30.09.2021

Wedl setzt auf Optimismus und investiert kräftig

Lorenz Wedl ist seit 2019 Sprecher der Geschäftsführung des Handelshauses Wedl, Corona hat dem Großhändler auch stark zugesetzt, doch Investitionen und Wachstumsgedanken haben nicht ausgesetzt, im Gegenteil.

Sie haben im Jahr 2020 ja starke Einbußen verzeichnen müssen, wie geht es Ihnen und Ihrem Unternehmen heute?
Lorenz Wedl: Prinzipiell sind wir bisher gut durch die Krise gekommen, wir hatten hierzulande Umsatzausfälle in den harten Lockdownphasen von bis zu 80 bis 90 Prozent, als Konzern erreichten wir ein Umsatzniveau in 2020 von minus 26 Prozent. Das liegt auch daran, dass nahezu alle Wirtschaftszweige im Konzern sehr stark von der Hotellerie und Gastronomie abhängig sind, wie die Tochterfirma in Belluno, wo wir aus unserer Kaffeefabrik in 60 Länder exportieren, die jedoch alle Lockdowns verzeichneten, was sich stark auf den Export ausgewirkt hat. Aber wir haben schon im letzten Sommer festgestellt, dass sich der Tourismus sehr schnell erholt. Auch heuer sind wir im Juli und August isoliert betrachtet bereits mit den Umsätzen annähernd auf Vorkrisenniveau unterwegs. Ich muss aber festhalten, dass sich die Ballungsräume immer noch schwertun, speziell im Wiener Raum, aber auch in Salzburg Stadt und Innsbruck Stadt spüren wir das Fehlen des Ausländischen Gasts, des Überseegasts und der Großveranstaltungen. Im ländlichen Bereich können wir bereits wieder Rekordumsätze verzeichnen, wie in Leogang oder den Seengebieten.
 

„Wir haben schon im letzten Sommer festgestellt, dass sich der Tourismus sehr schnell erholt.“


Dort gibt der heimische Gast also nicht weniger aus, als der ausländische, wie ja oft vermutet wurde…
Das kann ich so pauschal nicht bestätigen. Viele Häuser sind sehr gut mit inländischen Gästen gefüllt, doch in einigen Bereichen sind wir eben von den Überseegästen abhängig. Daher blicken wir auch sehr gespannt auf den Herbst, denn der Tourismus ist ein sehr fragiles Konstrukt, ein zartes Pflänzchen, das als erstes leidet, wenn die COVID-19 Zahlen nach oben gehen. Dann überlegt sich der Deutsche Gast zweimal, ob er in ein Risikogebiet fährt. Es bleibt spannend, aber wir rechnen mit einem guten Winter, wenn auch noch nicht auf Vorkrisenniveau.

Wie haben sich die anderen Geschäftsbereiche wie der Einzelhandel oder der Kaffeebereich im ersten Halbjahr erholt?
Im Kaffeebereich spüren wir seit Mai den Aufschwung, der sich langsam auf die Zahlen von 2019 einpendelt. Es gibt natürlich immer regionale Unterschiede, wie beispielsweise Israel, das ein wichtiger Markt für uns ist. Dort spürt man wieder die ersten Dellen. Der Einzelhandel mit Nah&Frisch hat sich auch sehr volatil bewegt, weil der Großteil der geschätzten Kaufleute in Tourismusgebieten tätig ist, da gehen die Umsatzrückgänge Hand in Hand mit der Gastronomie. In Ballungsräumen ist die Entwicklung stabiler.


„Wir rechnen mit einem guten Winter, wenn auch noch nicht auf Vorkrisenniveau.“
 

Erholt sich das Tankstellengeschäft durch die wieder gesteigerte Mobilität?
Im ersten Lockdown haben die Tankstellen durch die massive Mobilitätseinschränkung gelitten. Danach sind wir relativ schnell auf alte Umsätze angewachsen. Doch man muss sich auch hier die Regionen ansehen, den Tankstellen im Grenzbereich fehlte der Durchzugsverkehr der Touristen.

Wofür haben Sie das letzte Jahr strategisch genutzt?
Es wurden im letzten Jahr etliche Projekte umgesetzt, um uns zu verschlanken und effizienter zu werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Tiefkühlspezialist Duschlbauer in Kärnten, den wir vor einigen Jahren übernommen haben. Dort haben wir viele Parallel-Systeme gehabt: eigene LKW, eigene Flugblätter, eigene Telefonverkäufer und so weiter. Diese Doppelgleisigkeiten haben wir dadurch ausgeräumt, indem wir uns entschieden haben, den Kunden von Duschlbauer das komplette Wedl-Sortiment und Service anzubieten und die Firma in den Mutterkonzern hinein zu fusionieren. Wir haben auch keine Mitarbeiter eingespart, sondern unsere Kräfte gebündelt. Das war ein wichtiger Schritt in Richtung weniger Komplexität. Wir haben ja rund 20 Firmen in unserem Konzerngefüge, die mein Vater im Laufe der Jahre gegründet, zugekauft oder sich daran beteiligt hat. Ich denke, es tut uns gut, hier mehr Struktur hineinzubringen und Komplexität rauszunehmen. Auch um es den Markenauftritt von Wedl gegenüber dem Kunden einheitlicher zu gestalten. Zudem wurden zur Effizienzsteigerung etliche Abläufe und Prozesse intern kritisch hinterfragt und neu definiert.

