08.09.2020

Tourismus „drent und herent“

Die Tourismusregion „Entdeckerviertel“ agiert länderübergreifend und versucht, neben Tourismus- auch die starken Wirtschaftsbetriebe ins Boot zu holen. Geschäftsführer Georg Bachleitner im Gespräch über den Aufbau von neuen Strukturen und den Kern der Destination.

Das Tourismusgesetz in Oberösterreich aus dem Jahr 2018 sieht Mindestgrößen (200.000 Übernachtungen, 600.000 Euro Budget) für Tourismusverbände vor. Ziel war die Schaffung professioneller und marktkonformer Einheiten. Die bestehenden kleinen, zumeist eingemeindigen Tourismusverbände haben sich entschlossen, einen gemeinsamen Tourismusverband zu entwickeln und diesen auch räumlich auszuweiten.

So auch der Tourismusverband „Entdeckerviertel“, der seit Spätherbst 2019 diese Bezeichnung für die ehemals Seelentium bezeichnete Urlaubsregion trägt. Er besteht aus 16 Gemeinden aus dem Bezirk Braunau, hinzu kommen drei bayerische und eine salzburger Gemeinde. Marketingtechnisch tritt der Tourismusverband als "s'Entdeckerviertel" auf, Geschäftsführer Georg Bachleitner will Tourismus und Wirtschaft in Zukunft stärker vernetzen. 

Aufgrund der räumlichen und inhaltlichen Ausdehnung in starke Wirtschaftsstandorte mit internationalen Marken (zum Beispiel KTM oder AMAG) war auch eine neue strategische Ausrichtung erforderlich, die schließlich auch zu einem neuen Branding geführt hat.

Herr Bachleitner, welche Ziele verfolgt das Entdeckerviertel?
Georg Bachleitner: Die Etablierung einer starken, nicht-touristischen Wirtschaftsregion als Tourismusregion, inklusive eines neuen Brandings. Außerdem eine Vernetzung mit der nicht-touristischen Wirtschaft unter den Stichworten  Standortfaktor und Freizeitqualität.

Was ist die Besonderheit des Entdeckerviertels im Vergleich zu anderen grenzüberschreitenden Urlaubsregionen?
Es gibt eine gemeinsame Organisationsstruktur in Form des grenzüberschreitenden Vereins „Entdeckerviertel“, der die Gesamtregion führt. Uns ist zumindest kein vergleichbares Beispiel bekannt. Wir bekennen uns zu Unterschieden zwischen „drent und herent“ und heben diese aktiv hervor; gleichzeitig verknüpfen wir sie aber auch.

Wie viele Beherbergungsbetriebe/Betten bietet das Entdeckerviertel? Wie sieht die Aufteilung in die verschiedenen Kategorien aus?
Zu allen statistischen Daten ist vorauszuschicken, dass es in Bayern und in Österreich unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Erfassungsgraden gibt. Zum Beispiel werden in Bayern nur Betriebe ab zehn Betten gezählt und auch nur deren Nächtigungen. Insgesamt hat das Entdeckerviertel zirka 200 Beherbergungsbetriebe mit rund 4.300 Gästebetten zur Verfügung. (Anm.: der Großteil mit 30 % in der Kategorie **/*, es folgen Privatquartiere inkl. FEWO mit einem Anteil von 20 %)

Wie war die Entwicklung der Nächtigungszahlen bzw. Ankünfte vor der Umbenennung? 
Es gab ja nicht nur eine Umbenennung sondern eine deutliche Umstrukturierung. Bis dahin wurde keine gemeinsame Statistik geführt. Es liegt uns daher für den Zeitraum nur die Entwicklung in Oberösterreich vor: Im Zeitraum November bis Februar gab es in den oberösterreichischen Gemeinden ein Plus von 37,5 % bei den Nächtigungen. Gemeinsam mit den bayerischen Mitgliedern liegt das Ergebnis immer noch bei zirka plus 25 %. Allerdings hatte etwa Burghausen bereits im Vorjahr einen Zuwachs von fast 30 %. Insgesamt also eine sehr erfreuliche Nächtigungsentwicklung.

