25.03.2021

Osterunruhe

Weil sich harter Lockdown gar so ernst anhört, beschlossen unseren obersten PR-Profis nun für Wien, Niederösterreich und das Burgenland die viel hübscher klingende Osterruhe. Dabei sollten wir eigentlich lauter werden. Ein Kommentar von Thomas Schweighofer.

Privater Konsum, der während eines Lockdown nicht stattgefunden hat, wird im Nachhinein stärker nachgeholt als die entfallene Reisetätigkeit. Dies ist aktuell in den Shoppingtempeln gut zu beobachten, da wird ohne Not nicht Notwendiges gehamstert, als gäbe es kein Morgen mehr. Der Handel argumentierte daher so vehement, aber letztlich erfolglos, gegen eine Testpflicht im Non-Food-Bereich. Die Sorge vor Umsatzverlust ist groß. Diese „ultimative Bestrafung“, so der Handelsverband, sei wissenschaftlich nicht haltbar, denn laut Studien sind Einzelhandelsgeschäfte nicht mit erhöhtem Infektionsrisiko in Verbindung zu stellen. Nun, das klingt doch bekannt. Wo genau die Menschen sich anstecken, lässt sich nämlich häufig nicht genau ermitteln. Die Evidenz, auf der bisherige Maßnahmen getroffen wurden, ist also mangelhaft. Das wirkt in etwa so, wie in diesem alten Witz: „Ich habe eine Lederallergie! Immer wenn ich morgens mit Schuhen im Bett aufwache habe ich Kopfschmerzen ...“

Die „ultimative Bestrafung“ ertragen Gastronomie, Hotellerie und der Tourismus als Ganzes schon lange mit viel Geduld. Statt Ostererleichterung gibt es also weiterhin eine Esel-Siesta … das nur als Vorschlag für das „Wording“ an unsere Regierungs-Landeshauptmanns-PR-Kaiser. Für kommende Maßnahmen bieten sich noch an: Sommer-Bauchklatscher und Winter-Entschlafung. Man ärgert sich darüber, argumentiert und diskutiert, stürmt aber nicht mit brennenden Heugabeln auf die Straßen – eigentlich ein Wunder. 

Der Tourismus ist für die Gesamtwirtschaft bedeutender, als man ihm – noch immer – zugestehen will. Imposant ist die internationale Dimension: Laut UNWTO-Welttourismusbarometer bedeutet der Einbruch des Reiseverkehrs im Vorjahr einen geschätzten Verlust von 1,1 Billionen Euro an Exporteinnahmen weltweit. Das ist das Elffache des Verlustes, der während der Weltwirtschaftskrise 2009 verzeichnet wurde! Die Krise gefährdet bis zu 120 Millionen direkte Arbeitsplätze im Tourismus – wohlgemerkt direkte. Die Wirtschaftsleistung in Österreich ging – vor allem im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz, aber auch vielen anderen Ländern in Europa – im Corona-Jahr 2020 besonders stark zurück. „Der Unterschied zur Entwicklung in Deutschland ist im Wesentlichen auf die höhere Bedeutung des Tourismus für die heimische Wirtschaft zurückzuführen“, betont Forscher Stefan Schiman in einer WIFO-Studie. Die unterschiedliche Bedeutung tourismusabhängiger Dienstleistungen für die Gesamtwirtschaft spielt – neben Verhaltensänderungen der Konsumenten im Lockdown – also eine große Rolle, dies erkläre „die Tiefe der Rezession vollständig“. 

Das weiß man, viele Zahlen liegen am Tisch, in manche Köpfe ist das dennoch nicht vorgedrungen. Wenn Sie sich einmal wieder so richtig ärgern wollen, durchforsten Sie doch auf Onlineplattformen bei Artikeln über das Tourismusgeschehen die Forumseinträge. „Vielleicht überlegt man sich aber doch einmal, ob das viele Steuergeld, mit dem hierzulande die Tourismusindustrie direkt und indirekt gefördert wird, nicht anderswo besser investiert wäre und dort mehr heimische (statt Gastarbeiter-)Arbeitsplätze bringen würde.“ Schrieb da ein User bei derstandard.at unter einem Artikel über die Wertschöpfung der Branche. Und das war noch einer der nettesten Beiträge. 

Hierzulande haben Hilfsmaßnahmen ganz gut funktioniert. Beim Löschen akuter Brände hörte man auch auf die Branchen – nur um auch einmal ein Lob auszusprechen. Was bisher allerdings gar nicht gelang, ist, eine Perspektive zu geben. So planlos, wie wir anfangs in die Krise gestolpert sind und mittlerweile durch sie humpeln, können wir uns das Wiederaufstehen nicht erlauben. Es braucht Klarheit der Bedingungen, die den Restart ermöglichen, Regeln für den dann erfolgreichen Betrieb, treffend formulierte Ziele und umfassende Reformen – denn der Nach-Corona-Tourismus wird nicht mehr der gleiche sein (können) wie der davor. Vorschläge und Ideen dafür liegen auf dem Tisch. Vielleicht braucht es von uns allen mehr Nachdruck, um Eindruck bei den Entscheidungsträgern zu machen. Keine brennenden Heugabeln, dafür flammende Appelle. Lassen Sie uns das in einen Überbegriff gießen, so wie es unsere obersten PR-Profis so gerne tun. Wie wäre es mit – passend zu Ostern – „Auferstehungslust“? Also, ich hätte eine. Haben Sie andere Vorschläge, dann schreiben Sie mir bitte unter: 

t.schweighofer(at)manstein.at

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