08.10.2021

Revoluzzer aus der Wohlfühlecke

Was Plant-based-Anhänger und KPÖ-Wähler gemeinsam haben könnten. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Zu den schönen Seiten im Beruf des Journalisten gehört meiner Meinung nach, immer wieder neue Menschen kennenzulernen. Neulich war das der Fall als es darum ging, Fleischersatz-Produkte zu testen und zu verkosten. Neudeutsch wird dieses „Future Food“ auch Plant-based genannt, was so viel heißt wie Essen, das zwar nach Fleisch aussieht und auch danach schmeckt, allerdings auf rein pflanzlicher Basis beruht. Dazu bedient man sich gewisser Getreidesorten wie Weizen oder Hafer und von Hülsenfrüchten wie Soja oder Erbsen. Es geht um das in Körnern oder Bohnen enthaltene Protein, das in einem aufwendigen Prozess beliebig formbar gemacht wird und somit das Trägermaterial für Fleischersatz bildet.

Ob das nun das Plant-based Patty vom neuen, rein pflanzlichen Burger von McDonald’s, dem McPlant, die Bratwurst auf Basis von Kräuterseitlingen ist oder die Hühnernuggets auf Weizenbasis sind, sie haben alle eines gemeinsam: Sie werden wie ganz normale Fleischprodukte gedacht und produziert. Das heißt: die Geschmacksgebung orientiert sich exakt an Huhn-, Schweine- oder Rindfleisch. Auch in der Zubereitung wird Fleisch nachgeahmt, indem man Pattys & Co. genauso in der Pfanne, auf dem Grill, in der Fritteuse brät oder bäckt, um damit den gewünschten Maillard-Effekt – diese fleischtypischen Röstaromen mit Krustenbildung – zu erzielen. Diese Nachahmprodukte sind mittlerweile so ausgereift, dass sie in einer Blindverkostung mühelos als echte Fleischgerichte durchgehen würden.

Fixplatz auf den Speisekarten

Bei dieser Verkostung dabei war auch eine Wirtin, die mit ihrer Familie im Salzburger Pongau sehr erfolgreich eine Skihütte betreibt. Im Gespräch gab sie Einblick in ihre Erfahrungen mit vegetarischen oder veganen Gerichten: „Vor fünf Jahren haben wir uns gedacht, sowas mal auf die Karte zu setzen und sind gnadenlos eingefahren damit.“ Aufgeben und die Gerichte wieder von der Karte zu verbannen kam nicht in Frage. Vielmehr wurde getüftelt und probiert. Ihr ehrliches Urteil über die ersten Jahre dieses Produktsegments: „Eher zach.“ „Interessanterweise“, fügte sie hinzu, „wurden Gerichte besonders dann nachgefragt, als sie gar nicht mehr auf der Karte standen.“ Jetzt nach fünf Jahren möchte/kann sie auf das pflanzliche Angebot nicht mehr verzichten: „Besonders die veganen Burger reißen sie uns aus den Händen.“

Auf die Frage, warum plötzlich vegane Gerichte so in Mode sind bzw. verstärkt nachgefragt werden, schüttelt sie ratlos den Kopf: „Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Wir haben ja sehr viele Stammgäste, von denen ich über ihre ,Fleischliebe‘ weiß. Selbst die greifen immer wieder zu veganen Alternativen. Aber warum das so ist, kann ich nicht sagen.“

Untersuchungen zu Motiven über die Veränderung von Essverhalten füllen ganze Bibliotheken und Hörsäle und zählen zu den Cashcows von Trendforschern und Ernährungsberatern; mit mehr oder weniger stichhaltigen Aussagen. Wird heute ein Trend proklamiert, löst in ein anderer morgen schon wieder ab. Beim Griff zu Essen, das rein pflanzlich hergestellt wird, ist das anders, weil eine ganze Industrie dahintersteht, die gerade einen Plant-Turbo zündet: Genau, die Fleischindustrie: Sei es der Mettwurst- oder Aufstrichspezialist Rügenwalder Mühle, der Mühlviertler Leberkäse-Guru Neuburger oder der holländische Fleischkonzern Vion. Alle befeuern den Plant-Markt mit immer neuen Innovationen, denen man auf Dauer nicht entkommen wird.

Ethische, ökologische Gründe und der Reiz des Neuen

Vielleicht will man diesen neuen Produkten auch gar nicht entkommen. 90 Prozent dieser Produktrange werden sowieso von sogenannten „Flexitariern“ gegessen. Also Menschen, die nicht explizit vegan leben, aber immer wieder rein pflanzliche Alternativen in ihren Ernährungsplan einflechten. Warum auch nicht? Schmeckt wie Fleisch, ist gewürzt wie Fleisch, fühlt sich an wie Fleisch. „Nebenbei“ erhöhe ich das Tierwohl, weil weniger Nutztiere unter unwürdigen Bedingungen gemästet und geschlachtet werden und schone damit gleichzeitig die Umwelt, aus den gleichen Gründen, weil weniger Ressourcen verbraucht werden. Ohne mein gewohntes Terrain zu verlassen, probiere ich Neues und schütze damit Tiere und den ganzen Planeten. Der Biss – auf der Couch liegend – in den krossen Plant-Burger während die Fußballübertragung läuft, das hat etwas von einer Revolution ohne Entbehrung. Das ist auf der Skihütte im Salzburger Pongau nichts anderes. Im Gegenteil: tolles Freizeiterlebnis, romantische Kulisse und köstliches Essen, gepaart mit ethisch-ökologischem Einschlag.

Da ist die Assoziation zu den Grazer KPÖ-Wählern nicht weit. Nur eine Minderheit derjenigen, die bei der Gemeinderatswahl ihr Kreuz bei den Kommunisten gemacht haben, glüht wirklich für die überkommenen Werte von Vergemeinschaftung und Klassenkampf. Ganz im Gegenteil: Meinungsforscher wollen genau die Couchsurfer aus der bürgerlichen Ecke als Wählerpotenzial ausgemacht haben. Die Gemengelage ist natürlich komplizierter: da ein abgehobener Bürgermeister, der die Realitäten völlig verkennt und ihm gegenüber eine Herausforderin, die 16.000 Bürgern echtes Geld in die Hand gedrückt hat, um damit deren kargen Lebensunterhalt zu unterstützen. Da lässt sich dann schon mal eine „Leihstimme“ verschwenden und damit dem saturierten Politik-Status-quo eins auswischen.

Gefahr droht erst, wenn die neuen Machthaber dann mit Entscheidungen ernst machen, die so gar nicht ins bürgerliche Weltbild passen. Mit einer baulichen Nachverdichtung der mondänen Grazer Villenviertel beispielsweise. Aber damit ist nicht ernsthaft zu rechnen. Somit lässt es sich weiterhin bequem aus der Wohlfühlecke heraus revoltieren.

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