Wie ist der Neustart nach dem Corona-Lockdown gelaufen und wie entwickeln sich seither die Nächtigungen/Ankünfte? 
Anfänglich hatten wir den Eindruck, dass wir nach dem Lockdown nicht vom Fleck kommen. Aber inzwischen wissen wir, dass wir in einem Großteil der Betriebe sehr gut gebucht sind. Zahlen liegen uns aber noch keine vor. Wir spekulieren auch nicht mit Zahlen, gehen aber davon aus, dass wir die Ausfälle aus der Lockdown-Zeit nicht kompensieren können. Unsere Feriengäste kommen überwiegend aus dem europäischen Nahbereich und der läuft sehr gut. Es fehlen aber die internationalen Geschäftsreisenden. Und damit auch jetzt noch ein wichtiges Segment der oberen Kategorien. 

Welche Zielgruppen stehen beim Entdeckerviertel im Fokus?
Eine klassische Zielgruppendefinition (Anm: sozio-demografisch, Sinus Milieus etc.) haben wir nicht vorgenommen, da diese unseres Erächtens heute nicht mehr zeitgemäß ist. Am ehesten könnte man unsere Gäste so beschreiben: Neugierig, individuell, naturverbunden und Menschen die bewusst leben. Das können Familien genauso sein, wie allein reisende Paare oder auch kleine Gruppen.
Wir definieren aber klar unsere Herkunftsmärkte, die wir ausschließlich im Nahbereich finden. Wir fokussieren auf Bayern und Österreich (West und Ost). München ist mittelweile durch die Autobahn so gut angebunden, dass unsere Region in einer guten Autostunde erreichbar ist. In Österreich sind sowohl Oberösterreich, Wien und Niederösterreich als auch Salzburg und Tirol relevante Märkte. 

Wie sehen die Erwartungen für die nächsten Monate aus?
Die Buchungslage für den Sommer ist (mit Ausnahme der beschriebenen internationalen Geschäftsreisenden) ausgezeichnet. Auch für den Herbst zeichnet sich ein positives Bild ab. Somit gibt es tatsächlich eine vorsichtig optimistische Erwartungshaltung.

Inwieweit musste das ursprüngliche Konzept Corona-bedingt adaptiert werden?
Es waren kaum Anpassungen erforderlich. Allerdings war der Zeitpunkt für uns noch unpassender, da wir gerade an den Start gegangen sind. Und natürlich war die Grenzschließung eine enorme Herausforderung, da die grenzüberschreitende Dimension wesentlicher Teil unserer DNA ist. 

Sehen Sie einen verstärkten Trend zu Urlaub im eigenen Land?
Zumindest kurzfristig sehe ich einen Trend zu Urlaub in der Nähe. Das muss nicht unbedingt im eigenen Land sein, aber doch in einer Entfernung, die man im Fall der Fälle rasch überbrücken kann. Wir sehen ja, dass viele deutsche Gäste zu uns kommen. Wir haben auch Anfragen aus Österreich, die durchaus auch Bayern mit entdecken möchten. Gerade eine Region wie das Entdeckerviertel ist für viele Neuland und daher besonders interessant. Vor allem bietet die Region absolut keinen Massentourismus sondern Freiraum, dennoch sehr gute Bademöglichkeiten und kleine historische Städte, die pulsierendes Leben aufweisen, aber eben auch keine Massenaufläufe.

Welche mittel- und langfristigen Auswirkungen wird Corona aus Ihrer Sicht auf den Tourismus insgesamt haben?
Das ist natürlich wahnsinnig schwer zu prognostizieren. Vor allem wissen wir nicht, ob es nach Entwicklung eines Impfstoffs zu einer Normalisierung wie vor Corona kommt oder ob es auch künftig Einschränkungen, welcher Art auch immer, geben wird. Persönlich Wir glauben, dass bestehende Trends verstärkt und beschleunigt werden (Nachhaltigkeit, Ökologie, Umweltbewusstsein, Regionalität), etc. Für das Entdeckerviertel bedeutet das primär Chancen.

Danke für das Gespräch.


Georg Bachleitner
Der gebürtige Innviertler Georg Bachleitner sammelte nach der Matura an der Tourismusschule Bad Ischl erste Erfahrungen im Tourismusverband Franking, leitete 13 Jahre die Tourismusregion Mühlviertel und anschließend die OÖ. Touristik GmbH. Im Oberösterreich Tourismus war Georg Bachleitner über zehn Jahre als Marketingleiter tätig, ehe er mit der Firma InWert e.U. als Berater in die Selbständigkeit wechselte. Seit Anfang Juli 2019 war er bereits als interimistischer Geschäftsführer des Tourismusverbandes Entdeckerviertel tätig.

www.entdeckerviertel.at

 

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