19.05.2020

"Passagier oder Pilot bei Corona"

Der Unternehmensberater Matthias Strolz rät im Interview, Augen und Ohren ganz weit aufzumachen und die Signale richtig zu deuten. Wer als Passagier verharrt, wird unter den wirtschaftlichen Virustoten sein.

Stammgast.Online: Am 25. Juni werden Sie im ersten CASH Digital Talk zum Thema „Pilot oder Passagier? Die Kunst der proaktiven Neuerfindung“ referieren und anschließend mit dem Geschäftsführer von Bipa, Thomas Lichtblau, Spar-Manager Johannes Holzleitner und Unilever-Österreich Chef Nikolaus Huber diskutieren. Was meinen Sie, waren wir Österreicher in den vergangenen acht Wochen Pilot oder Passagier?
Matthias Strolz: Am Anfang war jeder Passagier, das ist alternativlos. Weil du so überrascht bist und mehr als eine Schrecksekunde brauchst, um dich wieder zu orientieren. Wichtig ist bei externen Schocks, dass wir rasch wieder in den Pilotensessel finden. Aber die Dimension dieses Einschnitts ist für unsere Generation eine einmalige Erfahrung.

Gesundheitlich haben wir es gut hingekriegt?
Ja, auf der Gesundheitsfront sind wir – vorerst – mit einem blauen Auge davongekommen, aber die wirtschaftlichen Implikationen sind erst im Ansatz greifbar und noch überhaupt nicht emotional angekommen.

Sie meinen, die Menschen wissen noch nicht, was uns wirtschaftlich bevorsteht?
Wir lesen die Zahlen, wir erkennen intellektuell, dass eine gewaltige Rezession unterwegs ist, aber wir können es noch nicht emotional integrieren. Das braucht Zeit. Die Phase der großen Emotionen liegt noch vor uns: Wut, Aggression, Zorn und Trauer. Das müssen wir auch zulassen, aber wir dürfen uns nicht davon dominieren lassen. Die Emotion darf – kollektiv und individuell – eben nicht im Pilotensitz Platz nehmen, darf nicht zur Reiseleiterin werden.

Was befürchten Sie konkret?
Die Krise wird etliche Folgekrisen nach sich ziehen. Denken wir an 2008: Was hatte eine amerikanische Immobilienblase mit Griechenland zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Zwei Jahres später sehr viel. Oder Österreich: Im September 2008 war die Pleite der Lehmann Brothers, erst im Februar 2009 schätzte die Mehrheit der Betriebe in Österreich ihren Ausblick negativ ein.

Sie sehen für Österreich schwarz?
Ein großes Problem ist, dass die politisch versprochenen Hilfen in der Wirtschaft nur verschleppt ankommen. Das haben die Schweiz und Deutschland offensichtlich besser und vor allem unbürokratischer gemacht. Bei uns bleiben die Gelder irgendwo hängen. Es fehlen damit Liquidität und Planungssicherheit.

Sie meinen, die österreichische Wirtschaft ist ein Risikopatient?
Das Risiko ist nun überall hoch. Doch Österreich ist besonders Export- und Tourismus-abhängig. Wir werden schon mit vielen Insolvenzen rechnen müssen. Beispielsweise ist noch völlig offen, wie das in Italien weitergeht. Das ist unser zweitgrößter Handelspartner. Wenn Italien wirtschaftlich schwer krank ist, wird sich Österreich schwertun, voll fit zu werden. Auch eine weitere sozialen Spreizung ist eine große Herausforderung, nicht nur in Österreich.

Im Lockdown haben wir beispielsweise Kinder aus bildungsfernen Familien ohne Laptop und Internet über Monate verloren. Eine gewaltige Bürde für die nächsten Jahre ist auch das Ausmaß des Budgetlochs, das wir aktuell aufreißen. Erinnern Sie sich: Vor rund drei Monaten war die Meldung, dass man drei zusätzliche Millionen Euro für das Frauenressort gefunden habe, eine Schlagzeile in den Hauptabendnachrichten. Die drei Millionen waren offensichtlich schwer zu finden. Jetzt haben wir im Vorbeigehen 50 Milliarden Euro gefunden.

