20.02.2022

„Starke Marken tragen Verantwortung!“

St. Anton und die Arlbergregion haben früh begonnen, in zukunftsorientierte Ressourcen-Nutzung zu investieren. Seither geht St. Anton konsequent den nachhaltigen Weg, wohin dieser den weltberühmten Skiort führen soll, erfuhr stammgast.online im Gespräch mit Martin Ebster, Geschäftsführer des Tourismusverbandes St. Anton am Arlberg. 

Alpinen Tourismus anders denken ist im Hinblick aufs Klima geboten. Provokant gefragt: Müsste man, um wirklich nachhaltig zu sein, Tourismus in seiner jetzigen (Massen)Form nicht „zurück zum Ursprung“ lenken?
Martin Ebster: Provokant geantwortet: Was würde man denn vorschlagen, damit die Menschen, die in den Tälern wohnen, weiterleben können? Würde man alles stoppen, wäre man damit wirklich nachhaltig, wenn die Menschen abwandern oder pendeln müssten, um andernorts zu arbeiten? Gerade die hochalpinen Täler leben vom Tourismus, der ihren Lebensraum sichert. Völlig schließen würde nicht funktionieren. Nur nebenbei: Wir sind mit einer durchschnittlichen Jahres-Auslastung von rd. 50 Prozent von Overtourism weit entfernt. 

Zurück zum Pferdefuhrwerk geht nicht, das wissen wir alle. Wir wissen aber auch, dass die Uhr tickt?
Dem stimme ich vollkommen zu. Jedoch zwischen scheinbar richtig und echter Wahrheit liegt halt ein breiter Weg. Der Instinkt der Schuldzuweisung ist gerade in der derzeitigen Situation sehr ausgeprägt, und es ist oft bequem, einen Sündenbock zu haben, was Skidestinationen zu Beginn der Pandemie ganz besonders zu spüren bekamen. So ist jetzt auch der Tourismus der Klimaschädiger Nummer Eins. Wenn man nach diesem Schema ginge, müsste man den Übersee-Tourismus sofort stoppen, weil die Flugzeuge halt klimaschädigender sind, als mit dem Zug in den Skiurlaub zu fahren. Man müsste auch sofort den ganzen Lkw-Verkehr einstellen, nur gibt’s halt dann keinen Warenaustausch mehr.

Was ich sagen möchte: Man kann nicht nur den Tourismus verantwortlich machen, wir alle und viele andere Branchen sind nicht weniger fürs Klima verantwortlich. St. Anton und der Arlberg schieben diese Verantwortung nicht von sich, im Gegenteil. Nachhaltigkeit rückt durch die Pandemie nochmals stärker in den Fokus. Wir haben bereits vor vielen Jahren begonnen, die Ressourcen-Nutzung ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und haben gerade in St. Anton am Arlberg Aktionen gesetzt. Das werden wir auch weiter tun. 


„Man kann nicht nur den Tourismus verantwortlich machen, wir alle und viele andere Branchen sind nicht weniger fürs Klima verantwortlich.“


„Der Tiroler Weg – Perspektiven für eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung“, lautet der Titel der im Juni 2021 vorgestellten Tourismusstrategie für Tirol. Nachhaltigkeit ist hierin DER Schwerpunkt.
Nachhaltigkeit ist als eine von vier Leitlinien im „Tiroler Weg“ verankert und alle TVBs sind sich einig, dass dies der richtige Weg ist. Der mit jeweils einem eigenen Nachhaltigkeitsbeauftragten noch weiter gedacht werden sollte. In St. Anton gibt es diese Position bereits, wie wir auch schon vor Jahren begonnen haben, aus Wasserkraft Strom zu erzeugen. Wir sind längst stromautark, auch die Bergbahnen werden ausschließlich mit grünem „Wasserstrom“ betrieben. Und weil wir von unserem selbstproduzierten Strom nur rd. 60 Prozent benötigen, geht der Rest ins Netz. Derer Beispiele gibt es noch mehr, wie viel Zeit haben Sie (lacht)?

