05.04.2017

So rockt die neue Gastlichkeit

Das 2. Hotel & Touristik TRENDFORUM im Palais Ferstel ist als fulminante Ode an die Branche über die Bühne gegangen. Digitalisierung ist nicht zum Fürchten!

Das Generalthema "Die neue Gastlichkeit" war das Motto des 2. Hotel & Touristik TRENDFORUMS. Das Veranstaltungsformat für die Entscheider der Hotellerie, Gastronomie und Tourismus, ging mit vielen heißen Themen in die zweite Runde: die Revolution in der Branche durch die Digitalisierung. Der rasante Wandel von Gesellschaft und Technologie geht einher mit einer nachhaltigen Veränderung der klassischen, traditionellen Geschäftsmodelle. Die Gastgeber in einer serviceorientierten und kontaktintensiven Branche sind davonbesonders gefordert.

"Digitalisierung ist wie Neuschnee"

Keynote Keynote Speaker war der IT-Experte und Management-Professor Werner Leodolter. Der ausgewiesene Gesundheitsexperte - CIO der KAGes und Universitätsprofessor für angewandte Unternehmensführung im Gesundheitswesen an der Universität Graz - ist auch Lehrbeauftragter zum Thema Informationsmanagement an der TU Graz. Er zeigte in seinem Vortrag neue Wege für unsere Branche auf, um die Herausforderungen des digitalen Wandels wie Internet der Dinge oder künstliche Intelligenz zu meistern.

Für Werner Leodolter ist die Disruption, die die Digitalisierung mit sich bringen kann, wie eine Skitour durch Neuschnee. Man weiß noch nicht, was man alles machen kann, aber es ist bereit zum Ausprobieren. "Das Gebirge ist immer gleich, aber der Neuschnee ist die Digitalisierung", vergleicht Leodolter. Er sprach von den Werkzeugen, die es zu verstehen gilt, dass die Künstliche Intelligenz nur der Versuch ist, intelligentes Verhalten zu automatisieren, was jedoch oft daran scheitert, dass Intelligenz "keine gescheite Definition hat". Als Brücke zur Gastlichkeit nennt Leodolter die Tatsache, dass sich jeder Gastgeber die Frage stellen muss, wer Entscheidungen trifft, und wie man mit der Entwicklung umgehen wird, dass der persönliche Kontakt zum Luxusgut wird. "Der Mensch wird stets nach dem Analogen streben" ist er überzeugt, die kritische Ressource der Zukunft ist das Personal, und "Analog ist das neue Bio", es kann eben nicht alles Bio sein.

Was motiviert Blogger eigentlich?

Als mitreißende Einleitung für die Diskussionsrunde "Das Web lügt nie" brachte Fritz Jergitsch Einblicke in die Historie der "Tagespresse", die Satirewebsite eignet sich hervorragend, um das Wirkungsfeld von Bloggern zu erklären. "Ich war von dem Echo meiner ersten wirklichen Satire-Nachricht, dass sich der Whistleblower Snowden in Wien befindet, so überrascht, dass ich mich beinahe gefürchtet habe", gesteht Jergitsch. Doch er machte weiter. "Wir sind abhängig davon, dass irgendjemand Mist baut", beschreibt er seine Motivation. Er weiß um die herrschenden Algorithmen bei Facebook und Co. Bescheid, es gilt die Echoblase aufzubrechen. Überrascht war er, dass die Grenzen zwischen Fake-News und Wirklichkeit so verschwimmen, umso wichtiger sieht er es, klar zu stellen, wofür man als Medium, als Website oder als Blogger steht.

"Blogger sind wie Menschen"

In der ersten Runde "Das Web lügt nie" moderierte der bekannte Kommunikationswissenschaftlers Fritz Hausjell (Universität Wien) sein Podium zum Thema Medienwandel und wie man diesen zu seinem unternehmerischen Vorteil nutzen kann. Auf der Bühne waren Brigitte Charwat (traveller/TRAVELBRUNO), Antonia Felgner (Park Hyatt Vienna), Kathrin Limpel (TUI), Alexandra Palla (Foodbloggerin), Marion Vicenta Payr (Reisebloggerin) und Andreas Wochenalt (Österreich Werbung). Felgner gab in ihrem Eingangsstatement den Impuls, sich professionell mit professionellen Bloggern auseinanderzusetzen: "Wir erreichen dadurch das junge, kaufkräftige Publikum, bereits ein Viertel der freien Übernachtungen der Medienarbeit vergeben wir an Blogger, sie erzielen eben die größere Reichweite." Ein Argument, das die Blogger sofort auf den Plan rief, denn Reichweite sei nun mal nicht alles. "Zuallererst muss man sich doch die Seite der Blogger ansehen, um auch die Motivation und die Zielgruppe zu verstehen, denn Zahlen sind nicht alles, es geht hier stark um die Leidenschaft und die Qualität", wie Reisebloggerin und Profi-Fotografin Marion Payr betont.

