterneuburg spielt das Institut of Science und Technology in Gugging mit den Gastprofessoren und Teilnehmern eine Rolle, in Krems ist es die Donauuniversität und das IMC Krems, auch in Wiener Neustadt spielen die Bildungseinrichtungen eine wichtige Rolle. Krankenhäuser sind definitiv nicht in der Nächtigungsstatistik berücksichtigt.

Sie unterrichten seit über 20 Jahren auch an der WU Executive Acadamy. Wie wandeln sich die Anforderungen an die Tourismusstudenten?

Früher gabe es eine klassische Karriere im Tourismus, heute sind die Zugänge viel offener. Auf der anderen Seite ist das Spannungsfeld zwischen Digitalisierung und analoger Welt immer wieder spürbar, auch in den verschiedenen Ausbildungsmodulen. Wir beschäftigen uns viel mit digitalisierten Abläufen, Apps, Informationen vor Ort durch Augmented Reality und so weiter. Es braucht eine Balance zwischen Digitalisierungsanspruch, der auch der Wirtschaftlichkeit und der punktgenauen Information dient und der analogen Begegnung, mit der Qualität und Empathie in der Dienstleistung, die Stärke des Österreichischen Tourismus.

Was bringen Sie den Teilnehmern bei?

Ich unterrichte neben dem Fach Tourismusorganisationen auch Wissensmanagement, und da merkt man, wie wichtig das Teamarbeiten ist. In Workshops mit verschiedenen Moderationstechniken schärfen wir die menschlichen und kommunikativen wie sozialen Fähigkeiten aber schulen auch den kritischen Blick auf Organisation, Abläufe und digitale Vorteile.

Wenn Sie Ihr Nachfolger um Rat bittet, was würden Sie ihm sagen, welchen Fehler möchten Sie ihm ersparen?

Als Führungskraft knüpft man jeden Tag Kontakte oder bekommt Ratschläge, die einen verleiten, von seiner Grundlinie abzukehren und immer wieder Sonderlösungen zu machen. Doch man muss sich immer ansehen, welche Wertschöpfungsmechanismen dahinterstecken, und wie sich das mit anderen Produkten aus der Kultur oder Kulinarik verbinden lässt. Ich muss alles im Gesamtkontext abbilden und ein klares Profil im Fokus haben, das die Wertschöpfung sichert und wo man die Stakeholder mit an Bord hat.

Was geht denn zum Beispiel nicht?

Wir hatten die Debatte, ob wir mit Wein und Tourismus nach Nordamerika gehen sollen oder mit einem anderen Konzept in den arabischen Raum. Nur, wenn man das ernsthaft betreibt, sind hunderttausende Euro blitzartig verbraucht. Auf der anderen Seite, in unserem Stammmarkt Tschechien weiß ich genau, wie viele Nächtigung ich mit einer Kampagne in dieser Größenordnung generieren kann. Unsere Stärke ist der Nahmarkt, wir brauchen Mitarbeiter mit dem Verständnis für Ungarisch oder Tschechisch bzw. Slowakisch und deren Kultur. Das sind unsere Märkte, da sind wir gut.

Haben Sie damals einen Ratschlag bekommen, den Sie gebrauchen konnten?

Mein Vorgänger, Klaus Merkl, ist leider schon verstorben. Ich war zwei Jahre lang mit ihm gemeinsam in der Geschäftsführung. Von ihm konnte ich die ganze Genussorientierung übernehmen, damit war Niederösterreich das erste Bundesland mit diesem Schwerpunkt. Der Weinherbst ist seine Erfindung – mittlerweile eine geschützte Marke - ich habe ihn sehr gerne übernommen und weiterentwickelt.

Lesen Sie mehr von dem Interview in der aktuellen Ausgabe von Hotel & Touristik, die am 5. Juli 2019 erscheint.

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