Für nachhaltige Maßnahmen muss Zeit und Platz sein …
Ein Erfolgsprojekt ist sicherlich unser vor zwei Jahren erbautes Nahwärmekraftwerk, an dem das ganze Ortszentrum und alle öffentlichen Gebäude angeschlossen sind. Im ersten Winter (2021) wurden so bereits 5.000 Tonnen Heizöl eingespart. In einer Saison, in der die Hotels ihre Zimmer auf Grund der Pandemie nicht heizen mussten, das wird heuer noch mehr werden. Wir haben seit vielen Jahren ein Bussystem in der Region installiert, das pro Winter zwei Millionen Gäste befördert und den täglichen Autoverkehr aus dem Tal auf die Parkplätze erheblich reduziert. All das und noch mehr haben St. Anton am Arlberg und die Gemeinden des Stanzertals zu einer KLAR!-Modellregion gemacht, was uns ermöglicht, weitere Maßnahmen umzusetzen, die durch das KLAR!-Programm gefördert werden. 

Worum genau geht es bei KLAR!?
Mit dem KLAR!-Programm des Klima- und Energiefonds werden Regionen unterstützt, sich frühzeitig auf die Folgen des Klimawandels einzustellen Der TVB St. Anton am Arlberg hat bereits 2020 als Grundlage für die Bewerbung als KLAR!-Region eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Klimaschutz und Anpassung“ in Auftrag gegeben, worin insbesondere die Folgen des Klimawandels für unsere Lebensqualität und den Tourismus untersucht und ausgewertet wurden, ein Anpassungskonzept mit konkreten Maßnahmen dazu ist bereits ausgearbeitet. In der ersten Phase sind bewusstseinsbildende Maßnahmen wie Workshops für Einheimische, Schulprojektwochen in Volks- und Mittelschulen oder eine themenbezogene Sonderausstellung für Einheimische und Gäste in St. Anton am Arlberg vorgesehen. Und wir möchten als fünfte Pilotregion (Kaunergrat, Kufsteinerland, Pitztal, St. Johann) Teil des Projekts „CLAR – Clean Alpine Region“ werden und uns als klimafreundliche Region in Tirol positionieren. 


Wann hat St. Anton die ersten Ressourcen-schonenden Maßnahmen gesetzt?
Das war bereits in den 1970er Jahren, mit dem Bau des ersten Wasserkraftwerks im Verwall wurde bereits in die Zukunft für nachfolgende Generationen investiert. 2006 entstand dann der große Kartell-Stausee – ein Naturjuwel – damit wurden wir stromautark und sind auch für Blackout-Situationen bestens gerüstet. 


„Wir sind zwei Bundesländer, zwei Tourismusorganisationen mit verschiedenen Tourismusgesetzen – alleine von daher ist es nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen.“
 

Die Verknüpfung von St. Anton, St. Christoph, Stuben, Zürs und Lech zum größten zusammenhängenden Skigebiet Österreichs und fünftgrößten weltweit, steht ebenfalls für kluge Nachhaltigkeit, entfallen dadurch seit 2016 hunderte tägliche Busfahrten. Ist der Arlberg damit aber wirklich „ein“ Berg für alle – vor allem was die touristische Zusammenarbeit und Vermarktung betrifft?
Wir sind zwei Bundesländer (Vorarlberg und Tirol), zwei Tourismusorganisationen mit verschiedenen Tourismusgesetzen – alleine von daher ist es nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen. Dann noch fünf Orte mit jeweils eigenen Charakteristika, und alle Verantwortlichen versuchen natürlich, die Interessen der eigenen Region zu wahren. Andererseits sind wir eine riesengroße Skidestination, und dem Gast ist egal, ob der Lecher mit dem St. Antoner oder der Stubener mit dem St. Christopher kann oder nicht, er möchte einfach nur auf den Arlberg und eine schöne Zeit haben. Der Arlberg ist ein Mythos und das Zusammenwachsen hat diesen Mythos weiter gestärkt. Wir haben eine eigene Marketinggesellschaft gegründet (2007) und ein eigenes Arlberglogo kreiert, arbeiten intensiv zusammen und überlegen uns, wie wir dieses große Juwel Arlberg in unseren Märkten bestmöglich positionieren können. Das funktioniert perfekt. 