Einig sind sich alle darüber, dass ein Wildwuchs herrscht, und eine Kodizierung notwendig sei. Denn wo Zahlen herrschen, sind Manipulationen Tür und Tor geöffnet. Andreas Wochenalt, Digital-Spezialist bei der Österreich Werbung, plädiert in allen Fällen an die Glaubwürdigkeit, die würde auch Fälscher enttarnen. "Im Web wird gelogen wie im anderen Leben auch, manche Blogger schnorren wie manche Journalisten, da gibt es keine Unterschiede", reagiert er auf den Einwand, manche selbsternannten Reiseblogger würden gratis Übernachtungen erschleichen. "Wir lassen sie mit allen Konsequenzen gewähren", meint Wochenalt, und erntet Zustimmung.

Die Nachbearbeitung und Reaktion sei das Um und Auf. Brigitte Charwat, selbst seit langem Reise- und Touristik-Fachjournalistin kann auch beide Seiten sehen, sie hat mit dem renommierten Fachmagazin für den Counter, dem traveller heuer erst den Reiseblog TRAVELBRUNO gestartet, der eben diesem Wildwuchs entgegen wirken soll: "Wir zertifizieren die Blogger hier selbst, verbinden Fachwissen mit den neuen digitalen Werkzeugen." Auch Kathrin Limpel von der TUI ist überzeugt, dass man bei der Zusammenarbeit mit Bloggern ganz professionell vorgehen muss, "wenn Sie das selbst nicht können, engagieren Sie jemanden!". Foodbloggerin Alexandra Palla sieht sich und die Blogger als Multiplikatoren, die authentisch agieren müssen, denn, und da spricht Wochenalt ein schönes Schlußwort: "Vertrauen ist der Mehrwert, durch diese Blogger gewinnt der Tourismus weitere Fürsprecher".

Warum soll ich für Sie arbeiten?

Ein Thema, das die Hotellerie, Gastronomie und Tourismus intensiv beschäftigt ist die Mitarbeitersuche. Die Arbeitswelt wandelt sich, ebenso die Art zu arbeiten und was sich Mitarbeiter von ihrem Job erwarten. Mit welchen Strategien Arbeitgeber gewinnen können, diskutierten jene, die es wissen müssen. Hani El-Sharkawi, Leiter der Sacher School of Excellence, berichtete zunächst über seine Stationen in der Spitzenhotellerie, wie er an welchen Standorten in der Welt die richtigen Mitarbeiter ansprach und einstellte. Hani el Sharkawi in seiner Eröffnung: "Neue Technologien, Globalisierung und der demografische Wandel verändern die Arbeitswelt drastisch. Ums so wichtiger ist es ist es, die Bedürfnisse der neuen Generation berufstätiger Menschen zu erkennen und darauf zu reagieren. Es geht im Prinzip um Fachkräftemangel und das Image der Branche."

Sein Podium bestand aus Gabriela Benz (Le Méridien Wien), Petra Draxl (AMS Wien), Thomas Edelkamp (Romantik Hotels), Marianne Limberger (ÖBB Personenverkehr), Toni Mörwald (Die Welt von Mörwald) und Valentin Schütz (Gronda Personalmarketing). Gabriela Benz berichtete aus der Praxis: "Es ist nicht nur bei den Gästen so, dass sie zuerst erleben und dann kaufen wollen - das ist auch bei den Mitarbeitern so. Wir tun das schon lange und wir tun viel, um uns und unsere Werte nach außen zu transportieren für unsere Mitarbeiter und sie spüren zu lassen, wie ist das, bei uns zu arbeiten. Die Frage ist, wie komme ich an die ran, die im 'blue Ocean' schwimmen, und die sich noch nie überlegt haben, dass es in einem Hotel überhaupt einen Job gibt für sie." Diese Schwelle wollten Benz und ihr Team mit einer Jobbörse (#hotelunlocked) senken; bei der Veranstaltung in der Kunsthalle Wien vor wenigen Wochen gab es hunderte Besucher, dutzende Bewerbungen und einige neue Mitarbeiter für das Le Méridien als Erfolg zu vermelden.

Ein starkes Wort für das Unternehmertum als Arbeitgeber richtete Spitzenkoch Toni Mörwald ans Publikum: "Ich bin überzeugt, in unserer Branche wird gut gezahlt. Sagen Sie mir eine Branche, außer dem Tourismus, wo für die Mitarbeiter Personalunterkünfte gebaut werden. Das gilt auch für Essen und Trinken. Und wir machen Schulungen. Es muss uns aber auch möglich sein, Mitarbeiter dementsprechend zu fordern und damit zu fördern." Petra Draxl, Leiterin des AMS in Wien, betonte, das für den Erfolg bei der Mitarbeitersuche stets auch das Image eine wichtige Rolle spielt: "Man muss auch fragen, ob die Branche interessant ist für Menschen. Es geht um die Frage, welches Image ich habe als Betrieb. Wie sieht die Bezahlung aus? Wie attraktiv ist der Arbeitgeber im Sinne von Jobsharing? Oder bei altersgerechtem, familien- und freundesgerechtem Arbeiten?"

