11.03.2022

Siegmund Freud hätte seine helle Freude

Ob sich Österreichs Politiker im Klaren sind, wie sie durch bewusste oder unglückliche Formulierungen das Bild unseres Landes prägen? Ein Kommentar von Axel Schimmel.

„Österreich wurde die Neutralität aufgezwungen!“, schmetterte Karl Nehammer mit brechender Stimme emotionsgeladen in das Mikrophon auf der Regierungsbank im Hohen Haus. Na, wenn das der Alte noch gehört hätte. Den Wutausbruch Bruno Kreiskys möchte ich mir gar nicht vorstellen. Hätte er wohl in leichter Abwandlung seines legendären Sagers „Lernens Geschichte, Herr Redakteur!“ etwa gebrummt: „Lernens Geschichte, Herr Kollege!“, ist Nehammer doch der 14. Nachfolger des „Sonnenkönigs“.

Ich will hier gar nicht bewerten, ob Nehammers Zitat der Überprüfung einer Historikerkommission standhalten würde. Es geht nur darum, welches Signal der Kanzler mit diesem Satz aussendet. Bei seinem Antritt versprach er, zu einen und kommt dennoch mit einer Aussage, die höchst explosiven Zündstoff für verbale Auseinandersetzungen liefert. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem wir an einem markanten Wendepunkt stehen, mit fröhlich wuchernden Corona-Fallzahlen, die der Politik von einer Sekunde auf die andere völlig wurscht zu sein scheinen und mit einem vom russischen Despoten vom Zaun gebrochenen Krieg, der nicht weit von unserer Haustüre tobt; an einem Wendepunkt, an dem Ruhe und Besonnenheit, vielleicht sogar Diplomatie angebracht wären, wenn urplötzlich Existenzängste aufflammen, weil man sich den Diesel um 2,50 nicht mehr leisten kann, Mitleid mit den vielen Ukrainern hat oder sich schlicht fürchtet, dass die erschütternde Gemengelage auch nach Österreich schwappt.

Was Kreisky aber vermutlich wirklich in seinem Grabe rotieren lässt, ist die Reaktion seiner Partei: Ganze zwei Tage brauchte Pamela Rendi-Wagner, um dem Regierungschef zu entgegnen: „Wir wollten die Neutralität!“, so gemütlich schlummert die SPÖ derzeit auf der Oppositionsbank.

Lange Liste an Entgleisungen

Die Liste der Verbalentgleisungen unserer obersten (Regierungs-)Vertreter lässt sich beliebig fortsetzen. So bemühte Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka, protokollarisch immerhin die Nr. 2 im Staate, im Zusammenhang mit der Ukraine den Opfermythos Österreichs beim Anschluss an Nazideutschland. In die gleiche Kerbe schlägt diesbezüglich auch Außenminister Schallenberg. Geht’s eigentlich noch? Diese Leute repräsentieren uns auf der ganzen Welt. Auch der aktuelle Innenminister entkräftete nur halbherzig seine Schwärmerei für das Dollfuß-Regime, die in der Unterstützung eines Museums in dessen Geburtsort im niederösterreichischen Texing zum Ausdruck kommt – und auch erst als nach einem medialen Aufschrei der Druck für ihn zu groß wurde.

Vielen ist auch noch das legendäre Interview des Mariahilfer Arztes Wolfgang Mückstein (Kurzzeit-Gesundheitsminister) in Erinnerung, als er über sieben Minuten lang in der ZIB 2 im Gespräch mit Armin Wolf den gleichen nichtssagenden Worthülsensatz stammelte, nur um sich ja nicht festlegen zu müssen, ob die Impfpflicht jetzt kommt oder nicht. Mittlerweile ist der Youtube-Hit zigtausende Male angeklickt und mich wundert es nicht, dass Impfverweigerer so viel Rückenwind daraus geerntet haben. Auch sein Nachfolger Johannes Rauch verhaspelte sich in seiner Antrittsrede. Als er ankündigte, die Impfpflicht auszusetzen, sprach er doch tatsächlich von „wachsenden Zuwächsen“. Er meinte damit aber den Zuwachs an Wissen über die Pandemie. Naja, wir wollen da jetzt mal nicht kleinlich sein, immerhin übernahm der Vorarlberger ja ein echtes Himmelfahrtskommando.

In Erinnerung ist mir da auch noch unser steirischer Langhaarminister für Wissenschaft und Schulen. Bei seiner Angelobung in der Hofburg sprach er brav „ich gelobe“ und fügte hinzu „und ich verspreche es“. Da frage ich mich, was verspricht er nun – dass er gelobt? Und falls er das nicht meinte, was verspricht er uns dann? Als intelligentem Menschen, der im Zivilberuf immerhin Rektor einer Universität ist, sollte ihm bewusst sein, dass er mit dem nachgeschobenen Versprechen sein zuvor abgegebenes Gelöbnis zumindest semantisch völlig entwertet hat. Natürlich ist das eine Spitzfindigkeit, aber ich erlaube mir die Frage, ob eine diesbezügliche Angelobung überhaupt rechtens ist …

Wer schult diese Leute?

Anhand solcher Beispiele fragt man sich: Schult diese Leute irgendwer? Und falls ja, wer? Denn noch schlimmer als ihre Aussagen, sind dann die Dementis oder öffentlichen Entschuldigungen, die darauf folgen. Es ist ein lustiges Spiel, das sich Phrasenbingo nennt und jeder, der es spielen will, braucht nur auf so eine Entschuldigung einer öffentlichen Person warten. Man kann geduldig jedes Kästchen abhaken, wenn die Floskeln fallen: „… niemanden nahetreten“, „distanziere mich in aller Entschiedenheit …“, „… aus dem Zusammenhang …“, „… falsch zitiert …“ „… stehe nicht an, mich zu entschuldigen …“, alles rhetorische Stehsätze, die niemand mehr ernst nimmt.

Von Kanzler Nehammer kam zu seinem Neutralitäts-Sager kein Dementi, was mich hellhörig werden ließ. In seinem Wikipedia-Eintrag steht, dass er beim Bundesheer für „strategische Kommunikation“ zuständig war. Der Mann weiß nicht nur was er sagt, sondern glaubt es auch. Dass Bundesheer und Neutralität nicht unbedingt ein kongruentes Paar ergeben, scheint klar. Es handelt sich somit um einen klassischen Lapsus linguae. Siegmund Freud hätte seine helle Freude damit.

Branchen-News, die Sie wirklich brauchen!

Mediadaten