Wo ist das noch der Fall?
Aktuell im Raum Wien, wo wir mit der Familie Berger gemeinsam einen C+C Markt vor rund 12 Jahren eröffnet haben. Vergangenes Jahr haben wir die letzten Anteile dieses Unternehmens übernommen und planen nun die Umfirmierung. Damit die Wiener Profikundschaft den klassischen Wedl-Service, den der Kunde von Mitte und Westösterreich gewohnt ist, auch hier anbieten können.

Kann man dieses spezielle Service eins zu eins auf Wien übertragen, sind sich diese Kunden wirklich so ähnlich?
Sicher nicht eins zu eins, es gibt in jedem Bundesland Spezifika, die zu berücksichtigen sind. Angefangen bei den sprachlichen Barrieren bis hin zu den Sortimentsbedürfnissen, was auch auf den starken Fokus der Regionalität zurückzuführen ist. Deshalb greifen wir das regionale Produktsortiment nicht an.

Sondern, wo greifen Sie ein?
Im Bereich der Eigenmarken wollen wir mehr Bündelungen einsetzen und ein tieferes Sortiment anbieten, mit mehr Spezialitäten, wo wir auch in Westösterreich sehr aktiv sind. Alles in allem wollen wir dem Kunden aber einen einheitlichen Auftritt gewährleisten.


„Im Bereich der Eigenmarken wollen wir mehr Bündelungen einsetzen und ein tieferes Sortiment anbieten.“


Wann wird das abgeschlossen sein?
Die meisten optischen Maßnahmen sind schon passiert, die Außenhaut des Gebäudes wird gerade umfoliert, Visitenkarten und Folder werden neu gemacht, Logos ausgetauscht. Die Firmenumfirmierung ist für heuer jedoch nicht mehr geplant.

Wie hat sich der Digitalisierungsschub durch Corona auf den Onlineshop ausgewirkt?
Die Umsätze im Webshop sind weiterhin im Aufmarsch. Wir machen bereits über 40 Prozent der Zustellumsätze über den Webshop. Das ist sicherlich auch Corona geschuldet, da Kunden die Kontakte reduzieren wollten. In einem normalen Jahr machen wir in der Gastronomie in Österreich einen Umsatz von rund 250 Millionen Euro, davon 70 Prozent in der Zustellung und 30 Prozent in unseren Cash & Carry Märkten. Der Trend vor Corona ging ja schon sehr stark in Richtung Zustellung. Somit haben wir sukzessive Logistik-Kapazitäten geschaffen. Mittlerweile umfasst unser eigener Fuhrpark rund 110 LKWs sowie Partnerschaften mit externen Logistikunternehmen.

Digitalisierung ist natürlich nicht nur der Webshop, wo spürt der Kunde, aber auch der Mitarbeiter, den Einzug oder auch den Vorteil davon?
Ich bin ja immer wieder erstaunt, dass wir bei gefühlt 90 Prozent aller Projekte, die wir intern beginnen, unsere IT-Abteilung benötigen. Die IT Ressourcen sind demzufolge aber auch begrenzt, also muss man priorisieren. Die IT ist eben allumfassend in jedem Bereich, wie beispielsweise die Bestellsoftware, die wir eben realisiert haben, damit wir unsere Lieferfähigkeit bestmöglich gewährleisten, wir out of Stock Situationen minimieren, aber auch Überbestände abbauen können. Damit konnten wir bereits vor Corona eine nahezu optimale Lagerhaltung erreichen, obwohl diverse Prognosemodelle mit Corona natürlich nicht gerechnet haben.  Wir haben außerdem die Software für den Außendienst und Telefonverkauf optimiert, ein besseres CRM- Programm installiert und so weiter.

Und in Bezug auf die Arbeitsweisen, wo hat die Digitalisierung hier durch Corona Einzug gehalten?
Das beste Beispiel ist wohl Microsoft Teams. Wir haben uns ans Home Office und digitale Tools herangetastet, heute überlegen wir zweimal, welche Meetings wir live oder digital machen. Doch für mich ist gerade als Familienbetrieb der persönliche Kontakt mit Kunden, Partnern und Mitarbeitern sehr wichtig.

Gibt es Pläne, weitere kleinere Standorte wie den in Imst zu schließen?
Nein, im Gegenteil. Es ist wichtig, dass wir in den Regionen präsent sind. Der stationäre Handel hat weiterhin eine starke Daseinsberechtigung. Daher bauen wir auch in Saalfelden einen komplett neuen Abholmarkt für den wir rund 15 Millionen Euro investieren.

