23.12.2021

Schlosshotel & Herrenhäuser wollen wachsen

Der Südtiroler Hotelier Franz Ladinser, neuer Präsident der „Schlosshotels & Herrenhäuser“, im Interview über Wachstum und Werte, Stärken und Herausforderungen und die Unterschiede zwischen österreichischen und Südtiroler Hoteliers.

©  Hannes Niederkofler, Boutique & Gourmet Hotel Orso Grigio
Bildergalerie: Einblicke in das Boutique & Gourmet Hotel Orso Grigio (Grauer Bär) in Innichen von Franz Ladinser.

 

Die Krise ist noch nicht vorbei, es gibt noch viel zu tun. War das auch Ihre Motivation, die Aufgabe an der Spitze der Schlosshotels & Herrenhäuser zu übernehmen?
Franz Ladinser: Es war nicht die unmittelbare Motivation, sondern es war die Überzeugung, dass die Krise vorbei gehen wird und wir gemeinsam stärker sind, um notwendige und erleichternde Maßnahmen zu setzen.

Sie setzen im Vorstand auf die „emotionalen Bindung zwischen Gästen und Hotels sowie strategische Partnerschaften“. Wie wollen Sie beides aufbauen und stärken?
Unsere Häuser sind ganz besondere Beherbergungsbetriebe. Sie sind einzigartig und authentisch und zeichnen sich in der Regel durch starke Gastgeberpersönlichkeiten aus. Da ist es im Normalfall nicht schwierig, Freunde, Fans und Liebhaber zu gewinnen und sie emotional an die Häuser zu binden. Die Herausforderung ist es, die Marke in jedem dieser Häuser spürbar und erlebbar zu machen. Jeder Gast muss sehen und merken, dass er in einem SH-Betrieb wohnt. Dadurch überträgt er die Bindung zum Haus auch auf unsere sehr wertvolle Marke und verbindet damit unbezahlbare Urlaubsemotionen.

Strategische Partnerschaften braucht man, um den Bekanntheitsgrad einer Marke in die Breite zu tragen. Das können verschiedenste Bereiche sein, wie zum Beispiel Autovermieter, Reisezeitungen, typische Spezialitäten, Uhren, Geschirr, Freizeitbekleidung, Hochzeitskleider und vieles andere. Wir bieten Aufenthaltsgutscheine unserer Mitgliedsbetriebe – zur Verlosung, zum Verschenken etc. – gegen Sichtbarkeit im Zusammenhang mit den jeweiligen Produkten: Inserate, Beilagen, Hotelführer im Handschuhfach … 

Die Pandemie hat Konzentrationsprozesse weiter befeuert. Die Großen werden immer größer, die Kleinen müssen sich strecken. Welche Rolle der Unterstützung kann „Schlosshotels & Herrenhäuser“ für ihre Mitglieder einnehmen?
Unsere Häuser sind vor allem kleine bis mittlere Betriebe. Durch die Mitgliedschaft in unserer Hotelgruppe komme sie in den Genuss von wesentlichen Hilfen. Erstens, durch die Führung unserer Marke erhöhen sich Prestige und Wertigkeit des Hauses. Zweitens verbessern unsere verschiedenen Werbeaktivitäten, im Wesentlichen in den Bereichen Internet und Presse, verbessern deutlich die Sichtbarkeit. Drittens ist die Marke ein Gütesiegel für die Kernkompetenz unserer Betriebe. Es gibt in Europa keine Hotelmarke, wo die Werte unserer Häuser so klar und unmissverständlich kommuniziert werden. Nicht zuletzt sind wir sind eine große Hotelfamilie innerhalb welcher ein Erfahrungsaustausch möglich ist.

Wie viel Wachstum wünschen Sie sich für die Vereinigung?
Wir verstehen uns als eine internationale Hotelvereinigung für historische und einzigartige Häuser in mittlerer bis gehobener Kategorie. Die Gruppe hat in den letzten Jahren durch Corona, Betriebsschließungen und auslaufende Pachtverhältnisse leider viele Mitglieder verloren. In diesen ersten drei Jahren meiner Präsidentschaft möchte ich wieder auf zirka 60 der ehemals 80 Mitgliedsbetriebe in Zentraleuropa heranwachsen. Die Größe ist ein wesentliches Merkmal. Attraktivität, Ressourcen, Durchsetzungspotential am Markt steigen exponentiell.

Das große Thema der Zeit ist die Mitarbeiterfrage. Welche Ideen hat man bei „Schlosshotels & Herrenhäuser“ zur Bewältigung dieser Mammutaufgabe?
Das Problem der Mitarbeiter ist in der Hotellerie und Gastronomie zum größten Branchenproblem überhaupt geworden. Es belastet so sehr, dass da und dort Unternehmerfamilien aufgeben. Eine dramatische Entwicklung. Als Hotelgruppe haben wir wenige Mittel, um hier hilfreich aktiv zu sein. In unserem Statut sprich man zwar von einem Mitarbeiteraustausch, aber es wird kaum bis gar nicht angenommen. Eventuell könnten die vergünstigten Preise innerhalb der Gruppe für Eigentümer und deren Mitarbeiter als kleines Attraktivitätsplus für den Arbeitsplatz bei uns gelten.

Welchen Beitrag für einen nachhaltigen Tourismus kann „Schlosshotels & Herrenhäuser“ leisten bzw. deren Mitgliedsbetriebe?
Eigentlich gibt es keine nachhaltigeren Häuser als die unseren. Ihre lange Geschichte ist der beste Beleg dafür.

Ihr „Boutique & Gourmet Hotel Orso Grigio“ ist seit fast 300 Jahren in Familienbesitz. Die Betriebsübergabe ist immer wieder ein Knackpunkt. Wie ist das Ihrer Familie so lange gut gelungen?
Ein Generationswechsel ist für jeden Betrieb ein schwieriger Moment und er verlangt allen Beteiligten Vernunft, Kompromissbereitschaft und Großzügigkeit ab. Wie es meine Vorfahren gemacht haben, kann ich leider nicht wirklich sagen, außer dass die Weichenden häufig mit leeren Händen gehen mussten. Bei der Übergabe von meiner Mutter zu mir war großer Familiensinn im Spiel. Meine weichenden Geschwister konnten zum Glück zufrieden gestellt werden, ohne den Betrieb ökonomisch allzu sehr zu belasten.

Südtirol wird in Österreich gerne als best practice herangezogen, wie die Hotellerie sich modern, aber authentisch weiterentwickelt. Was kann Österreich von Südtirol noch lernen?
Ich glaube nicht, dass wir Südtiroler unseren österreichischen Kollegen etwas voraushaben. Die österreichische Hotellerie gehört weltweit zur Spitzenhotellerie. Es liegt in der Natur der Sache, dass es überall gute und schwächere Betriebe gibt. Wenn es einen kleinen Unterschied gibt, dann erlaube ich mir zu sagen, dass die österreichischen Kollegen genauer rechnen und wir dafür mit mehr Herzblut und Großzügigkeit bei der Sache sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

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