15.05.2020

Verein fordert 60 Mio. € Unterstützung für Lehrbetriebe

Damit von den neuen 30.000 Lehranfängern im September nicht 10.000 Lehrstellen wegen der Krise ins Wanken geraten, hat die Initiative zukunft.lehre.österreich ein Lehrlingspaket geschnürt und den zuständigen Ministerien vorgestellt.

Die Corona-Krise hat massive Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft. Das gilt auch für den Bereich der Lehrlingsausbildung. Eine vom Verein z.l.ö. – zukunft.lehre.österreich. in Auftrag gegebene Studie zeigt die verheerenden Folgen: 10.000 Lehrstellenplätze stehen auf dem Spiel. „Die Zukunft der Lehre ist gefährdet. Wenn wir nicht schnell handeln und mit konstruktiven Lösungsansätzen gegensteuern, wird sich der bereits jetzt schon stark spürbare Fachkräftemangel noch weiter vergrößern. Das Resultat für unsere Wirtschaft wäre fatal“, warnt Werner Steinecker, Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich und z.l.ö.-Präsident.

10.000 Lehrstellenplätze in Gefahr

Die Studie, die vom Marktforschungsinstitut market durchgeführt wurde, untersuchte die Auswirkungen der Corona-Krise auf die duale Ausbildung in Österreich. Befragt wurden 400 österreichische Ausbildungsbetriebe im Zeitraum vom 29. April bis zum 08. Mai. Die Untersuchung ist unter anderem zu dem Ergebnis gekommen, dass 2020/21 viele Lehrstellen vom Markt verschwinden werden. Die Hälfte der Lehrbetriebe fühlt sich von der aktuellen Krise stark betroffen. Maßgeblich geändert haben sich daher auch die Einstellungspläne der Unternehmen. Ein Viertel der Lehrbetriebe spricht von Auswirkungen der Krise auf die künftige Anstellung von Lehrlingen.

In diesen Lehrbetrieben sind nun um bis zu 10.000 Lehrstellenplätze weniger zu vergeben, als noch vor COVID-19 geplant. Besonders betroffen sind dabei die Sparten Handel (ca. -3.500 mögliche Lehrstellen), Gewerbe und Handwerk (ca. -3.000), Tourismus und Freizeitwirtschaft (knapp -2.000) sowie Industrie (knapp -1.000). „Die Industrie ist sich ihrer Verantwortung in der Berufsbildung bewusst. Selbst wenn der Rückgang der Lehrstellen die Industrie nicht in gleicher Härte trifft wie andere Branchen, so steht die Industrie für eine aktive Bekämpfung des Gesamtrückgangs von Lehrstellen ein, denn das sind unsere zukünftigen Fachkräfte“, so Therese Niss, Nationalratsabgeordnete und ÖVP-Bereichssprecherin Digitalisierung, Forschung und Innovation.

Verzicht auf Lehrstellen

Die Situation zieht dramatische Auswirkungen über alle Branchen hinweg nach sich: Knapp ein Drittel plant im kommenden Lehrjahr lediglich einen Lehrling zu beschäftigen. Von jenen Unternehmen, die aktuell weniger als 10 Lehrlinge beschäftigen, verzichten viele für 2020/21 gänzlich auf die Einstellung neuer Lehrlinge. „Jeder dritte Lehrbetrieb, der dieses Jahr auf die Einstellung neuer Lehrlinge verzichtet, hat dies auch für 2021 so geplant und sieht sich mit einem langfristigen Ausstieg aus dem Modell der Lehre konfrontiert. Dadurch entsteht ein massiver und nachhaltiger Schaden für die duale Ausbildung“, erklärt Studienautor David Pfarrhofer. „Die generelle Entwicklung der wirtschaftlichen Lage ist noch schwer einschätzbar. Wir dürfen trotz der Krise aber auch die Zukunft nicht aus den Augen verlieren. Die Aus- und Weiterbildung ist die Grundlage unserer zukünftigen wirtschaftlichen und sozialen Erfolge. Gerade was unsere Lehrlinge und somit die Fachkräfte der Zukunft betrifft, braucht es für Unternehmen daher eine Unterstützung“, so FACC-CEO Robert Machtlinger.

Details zum vorgeschlagenen „Lehrlingspaket“

Eine derzeit im Raum stehende Möglichkeit, um die Betriebe in der Lehrlingsausbildung zu unterstützen, wäre, wenn 25% des Lehrlingseinkommens im 1. Lehrjahr gefördert, also übernommen werden. „Denn wir werden hier deutliche Mehrinvestitionen brauchen, um das alles aufzufangen“; so Steinecker.  Dabei soll jeder Lehrling, egal aus welcher Branche, im ersten Lehrjahr unbürokratisch und schnell gefördert werden, die Betriebe würden auf diese Zusage nur warten. Die Studie zeigt: Zwei Drittel der Befragten empfinden diese Option als interessant, mehr als ein Drittel sogar als sehr interessant. Ein Viertel der Lehrbetriebe würde mit dieser Unterstützung auch mehr Lehrlinge einstellen. Steinecker rechnet vor, dass bei einer durchschnittlichen Lehrlingsentschädigung im ersten Jahr von rund 600 Euro im ersten Lehrjahr damit eine Unterstützung von insgesamt rund 2000 Euro notwendig wäre. Dadurch ergebe sich die Gesamtförderungssumme von 60 Mio. Euro, wenn wirklich 30.000 neue Lehrlinge im September anfangen würden.

Unterstützung würde Betriebe wieder zu Lehrbetrieben machen

„Es handelt sich um eine gute Maßnahme, mit welcher der negative Effekt von COVID-19 aufgehoben werden könnte und welche die Situation für viele Lehrbetriebe etwas erleichtern würde. Lehrplätze, die vorher gestrichen worden wären, könnten auf diese Weise gerettet werden“, bekräftigt Flughafen Wien CEO Günther Ofner. Auch die Studie zeigt klar: Die Mehrheit würde zumindest einen zusätzlichen Lehrling beschäftigen. Im Tourismus und der Freizeitwirtschaft ist die Unsicherheit aktuell noch zu groß. „Im Tourismus braucht es nicht nur Zuschüsse zum Lehrlingsgehalt, sondern darüber hinaus auch Sofortmaßnahmen zur Existenzsicherung in Form von Starthilfen nach dem Shutdown und zugesagte Liquidität. Sobald wir auf zumindest einem gesunden Bein stehen, übernehmen wir sofort wieder die Verantwortung für die Ausbildung von Lehrlingen. Mit auf die Branche zugeschnittenen Maßnahmen seitens der Politik gelänge das natürlich rascher“, so ÖHV- Präsidentin Michaela Reitterer.

Seit über zwei Jahren setzt sich die unabhängige und branchenübergreifende Initiative z.l.ö. – zukunft.lehre.österreich. dafür ein, den Stellenwert der Lehre als Fundament der Wirtschaft wieder in Erinnerung zu rufen. Zahlreiche Unternehmen haben sich zusammengetan, um gemeinsam neue Wege zu bestreiten und bestehende Initiativen und Interessensvertretungen zu unterstützen.

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