17.06.2022

Viel zu langsam

Die Integration ukrainischer Geflüchteter in den Arbeitsmarkt lässt – trotz einiger positiver Beispiele – noch viel zu sehr auf sich warten. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Aktuell befinden sich 55.000 ukrainische Geflüchtete in der österreichischen Grundversorgung (Stand heute, Freitag, 17. Juni). 44.000 davon oder 80 Prozent sind Frauen, wovon wiederum 35 Prozent oder in absoluten Zahlen 15.400 unter 18 Jahren sind. Das ergäbe eine Grundgesamtheit von 28.600 Schutzsuchenden, die theoretisch für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen (müssten). Selbstverständlich gibt es zahlreiche Frauen darunter mit kleinen Kindern, die Aufsicht- und Betreuungspflichten haben und somit nur eingeschränkt einer Tätigkeit nachgehen könnten. Aber immerhin, ein Potenzial wäre da.

Endlose Amtswege

Österreichs Flüchtlingskoordinator Michael Takacs formulierte angesichts dieser Zahlen ein klares Ziel und will bis Ende 2022 10.000 Geflüchtete in den heimischen Arbeitsmarkt integriert haben. Ob das realisierbar ist, darf bezweifelt werden. Der Grund ist wie so oft überbordender Bürokratismus. Das beginnt bei den Papieren. Ein Flüchtling braucht die sogenannte blaue Aufenthaltskarte, erst dann kann er sich auf Arbeitssuche begeben. Die Registrierung bei Ankunft in Österreich funktioniert nach gewissen Anfangsschwierigkeiten bereits einigermaßen klaglos. Aber es gibt weitere Hürden. Mit dieser Aufenthaltskarte wäre ein Flüchtling quasi in der Lage, Arbeit zu suchen. Doch die Praxis schaut anders aus. In vielen Gesprächen mit Gastronomen und Großküchen ist es so, dass der künftige Arbeitgeber mit dem zugesagten Job beim AMS vorstellig wird und alles regelt. Flüchtlinge selbst sind dazu kaum in der Lage. Unkenntnis und Sprachschwierigkeiten schieben dem naturgemäß einen Riegel vor. Auch die Rahmenbedingungen gehören dringend reformiert. Die Zuverdienstgrenze, um nicht aus der Grundversorgung zu fallen, beträgt lächerliche 110 Euro. Die Sozialpartner sprechen zwar schon von einer Anhebung auf 485 Euro, aber geschehen ist bis dato nichts. Wer arbeitet, will auch Geld verdienen, um auf eigenen Beinen zu stehen und nicht auf Sozialleistungen angewiesen zu sein.

Hoher Bildungsgrad als Hindernis

Ein Beispiel aus dem Bundesland Salzburg zeigt, dass die Integration funktioniert, aber noch viel zu spärlich. AMS Salzburg-Chefin Jacqueline Beyer berichtete vor kurzem von etwas mehr als 600 Flüchtlingen, die erfolgreich am Arbeitsmarkt vermittelt werden konnten. Mit 304 Arbeitnehmerinnen davon landete ziemlich genau die Hälfte in Gastronomie, Hotellerie und Großverpflegung. Wobei Landeshauptmann Wilfried Haslauer zwar das hohe Bildungsniveau lobte, das aber umgekehrt genauso ein Hindernis für Hilfsdienste im Tourismus darstellt. „44 Prozent der Geflüchteten, die arbeiten wollen, weisen eine akademische Ausbildung auf“, erklärte der Landeshauptmann. Er nahm den Satz zwar nicht in den Mund, aber das Bild vom „Rechtsanwalt, der sich an der Abwasch verdingt“, war trotzdem schnell gezeichnet. Positiv anzumerken ist auch das große Interesse seitens der Betriebe, Flüchtlinge als Arbeitskräfte aufnehmen zu wollen. AMS-Chefin Beyer: „Die Nachfragen sind deutlich höher als das Potenzial an Arbeitskräften.“

Große Nachfrage nach Kursen

Auch die Vorarlberger reden nicht lange, sondern handeln. Im Hotel Mondschein in Stuben am Arlberg werden vertriebene Frauen aus der Ukraine in Grundkenntnissen des Tourismus ausgebildet. Ziel ist es, Fachkräfte für diese Branche zu bekommen. Die Nachfrage nach diesem Kurs ist sehr groß – und zwar aus ganz Österreich. Vier Wochen dauert die Ausbildung in den Bereichen Küche und Service, zwei Wochen im Housekeeping. Die Teilnehmerinnen müssen eine Aufenthaltsbewilligung haben. In der ersten Kursstaffel werden derzeit 50 Frauen ausgebildet. Die Nachfrage ist so groß, dass bereits drei weitere Kurse geplant sind. Die Anmeldungen dafür kommen aus ganz Österreich. Von den derzeit 50 Teilnehmerinnen haben alle auch schon einen Job nach dem Kurs.

Alles recht und schön, aber nach einer einheitlichen bundesweiten Strategie schaut das nicht aus. Dabei wäre der Begriff der rhetorisch so ausgelutschten Win-Win-Situation selten so treffend wie hier: die integrations- und arbeitswilligen Geflüchteten auf der einen Seite und tausende Betriebe auf der anderen Seite, die händeringend Arbeitskräfte suchen.

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