03.06.2022

Test-Lawine ins Schulden-Fiasko

Welcher Weg war nun der bessere? Schwedens Lockerheit oder Österreichs „Gold-Plating“-Mentalität. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Bevor wir noch auf dumme Gedanken kommen, Österreich hätte die Corona-Pandemie gut bis vorbildlich gemeistert, hat die Plattform „Our World in Data“ ganz interessante Zahlen ausgewertet, die sich auf Grundlagenmaterial der Johns Hopkins University beziehen. Demnach wies Österreich in den zweieinhalb Jahren Pandemie 2200 Coronatote pro eine Million Einwohner auf. In Schweden hingegen wurden 1868 gezählt. Übrigens: Deutschland (1655) und die Schweiz (1562) weisen eine noch niedrigere Zahl an Todesfällen aus. In Italien (2759) und Großbritannien (2619) starben deutlich mehr Menschen an Covid-19.

Das vor dem Hintergrund einer lockeren Strategie Schwedens, das weitgehend auf Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen und Lokalsperren verzichtete, während wir zuhause eingesperrt schmachteten und den Blick neidisch gen Norden richteten. Wobei auch schon der Blick nach Westen genügte: Zu Beginn der letzten Wintersaison rauften sich die Arlberger Hoteliers die Haare, weil sie ihre Betriebe geschlossen halten mussten und ihre Gäste Bilder von pulverschneestaubenden Wedelschwüngen aus dem schweizerischen Klosters posteten. Hotelier Patrick Ortlieb damals erbost im Gespräch mit Stammgast.Online: „Die halbe Schweiz lacht über uns und meine Gäste sind anstatt zu uns gleich weiter zu unseren Nachbarn gefahren.“

Dieser unsägliche Hang zum „Gold-Plating“

Natürlich sind solche Ländervergleiche immer mit Vorsicht zu genießen. Es hängt viel von der Struktur des Gesundheitswesens ab, von der Einstellung eines Volkes gegenüber Obrigkeiten, von einem entwickelten Potenzial an Eigenverantwortung und auch von einer Portion Freiwilligkeit, wenn es um die Einschränkung von Persönlichkeitsrechten geht. Mag sein, dass uns die Schweden hier in manchen Belangen voraus sind. Belege dafür gibt es. Österreichs Hang zum „Gold-Plating“ – also der Übererfüllung von vorgeschriebenen Maßnahmen – ist weithin bekannt.

Als vor vielen Jahren die Diskussion EU-weit um die Allergenauszeichnung kreiste, war der Aufschrei heimischer Gastronomen unüberhörbar. Sofort war von „Bürokratiemonster“ zu lesen und zu hören, von einem nicht bewältigbaren administrativen Aufwand usw. Damals lachten uns die Italiener aus. Die Verordnung war so schwammig formuliert, dass ein einfacher Aushang, ob nun digital oder analog, völlig genügte, um dem Gesetz zu entsprechen. Während das in Italien sang- und klanglos ratifiziert wurde, verunstalteten sich die Speisenkarten in österreichischen Lokalen mit Buchstabencodes, die niemand versteht, geschweige denn je jemand braucht.

Kein Bettenproblem, ein massives Personalproblem

Ob nun das schwedische Gesundheitssystem besser als unseres ist, wage ich nicht zu beurteilen. Mein Gefühl sagt mir, beide Systeme unterscheiden sich nicht großartig. Was aber deutlich ausgesprochen werden muss: Es gab in Österreich nie ein Bettenproblem, auch nicht jenes der Intensivbetten. Vielmehr gab und gibt es das Problem, diese Betten auch zu betreuen. Es fehlte schlicht das Personal und es fehlt noch. Da ist die Intensivpflege, die verständlicherweise höhere Fachkenntnisse voraussetzt, nur die Spitze des Eisbergs. In anderen Ländern rückte das Militär in den Spitälern ein. Bei uns wurden Abteilungen oder gar ganze Krankenhäuser geschlossen – auch eine Art und Weise den Ressourcenmangel zu bekämpfen.

Noch eine Zahl zum Abschluss gefällig? In Österreich wurden seit Beginn der Pandemie 20.400 PCR-Tests pro 1.000 Einwohner durchgeführt. In Schweden waren es 1.800, in Deutschland 1.500, in der Schweiz 2.400. Die Milliarden Euro, die in Österreich für Tests ausgegeben wurden, hatten also keinen erkennbaren Zusatznutzen. Im Gegenteil, während in Ländervergleichen die Inzidenzzahlen Österreichs verlässlich im oberen Drittel zu finden waren (was auch auf die massive Testkapazität zurückgeht), dürfte das gar nicht so wenige Urlaubswillige davor abgehalten haben, zu uns zu reisen, weil sie ganz einfach Angst vor einer Ansteckung hatten, finanzieller Schaden inklusive.

Wo könnte unser Land stehen, würden wir Vieles etwas cooler nehmen und nicht stets in vorauseilendem Gehorsam Maßnahmen setzten, die unsäglich teuer sind und uns schlussendlich trotzdem auf den Kopf fallen?

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