Wie mutig kann man bei nachhaltigen Maßnahmen, gerade in einem so prominenten Skigebiet, sein? 
Wenn einem etwas abseits der normalen Bahnen einfällt und umgesetzt werden kann, darf das ruhig mutig sein. Es wird einen gerade in diesem Bereich niemand dafür verurteilen, wenn man sagt: Das probiere ich jetzt! Allerdings wissen wir alle nicht genau, was der Klimawandel wirklich bedeutet. Ich bin kein Experte für den klimafitten Wald, auch nicht für die Dicke der Ozonschicht. Heißt: Wir brauchen immer Spezialisten, die uns beraten. Bevor ich also mit einem vermeintlich innovativen Produkt „einfahre“, ist mir ein Experte, der mir sagt, was für unsere Region vernünftig ist, gut und recht.  

Und wie schwierig ist der Spagat zwischen Aktionismus und gesunden Innovationen?
Aktionismus mag dort und da passieren, aber sicher nicht, wenn es um wirklich langfristige Entscheidungen und Projekte geht. Ich glaube, dass der etwas langsamere, clevere und nachhaltigere Zugang zu diesem Thema mit Sicherheit der bessere ist, weil er auf lange Sicht der erfolgreiche ist. 

Der Kunde soll immer im Fokus stehen, ein im Tourismus gelebter Grundsatz. Kann man ihn auch, was Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz betrifft, einhalten?
Der Kunde ist König und der „König“ sagt uns, was er will, gerade auch zu diesem Thema. Nehmen wir Après-Ski: Der Kunde möchte seinen Spaß nach dem Skitag, das ist gelebte Tradition.  Wir sind damit aber pandemiebedingt und auch aus Überzeugung zurückgefahren. Wir kennen die Kundenwünsche ziemlich genau, er möchte den Skitag gemütlich bei einem Bier ausklingen lassen. Diesen Kundenwunsch kann man nicht verbieten, wir werden ihn auch in Zukunft erfüllen, auch wenn wir jetzt noch nicht wissen, in welcher Form. Sehr vielen Gästen ist das Thema Nachhaltigkeit, gerade was die Anreise betrifft, wichtig. Hier sind wir in der glücklichen Lage, über einen Bahnhof zu verfügen, der sich mitten im Ort befindet, und auch der Railjet hält. Ansonsten sind die Kundenwünsche eher abstrakt: Sie wollen in einem Ort Urlaub machen, wo sich die Verantwortlichen über „wie soll das in Zukunft weitergehen“ Gedanken machen. Mit unseren Plänen und Aktionen haben wir hier sehr gute Argumente.


„Auf jeden Fall, Buchungen werden derzeit schon zu einem gewissen Prozentsatz mit der „Bedingung“ getätigt, dass es eine Destination ist, die sich um Nachhaltigkeit bemüht.“ 
 

Demnach ist Nachhaltigkeit für die Buchungsentscheidung und Destinationswahl maßgebend?
Auf jeden Fall, Buchungen werden derzeit schon zu einem gewissen Prozentsatz mit der „Bedingung“ getätigt, dass es eine Destination ist, die sich um Nachhaltigkeit bemüht. 

St. Anton und der Arlberg sind eine weltbekannte Marke – wird man im Sinne der Nachhaltigkeit auch künftig zu den Marken-Gewinnern gehören?
Der Arlberg ist, wie bereits erwähnt, das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs und das fünftgrößte auf der Welt. Damit müssen wir zu den Gewinnern gehören, das ist unserer DNA. Wir sind uns bewusst, dass wir eine starke Marke sind. Ich glaube, starke Marken haben auch, was Nachhaltigkeit betrifft, mehr Verantwortung zu tragen als kleinere. Weil man auf uns schaut. Können wir das eine oder andere nachhaltige Projekt von echtem Wert umsetzen, kann das beispielgebend sein. 