Die Freiheit, die Unternehmer und Gewerkschaft meinen

Nach der Mittagspause drehte sich alles um die richtige Dosis der notwendigen Regulierung. Brauchen die Unternehmer mehr Freiheit, oder nicht? Wo bremst zuviel Bürokratie, wo bedarf es Kontrolle? Von der Arbeitszeitenregelung bis zur Gewerbeordnung, unter der unterhaltsamen Moderation von Wolfgang Kleemann (Österreichische Hotel- und Tourismusbank) wurden die wahren heißen Eisen der Branche angefasst. Beteiligt an der teilweise emotionalen Diskussion waren Johannes Lingenhel (Stadtkäserei & Restaurant Lingenhel), Petra Nocker-Schwarzenbacher (WKÖ), Michaela Reitterer (ÖHV) und Berend Tusch (vida).

Wolfgang Kleemann: "Wir müssen schauen, dass wir den Tourismus in die nächste Generation hinüberbringen. Wir haben ein ganz gewaltiges Nachfolgeproblem. Wir haben eine nur ganz sanft steigende Quote an Selbständigen." Petra Nocker-Schwarzenbacher setzte nach: "Was wollen wir alle? Wir wollen einen Betrieb aufsperren, wir wollen erfolgreich sein. Die Überregulierungen, mit denen wir uns tagtäglich abkämpfen, die machen das Geschäft nicht besser, die demoralisieren uns. Früher hat man versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden. Heute sind das Arbeitsinspektorat und viele Sachverständige nicht mehr in der Lage, auch weil es das Gesetz nicht zulässt, eigene Verantwortung zu übernehmen." Die Hotelière und ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer betonte ebenfalls: "Ein Wirtschaftsstandort kann nur dann erfolgreich sein, wenn es dem Menschen Spaß macht, Unternehmer zu sein."

Als argumentativer Gegenpol in der Diskussionsrunde positionierte sich Gewerkschafter Berend Tusch, der nochmals festhielt, dass Regeln wichtig sind, um hohe Standards im Arbeitnehmerschutz beibehalten zu können. "Aber es gebt beim Arbeitsinspektorat nicht nur darum Missstände anzuzeigen und diese gerichtlich zu verfolgen, sondern es geht auch darum, zu beraten."

Brennstoff: Datenschutz

Der letzte Schwerpunkt lag auf dem Thema Big Data. Denn die EU-Datenschutz-Grundverordnung, die im Mai 2018 in Kraft tritt, wirbelt die Tourismusbranche gehörig auf. Datenschutzexpertin Waltraut Kotschy (Data Protection Compliance Consulting) erläuterte zunächst anschaulich und mitreißend, was es mit der Verordnung auf sich hat, und wen es wirklich wie betrifft, aber auch, wie sie zustande gekommen ist.

Mit welchen Strategien die Arbeitgeber gewinnen können, darüber diskutierten der ehemalige griechische Außenminister Dimitrios Droutsas, Gerald Ganzger (Lansky, Ganzger & Partner Rechtsanwälte) Christopher Sima (United Internet Media Austria) und Jan Hein Simons (Falkensteiner Hotels). "Der technische Fortschritt geht voran, viel schneller, als der Gesetzgeber nachkommen kann", hielt Dimitrios Droutsas fest und gab zu, dass die Datenschutz-Grundverordnung kein perfektes Regelwerk sei, sondern lediglich ein Kompromissergebnis. "Wenn ein Unternehmer ein System einrichtet, das der, sicherlich komplizierten, Datenschutz-Grundverordnung entspricht, wird er nicht gestraft werden. Außerdem ist die Strafe keine Pflicht der Datenschutzbehörde, sondern die Beratung steht an erster Stelle", beruhigt Anwalt Gerald Ganzger, da bei Übertretungen hohe Millionenstrafen für Unternehmen im Regelwerk festgelegt sind. Dieser hohe Strafrahmen ziele aber lediglich auf die internationalen großen Datenverarbeiter.

Ein stimmungsvolles Fest

Rund 180 Gäste aus der Hotellerie, der Gastronomie und dem Tourismus kamen ins bestens gefüllte Palais Ferstel, wurden unterhalten und unterhielten sich gut. In den Pausen wurde eifrig weiterdiskutiert, was die Podien an Themen aufgestoßen haben. Das Team von Hotel & Touristik bedankt sich noch einmal ganz herzlich bei den Sponsoren: AGM, Europäische Reiseversicherung, Stadt Wien, Österreichische Hotel- und Tourismusbank, Mionetto, Mövenpick, Pago, Honigmayr, Zipfer, Wien Tourismus, IR9 und ÖBB. Und bei jedem einzelnen Gast für die Anwesenheit, jeder einzelne hat dazu beigetragen, dass unsere Veranstaltung ein so fulminanter Erfolg war.

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