09.06.2022

VieVinum: Eine Analyse im Abgang

Mit einer klaren Strategie stemmte sich die VieVinum 2022 in der Wiener Hofburg gegen den angeblichen Trend. Die Nachrichten vom Ende großer Weinmessen sind möglicherweise verfrüht, analysiert unser Autor und Weinkenner Christian Fell.

2018 fand die letzte VieVinum in der Wiener Hofburg statt, man möchte meinen: in einem anderen Zeitalter ohne Krieg, Inflation und Seuche. Corona war verständlicherweise das Thema des Referats von Chris Yorke, der ausgerechnet seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 die Geschäfte der Österreich Wein Marketing GmbH leitet. An den Tischen der Winzer selbst war davon wenig zu hören. Ja, es gab 2021 drastische Rückgänge im Gastro-Großhandel, der mangels Gästen ein Drittel weniger Wein einkaufte. Das lag freilich an den Lockdowns und nicht an der Qualität, denn mit 2021 war auch ein sehr guter Jahrgang zu feiern, der anders herausragte als die Vorgänger. Nach einem superwarmen 2019 und dem lokal von Unwetterschäden verhagelten 2020 konnte 2021 kerngesundes Traubenmaterial in einer Menge eingebracht werden, die mit 2,4 Millionen Hektolitern dem Schnitt der letzten 60 Jahre entspricht. Tiefe Frucht und knackige Säurewerte kommen gerade der weißen Paradesorte Grüner Veltliner zugute. Die rote Paradesorte feiert übrigens heuer ihren 100. Kreuzungs- bzw. Geburtstag – alles Gute, lieber Zweigelt! Bei den roten Reserven kommen freilich gerade erst die formidablen 2019er auf den Markt, der Gegensatz zu den crispen Jungweinen war reizvoll auf der diesjährigen Messe.

Gutes Klima

Nach der schweißtreibenden VieVinum '18 waren diesmal Wetter, Platzangebot und Klimaanlagen besser aufgestellt. Keine Frage: ein Klimawandel der angenehmen Art, doch der globale stellt die größere Herausforderung dar. Statistiken von Österreich Wein belegen, dass eine Erwärmung um ca. 1 Grad im Schnitt in allen Anbaugebieten nachzuweisen ist. Fragt man Winzer nach ihrer individuellen Challenge, fallen auch die Antworten individuell aus: Meist ist die Sorge für die nächste Zeit eher gering – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zunächst entscheiden Mikroklima, Grundwasser und Bodenbeschaffenheit: Baut man auf Sand und Schotter an, macht sich der Niederschlag schnell davon. Lehm oder Tonmergel halten die Feuchtigkeit länger, dafür wird die manuelle Bearbeitung im wahrsten Sinne sehr hart, ist der Lehm einmal fest und trocken. 

Licht und Schatten und Wasser

In der Thermenregion würde man damit auskommen, den Trockenstress mittels Beschattung durch hilfreiche Pflanzen in Bodennähe (z.B. Klee) zu lindern. Aus Deutschkreutz berichtete ein Winzer, man bekomme immer wieder aus dem Wechselgebiet hereinziehende Regengüsse ab. Anders sieht es auf der Ostseite des Neusieder Sees aus. Dieser selbst verzeichnete im Jänner 2022 den niedrigsten Wasserstand seit 50 Jahren, die „Lacken“ im Seewinkel drohen auszutrocknen. Noch kommt man mit wenig Bewässerung aus, doch die Frage nach dem „woher“ könnte sich stellen. Derzeit ist vom Land geplant, Wasser aus einem ungarischen Seitenarm der Donau über einen Kanal zu holen und damit den Grundwasser- bzw. Seespiegel zu heben. Ähnliche Überlegungen würde man in Griechenland im Weingut Lacules vermuten, wo die Österreicher Barbara Gruber und Jörg Salchenegger Klasse-Merlot produzieren, aber auch bei Temperaturen um 40 Grad keine künstliche Bewässerung benötigen, da genug Grundwasser vorhanden ist.

In der nördlichen Wachau wieder scheint man gelassen, weil nun in mehr Lagen als früher Smaragd-Qualität erreicht werden kann. Für Wasser ist gesorgt, da bereits eine zentral gesteuerte Möglichkeit zur Beregnung besteht, auch am Südufer ist Derartiges für die nächsten Jahre geplant. Und dann gibt es selbst für Reben noch Leistungsdenken: „Die sollen sich ruhig anstrengen.“ Denn bis zu einem gewissen Grad bringen darbende Pflanzen spannenderen Wein hervor.

Teurer Spaß

Spannender Wein hat seinen Preis, und der wird – man wagt es kaum auszusprechen – weiter steigen. Rasante Teuerung beschäftigt auch die Weinmachenden: Überall, vom Fass über die Glasflaschen bis zur Verpackung steigen die Kosten massiv. Ein burgenländischer Winzer strahlte, er habe seine Eichenfässer zum Glück schon vorzeitig geordert. Doch auch ihm ist klar: Wenn sich nicht bald etwas ändert, wird man die Preise entsprechend anpassen müssen. Inwieweit das durchsetzbar ist, wird sich weisen. 

Empfindlich teurer wurde auch der Messebesuch selbst – zumindest für „normale“ Besucher, was aber Teil der Strategie war: noch mehr weg von der Publikumsshow hin zum Branchenevent für Insider. Rund 1.000 Fachbesucher aus 50 Ländern wurden zu für abendliche Spaßtrinker unfreundlichen Bürozeiten (Ende 18 Uhr) eingeladen, Themenverkostungen ebenso angeboten wie Mentoring-Programme im Vorfeld, die Winzer mit Experten anderer Zünfte – wie Erwin Pröll oder TV-Star Eva Pölzl – zusammenspannten. Diese „Akademie“ benannte man nach Gerd A. Hoffmann, welcher der Vater der VieVinum sowie von deren heutiger Organisatorin Alexandra Graski-Hoffmann war. Ein Online-Artikel des Magazins wein.plus titelte nach dem Besucherrückgang bei der größten Weinmesse Europas (ProWein) um 30 Prozent nur eine Woche vor der VieVinum: „Ist die Ära der großen Weinmessen vorbei?“ Hoffentlich nicht für die schönste Weinmesse Europas.

(Von Christian Fell)

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