11.06.2021

Wenn Prüfer beginnen Abfall zu sammeln

Der Rechnungshof wollte Licht ins Dunkel der Lebensmittelverschwendung bringen und ist auf eine haarsträubende Datenlage gestoßen. Ein Kommentar von Axel Schimmel.

Auf kaum einem Gebiet wird so viel mit falschen Zahlen jongliert wie bei der Lebensmittelverschwendung. Im Lichte einer Diskussion, die sich stärker denn je um Nachhaltigkeit, Klimawandel, Ressourcenschonung dreht, zeichnen die anfallenden Mengen an „Food Waste“ ein besonders schreckliches Bild unserer Gesellschaft. Kein Wunder, dass sich jeder bemüßigt fühlt, seinen sprichwörtlichen Senf dazuzugeben. Von diversen Ministerien abwärts bis hinunter in die kleinsten NGO’s regnet es Kommentare, die anklagen und alles besser wissen. Man könnte sogar sagen, der Grad an Obergescheitheit korreliert diametral. In gutes Stammtisch-Deutsch übersetzt: je tiefer, desto blöder. Interessanterweise kommen hier – wie überall woanders auch – die wiffsten Absonderungen von Leuten, die noch nie einen Kochlöffel in der Hand gehalten haben, geschweige denn eine (Groß-)Küche von innen gesehen haben, weshalb sie genau deshalb selbst zu den größten Verursachern von Lebensmittelabfällen gehören.

Pro Jahr werden in Österreich 790.790 Tonnen Lebensmittel verschwendet

Umso mehr spitzte ich die Ohren als ich las, der Rechnungshof hat sich dieses Themas angenommen. Also genau jene Organisation, die für Unabhängigkeit steht wie keine andere in Österreich. Der Rechnungshof schickt seine Prüfer aus, um Abfall zu sammeln. Natürlich stierln die Beamten nicht unter Salatblättern in Biotonnen, aber was sie an Daten zusammengetragen haben, gleicht auch einem Stochern im Nebel. Schon die ermittelte Gesamtmenge überrascht: Pro Jahr fallen in Österreich 790.790 Tonnen Lebensmittelabfälle an. Das ist also erheblich weniger, als die immer wieder kolportierte eine Million Tonnen. Um es ganz klar zu sagen: Jedes Kilo ist zuviel, einmal mehr deshalb, weil es sich um „vermeidbare“ Lebensmittelabfälle handelt. Essen also, dass völlig einwandfrei zubereitet wurde und weggeworfen wird. Es handelt sich nicht um Kartoffelschalen, Salatstrünke, Fleischparüren, angebrannte Milch oder sauer gewordenes Blaukraut. Zum Vergleich: Die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner prangerte dieses Frühjahr die bundesweite Lebensmittelverschwendung in Höhe von elf Millionen Tonnen an. Österreich – mit dem berühmten Zehn-Prozent-Maßstab verglichen – würde diesbezüglich eine „bessere“ Bilanz aufweisen. Das große Problem dabei: Selbst der Rechnungshof weiß nicht, ob diese Zahl auch nur annähernd stimmt.

Es ist nur ein „näherungsweiser Überblick“ möglich

So heißt es in dem Prüfbericht unter anderem: „… Fakt ist: Aktuelle, systematisch und umfassend erhobene Zahlen durch das Klimaschutzministerium (BMK) über das tatsächliche Ausmaß der Lebensmittelverschwendung fehlen hierzulande.“ Und weiter: „… Diese Zahlen bieten jedoch nur einen ,näherungsweisen Überblick‘. Denn: Die Daten wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben – jene zum privaten Sektor beispielsweise im Jahr 2012, jene zur Außer-Haus-Verpflegung im Jahr 2015. Das BMK führte im überprüften Zeitraum 2016 bis 2019 keine regelmäßigen Datenerhebungen zur Lebensmittelverschwendung für alle Sektoren der Lebensmittelkette durch.“

Trotz dieses „Gemischten Salates“ haben die Prüfer die anfallenden Mengen auf die jeweiligen Verursachergruppen aufgedröselt. Mit 207.000 Tonnen wird in den privaten Haushalten am meisten weggeworfen, gefolgt von der Außer-Haus-Verpflegung mit 175.000 Tonnen, danach kommt die Landwirtschaft mit 167.000 Tonnen. Die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel liegen mit 121.800 Tonnen bzw. 120.000 Tonnen fast gleichauf.

Ein noch tieferer Blick in den Bereich „Außer-Haus-Verpflegung“ offenbart: Größter Verursacher hier ist die GV mit 61.000 Tonnen vor der Hotellerie mit 50.000 Tonnen, gefolgt von der Gastronomie mit 45.000 Tonnen und Sonstigen mit 19.000 Tonnen. Umgelegt auf die Gesamtmenge würde die GV somit einen Anteil von 7,7 Prozent tragen, bei 1,8 Millionen Menschen, die sich täglich in diesem Segment verpflegen.

Und sogar hier muss genau hingeschaut werden. Wenn in einem Kochkessel mit 400 Liter Fassungsvermögen Rindsuppe gekocht wird und vierzig Liter übrigbleiben, fließen dann 40 Kilogramm nicht nur in den Gully, sondern werden diese in der Abfallstatistik genauso gewichtet, wie wenn ich 40 Kilogramm Hühnerragout wegwerfe? Oder Reis? Oder Rindsrouladen? Oder Kaiserschmarrn? Das ist alles nicht klar definiert und gehört hinterfragt.

Selber kochen ist die beste Vermeidungsstrategie

Das Essverhalten ist einem permanenten Wandel unterworfen, das ist klar. Was in den letzten zwanzig Jahren aber schon auffallend ist: Essen – vom kleinen Happen über den Snack bis hin zum vollwertigen Menü – alles ist heute rund um die Uhr und nahezu überall verfügbar. Der Familientisch gerät ins Hintertreffen, der zu Mittag sowieso. Was mich zu der These verleitet: Würde mehr selbst gekocht werden, wären auch die Abfallmengen geringer. Das Auge ist immer größer als der Hunger. Jeder, der selbst einen Kohlrabi schält und genüsslich an den knackigen Sticks knabbert, bekommt sehr schnell ein Gefühl dafür, wieviel genug ist. Das ist bei einer selbstgemachten Carbonara oder einen Grießkoch nichts anderes. Der im Halblauf an der Theke mitgenommene und im Stehen beim auf etwas Warten, während man What’s-appt, raucht und trinkt, zu sich genommene Chickenburger, welchen Wert hat dieser Snack? Das übersteigt sogar die Kapazität des multitaskingfähigsten Gehirns.

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