Was sagen Sie zum Plan der italienischen Regierung, die Grenzen so schnell zu öffnen?
Ich verstehe, dass der Druck mit jedem Tag gewaltig wächst. Bislang waren wir von den Infektions- und Sterbezahlen quasi hypnotisiert. Langsam legen sich wirtschaftliche Kennzahlen frei – und da lauern natürlich auch unglaubliche menschliche Tragödien, die mit jedem Tag, an dem die Grenzen geschlossen bleiben, zunehmen.

Was könnte Corona für die wirtschaftliche Weltordnung bedeuten?
Die laufenden Entwicklungen werden verstärkt. China wird die USA und Europa in der wirtschaftlichen Gesamtkraft abhängen. Die politischen Implikationen sind gewaltig.

Aber die chinesische Wirtschaft hat ja auch unter dem Lockdown gelitten!
Dennoch, die haben mit ihren 1,4 Milliarden Menschen einen unglaublich großen Binnenmarkt. Und sie bauen in immer mehr Segmenten und Ländern ihre Führungsrolle aus. Ein Beispiel: 80 Prozent der Patente für 5G sind in chinesischer Hand. Halb Afrika wird von ihnen dominiert.

Wie schauen Sie auf die politischen Entwicklungen?
Aktuell haben fast allerorts noch die Regierungen Auftrieb. „Rally `round the Flag-Effekt“ nennt man das Phänomen, deshalb führen manche amerikanischen Präsidenten gerne Krieg. Politikwissenschaftliche Studien zeigen: Es dauert im Schnitt 4,5 Jahre, dann hebt es den „Kriegs-Präsidenten“ aus dem Sattel. In den ersten Phasen der Krise scharen sich die Bürger um die Führer, später verkehrt sich dieser Effekt.

Wenn Sie Bundeskanzler wären, was hätten Sie anders gemacht?
Ich bin es nicht. Und mir liegen auch nicht jene Informationen vor, die der Bundeskanzler hat. Aber zwei Dinge: Offensivere Einbeziehung auch kritischer Expertinnen und Experten sowie mehr Transparenz bei den Daten und Fakten zu Corona, um die Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen. Bei wirtschaftlicher Hilfe weniger Bürokratie und mehr Tempo. Bei den Freiheits- und Bürgerrechten mehr Sensibilität und Empathie. Angela Merkel hat Recht: Corona ist eine demokratische Zumutung.

Sie beraten Unternehmen. Was sollen die jetzt tun?
Augen und Ohren auf, die frühen und leisen Signale hören und auf Basis dieser Signale disponieren. Wir müssen Landebahnen für das Neue bauen, wir dürfen nicht weitermachen wie vorher. Überleben und profitieren werden jene, denen Innovation gelingt. Wer als Passagier verharrt, wird im wirtschaftlichen Bereich unter den Virustoten sein. Jene ohne große „Vorerkrankungen“ werden klar im Vorteil sein, weil sie mehr Handlungsspielraum haben. Wir müssen die Irritation jetzt als Dünger nutzen. Die Irritation ist die Mutter der Innovation. Nie seit 1945 war die Irritation größer, also ist auch so viel Innovation zu erwarten wie über die letzten 70 Jahre nicht. Meine Erfahrung ist, es gehen im Leben nie Türen zu, ohne das andere aufgehen. Manchmal zeitversetzt. Es kann auch eine Tapetentür sein, daher ist es wichtig, ganz genau hinzusehen, hinzuhören, hinzuspüren. Die Zeit nach Corona wird eine Aufbruchszeit sein, wie wir sie in unserer Generation noch nicht erlebt haben.

(von Dagmar Lang)

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