26.09.2021

Verkehrte Zeiten, verkehrte Welt

Mehr als 200.000 offene Stellen sind laut AMS aktuell am heimischen Arbeitsmarkt gemeldet, gegenüber den im vergangenen Jahr durchschnittlich 62.800 freien Arbeitsplätzen eine satte Verdreifachung. An den Verfügbarkeiten scheitert es also nicht, und dennoch gehen den Unternehmen – gerade im touristischen Bereich – die Mitarbeiter aus. 

Ob Reisebüro, Hotellerie oder Gastronomie – die Tourismus- und Touristiksparte hat, wie die gesamte Dienstleistungs-Wirtschaftskette, harte Monate hinter und wohl auch noch vor sich. Hinlänglich bekannt, warum es, wie man so schön sagt, den EPUs und KMUs gerade ordentlich hineinregnet. Zum großen Corona-Übel kommt nun noch das Mitarbeiterproblem dazu. Denn jetzt, da man mit den verschiedensten G-Regelungen – wie viele und in welchen Spielformen es letztlich zu beachten gilt, ist sich die hohe Politik nicht wirklich einig und erinnert stark der Entscheidungsfindung per Münzwurf – den Gast und Kunden ganz nach seinen Wünschen und Bedürfnissen wieder servicieren kann, gehen den Betrieben eben genau dafür die Mitarbeiter aus.

Große Hotels müssen in Ermangelung von Reinigungspersonal ganze Stockwerke geschlossen halten, kleinere Betriebe pfeifen personell sowieso schon lange aus dem letzten Loch und auch Reisebüros, die Mitarbeiter ob des endlich wieder steigenden Buchungsandrangs einstellen wollen, finden kaum bis keine interessierten und adäquaten Aspiranten. Dieses Szenario ist kein überzeichnetes, sondern zieht sich von Ost bist West und Nord bis Süd quer durch die gesamte heimische touristische Leistungskette. Die Ratlosigkeit in den Betrieben und Unternehmen ist groß, wie man sich natürlich auch die Frage stellt, warum, wenn es tausende von freien Jobs gibt, denn niemand in der Gastronomie, Hotellerie oder im Reisebüro arbeiten möchte? Hat Corona wirklich das Bewusstsein für Leben und Arbeit grundsätzlich verändert, oder was läuft da gerade verkehrt? 

Ja und nein, denn einerseits - so besagt es zumindest eine von der Jobbörse StepStone in Auftrag gegebene Studie – soll der Arbeitsmarkt zu einem Bewerbermarkt werden. Rund 11.000 junge Menschen wurden über ihre Erwartungen und Präferenzen an Job und Arbeitgeber befragt, das Resultat ist im Detail hier nachzulesen, definiert klar jene Aspekte, die im Zusammenspiel Arbeitnehmer und Arbeitgeber und gerade im 21. Jahrhundert sowieso längst Selbstverständlichkeiten sein sollten – egal in welcher Berufssparte. Ein wettbewerbsfähiges Gehalt, ein vielfältiges Aufgabengebiet, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, ein respektvolles Miteinander wie freundliches Arbeitsumfeld oder ein sicherer Arbeitsplatz sind ebenso essenzielle Kriterien wie der Wunsch nach einem künftigen höheren Verdienst oder einer Führungsposition. 

Mit vielem davon kann die Tourismus-, Touristik-, Hotel- und Gastromiesparte von jeher aufwarten, wo es in der Tat hapert und was auch nicht so einfach umzusetzen ist, ist der Wunsch des „Nachwuchs“ nach flexibleren Arbeitszeiten. Stimmt, die Branche muss hier nachjustieren bzw. umdenken und sich den neuen Familien- und Lebensmustern ein Stückweit anpassen. Was gestern war – wann war eigentlich gestern? – ist heute, Homeoffice sei Dank, obsolet. 40 oder mehr Stunden zu arbeiten und sich möglichst gut für die Zukunft absichern, gilt heute kaum mehr. Genau das, so sagte Peter Buocz, Geschäftsführer der Schick Hotels, kürzlich im Interview mit uns, ist das Problem, warum der Branche der Nachwuchs ausgeht.