Welchen Trends werden Sie mit dem neuen Markt folgen, bzw. welche bedienen?
Wenn sich der Kunde immer häufiger die Standardeinkäufe zustellen lassen wird, rückt das Einkaufserlebnis und die Inspiration in den Vordergrund. Er will neue Produkte kennenlernen, Frische, Fleisch und Fisch erleben und prüfen, oder so emotionale Produkte wie Wein im Markt verkosten. Dabei darf natürlich die fachkundige Beratung durch die jeweiligen Fachexperten nicht fehlen. Wir planen dort auch regelmäßige Veranstaltungen, um den Zustellkunden in den Markt zu bringen, Showcooking-Events mit Haubenköchen, Produktvorstellungen sowie Masterclasses mit Wein-Sommeliers umzusetzen. Das Herzstück des Marktes wird demzufolge eine 400 Quadratmeter große Vinothek inkl. Showküche sein.


„Wir sind grundsätzlich optimistisch eingestellt und wollen weiter wachsen. Und dann muss man investieren.“


Für wann haben Sie diese Eröffnung geplant?
Das ist ein sehr sportlicher Akt, da wir erst im Frühjahr mit dem Bau begonnen haben, und bereits Anfang Dezember einziehen wollen. Es war vielleicht nicht der optimale Zeitpunkt für einen Neubau, wenn man sich die Rohstoffpreisentwicklungen oder die vollen Auftragsbücher ansieht, doch wir konnten gut verhandeln. Deshalb sind wir sehr optimistisch, dass wir wirklich vor der Wintersaison eröffnen können.

Antizyklisch und in der Krise investieren ist daher für Sie kein Fremdwort?
Wir sind grundsätzlich optimistisch eingestellt und wollen weiter wachsen. Und dann muss man investieren. Es ist auch nicht unser einziger Neubau denn mit der Firma Wörndle Interservice in Südtirol, an der wir beteiligt sind und bis Rom hinunter liefern, bauen wir in Brescia (Bezirk Lombardei/Italien) ein 20.000 Quadratmeter Auslieferungslager. Dieser Schritt soll neue Kapazitäten für den norditalienischen Raum schaffen, um in dieser wichtigen Region weiter wachsen zu können.

Kann davon auch Österreich profitieren?
Nicht direkt. Doch wir profitieren an der Beteiligung an Wörndle, weil wir Synergieeffekte in den Sortimenten erreichen wollen. In Österreich boomen italienische Lebensmittel, damit haben wir einen einzigartigen Zugriff auf ausgezeichnete Spezialitäten wie Fleisch, Teigwaren, oder Rohstoffe  für Pizza und so weiter. Doch wir gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem wir eigene italienische Fachverkäufer in Österreich installieren, denn der Betreiber eines italienischen Restaurants will auch von einem Italiener auf Augenhöhe adäquat beraten werden und ein authentisches Einkaufserlebnis haben.

Gibt es auch etwas, was Sie Positives aus der bisherigen Pandemie mitnehmen können?
Die positiven Aspekte sind der Schub bei der regionalen Wertschöpfung, der Digitalisierung, und dass man Zeit hat, über Geschäftsmodelle und Prozessoptimierungen nachzudenken.

Worüber haben Sie da zum Beispiel nachgedacht?
Wir haben in den Lockdownphasen sicherlich im Vergleich zu diversen Mitbewerbern die größere Umsatzrückläufe gehabt. Das liegt natürlich an unserem starken und beinahe ausschließlichen Fokus auf Hotellerie und Gastro – andere Mitbewerber bedienen noch mehr öffentliche Einrichtung mit der Großverpflegung oder öffnen ihre Standorte für Endverbraucher. Da haben wir gemerkt, dass wir bisher unsere Zielgruppe etwas zu eng gesetzt haben. Wir werden also zukünftig verstärkt auch in dem Bereich Key Account investieren, um mit Großkunden und öffentlichen Einrichtungen Umsatzzuwächse generieren zu können und haben ja auch unsere Märkte nach wie vor für Endverbraucher geöffnet.


„Wir werden zukünftig verstärkt ins Key Account investieren, um mit Großkunden und öffentlichen Einrichtungen Umsatzzuwächse zu erzielen.“


Wie positionieren Sie sich da?
Ich glaube, der Gastro-Großhandel kann sich hier deutlich vom LEH differenzieren, weil gerade unsere fünf Genusswelten nicht vergleichbar mit den typischen LEH-Sortimenten sind. Wir haben viele Ärzte, Rechtsanwälte, Feinschmecker oder Gourmets, die diese Qualitäten schätzen und gerne bei uns einkaufen. Doch der Fokus bleibt natürlich nachhaltig auf unserer Kernzielgruppe der Gastronomie sowie Hotellerie.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview erschien zuerst auf cash.at

(Von Margaretha Jurik)

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