Welchen Stellenwert haben Tourismuspreise wie der „Tirol Touristica“ der Tirol Werbung, der in seiner Neukonzeptionierung den Fokus auf nachhaltige Projekte und Initiativen legt?
Der „Tirol Touristica“ ist in Tirol ein sehr wichtiger Tourismuspreis, auch wir haben ihn für den „Weißen Rausch“ als Top Event bereits gewonnen und waren sehr stolz. Er ist aber kein Preis, der die Nächtigungsstatistik beflügelt, dafür sind eher die Preise fürs beste Skigebiet „zuständig“. Wenn es „Tirol Touristica“ schafft, die Nachhaltigkeit so in den Preis hineinzupacken, dass die Bemühungen des/derjenigen Achtung finden und beispielgebend sind, und den Besten in die Auslage stellt, dann ist es ein wertvoller Preis, der auch überregional Gewicht hat.


„Der Ausverkauf der Heimat ist ein Thema, das wir bzw. die Gemeinde ganz oben auf der Agenda haben.“ 


Chalet- und Feriendörfer boomen und werden zur Konkurrenz für die traditionelle Gästevermietung, wie ist hier die Situation am Arlberg? 
Wir hatten vor allem englische Chalets, durch den Brexit hat sich diesbezüglich einiges geändert. Chalets wurden weniger, da die Engländer ihre eigenen Mitarbeiter nicht mehr mitbringen dürfen, was aber für den englischen Gast Sinn und Zweck ist, von einem Landsmann im Chalet bedient zu werden. Generell muss man aber sagen, dass der Ausverkauf der Heimat ein Thema ist, dass wir bzw. die Gemeinde ganz oben auf der Agenda haben. 

Es ist nur nicht ganz so einfach, denn ein EU-Bürger hat das Recht zu kaufen, wenn ein EU-Bürger ihm eine Liegenschaft verkauft. Dagegen kann auch der Bürgermeister kaum etwas tun. Also müssen wir schauen, dass der Lebensraum für unsere Bürger so attraktiv bleibt, dass sie im Ort bleiben. Dass der Vater seinen Kindern sein Haus übergeben kann, wissend, dass sie es auch behalten können. Das ist ein für die Zukunft immens wichtiges Thema.

Aber der finanzielle Aspekt dahinter …
Klar, der, der verkauft, macht wahrscheinlich guten Profit. Man kann aber auch dadurch Geld in die Region bringen, indem ein junger Mensch, der vom Tourismus begeistert ist – was zugegeben derzeit nicht so einfach ist, weil der Tourismus aus meiner Sicht völlig zu Unrecht in Verruf geraten ist – Besonderes in die Region bringt. Das generiert Wertschöpfung für ihn und für die ganze Region. Schafft man das gemeinsam mit den Mitarbeitern – die in Zeiten wie diesen auch ein rares Gut sind – im Ort so zu installieren, dass man zwar weniger Gäste aber eine gehobene Qualität hat, sind auch höhere Preise möglich und das ganze „Radl“ stimmt wieder. 

Sichtwort Mitarbeitersituation, auch für St. Anton eine Herausforderung?
Wir kommen ganz gut durch, aber in der Gastronomie und mit Köchen haben wir uns teils sehr schwer getan. Das führt auch dazu, dass ein Restaurant einen Ruhetag einlegt, damit die Mitarbeiter frei bekommen oder zu teils verkleinerten Speisekarten. Neben der Nachhaltigkeit muss die Mitarbeitersituation eines unserer Zukunftsprojekte sein und insgesamt groß gedacht werden. Nämlich nicht nur die Region St. Anton am Arlberg als ein Projekt, das den Lebensraum für die Gäste möglichst gut präsentiert, sondern vor allem für die Einwohner und die Mitarbeiter attraktiv macht. Passen diese drei Komponenten zusammen, dann kommen alle und bleiben auch: Mitarbeiter, Gäste und Einheimische. 
 

Im zweiten Teil des Gesprächs verrät Martin Ebster seine Einschätzung zur laufenden Wintersaison und das künftige Potenzial für St. Anton. Ab Dienstagmittag zu lesen auf stammgast.online

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