Nur, kann/muss/soll jetzt jeder Kleinbetrieb eine Kinderbetreuung zur Verfügung stellen oder die Öffnungszeiten auf montags bis freitags von 9 to 5 ändern, weil das Personal keine Spät- und Nachstunden und schon gar nicht sonn- und feiertags arbeiten möchte? Ein Hotel, ein gastronomischer Betrieb, ist halt nur sehr begrenzt aus dem Homeoffice oder mit Gleitzeit zu führen. Ein Hotel- und Restaurantbetrieb ist ein Rund-um- die-Uhr-Betrieb und der Hotelgast wohl auch nicht willens, sich nach den „Mitarbeiter-Betriebszeiten“ zu richtet, indem er sein gemütliches Abendessen halt schon um 13 Uhr einnimmt, weil abends die Küche kalt und der Herr Ober ob seiner flexiblen Arbeitszeiten nicht mehr verfügbar ist. Das kann sich und da braucht man jetzt auch kein betriebswirtschaftliches Genie zu sein, nicht ganz ausgehen.

„Unsere Gegebenheiten und Anforderungen kollidieren mit dem neuen Lebensbild. 40 Stunde Woche wollen immer weniger Menschen, wissen Sie, wie oft ich aktuell in Bewerbungsgesprächen höre, dass man sich lieber einen 20 Stunden-Job sucht, weil man mit dem hier verdienten Geld eh auskommt. Es hat einfach eine Veränderung stattgefunden, die neue Arbeitszeitmodelle erfordern“, sagt Buocz. Ähnliches ist auch aus der Reisebranche zu hören, wo Unternehmen seit Wochen versuchen, auf allen Kanälen Mitarbeiter zu requirieren – mit wenig bis gar keinem Erfolg. Wenn sogar die incentive- und bonusfreundliche Touristik als Jobmodell bei den jungen Menschen nicht mehr zieht, dann hat’s was. Dann muss man schon beginnen zu hinterfragen. Dass nämlich der Grund ausschließlich Corona geschuldet ist, kann nicht die einzig schlüssige Erklärung sein.

Da würde man sich’s von allen Seiten zu einfach machen. Dass man nämlich „ungebremst“ in einen Fachkräftemangel läuft, war lange bekannt. Nur hat Politik, Wirtschaft und auch die Betriebe sich zwar darüber mokiert, aber dann doch die Augen zugemacht. Weil’s halt noch irgendwie ging. Genau das tut es jetzt nicht mehr und dass das Schnitzel am Wochenende um 50 Cent oder einen Euro teurer wird, weil man sonst am Tag des Herren kein Personal hat, das selbiges dem Gast mit freundlichen Nasenlöchern serviert, reiht sich eher in die Kategorie „Verzweiflung“ denn in eine für beide Seiten sinnvolle Lösung.

Verkehrte Zeiten, verkehrte Welt, um es mit den Worten meiner 90-jährigen Mutter zu sagen, die von Zeiten erzählt, als menschliche Litfaßsäulen auf der Suche nach Arbeit das Bild prägten. Nicht zu hoffen, dass den Arbeitgebern bald auch nichts anderes übrigbleibt, als mit „ich suche Mitarbeiter, nehme alle“-Transparente auf Personalsuche zu gehen. 

Nur, das mit der Work-Life-Balance – ein ganz wichtiger Punkt im Anforderungsprofil der jungen Generation – ist halt so eine Sache. Die gibt’s nämlich – egal in welchem Job – weder frei Haus noch kollektivvertraglich fix verankert. Denn Work-Life-Balance ist, was man selbst aus seinem (Berufs)Leben macht, der Arbeitgeber sollte dafür „lediglich“ die passenden Voraussetzungen schaffen. Wo es – zugegeben – sehr oft mangelt. Oder, um es mit Peter Buocz zu sagen: „Work-Life-Balance impliziert auf der einen Seite Work und auf der anderen Seite Life. Und Work gehört halt zum Life dazu.“ Ob Voll-, Teil- oder Gleitzeit!

b.charwat(at)manstein.at

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