16.09.2020

Wiener Hotels fürchten Todesstoß durch Reisewarnung

In der Wiener Hotellerie herrscht helle Aufregung angesichts der Reisewarnung Deutschlands für die österreichische Bundeshauptstadt. Neben Deutschland hat auch Belgien Wien zum Risikogebiet erklärt.

Schon mit der Schweizer Reisewarnung für Wien und den zu Beginn der Woche verkündeten verschärften Maßnahmen für Veranstaltungen, wie Hochzeiten, stehen Stornierungen in der heimischen Hotellerie wieder an der Tagesordnung. Seit Bekanntwerden der deutschen Reisewarnung für Wien hat sich die Situation in der Branche nun neuerlich dramatisch verschärft: „Es hagelt Stornierungen und Buchungen für den weiteren Herbst bleiben komplett aus“, kommentiert Susanne Kraus-Winkler, Obfrau des Fachverbandes Hotellerie der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) die aktuelle Hiobsbotschaft für den Wiener Tourismus.

„Wird Wien auf rot gesetzt, sehe ich schwarz für die Zukunft der Wiener Tourismusbetriebe“, warnt auch Dominic Schmid, Obmann der Fachgruppe Hotellerie in der Wirtschaftskammer Wien. „Wenn uns Deutschland auf die Rote Liste setzt, dann werden 80 Prozent der noch bestehenden Buchungen wegfallen".

Auch bei der Hoteliervereinigung (ÖHV) berichtet man von den negativen Auswirkungen der Ampelschaltung auf orange und der deutschen Reisewarnung. „Das hat die ohnehin schon viel zu niedrige Auslastung noch einmal um 10 Prozentpunkte gedrückt: Die Stornos trudeln nur so ein“, gibt ÖHV-Generalsekretär Markus Gratzer einen ersten Einblick in eine noch laufende Branchenbefragung. Die Betriebe sind schwer angeschlagen, weitere Belastungen können viele von ihnen nicht mehr lange schultern.

Leichten Aufschwung abgewürgt

Zwar seien noch immer erst rund 60 Prozent der Betriebe geöffnet gewesen, doch zuletzt war ein leichter Aufwärtstrend in der Branche zu erkennen. Einige Betriebe berichteten sogar von einer passablen Auslastung von 50 bis 60 Prozent im September und Oktober, berichtet man in der Wirtschaftskammer. Aufgrund der aktuellen Entwicklung, Absagen von Veranstaltungen, Hochzeiten und Firmenseminaren und den Stornierungen der ausländischen Gäste, stehe man nun vor einer Auslastung von nicht einmal 10 Prozent.

„Damit kann kein Betrieb auch nur annähernd kostendeckend geführt werden. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind einfach nur mehr verzweifelt und überlegen, ihre Betriebe wieder komplett zuzusperren,“ skizziert Kraus-Winkler die Stimmung in der Branche.

2019 kamen rund 19 % aller Gäste aus Deutschland, und auch seit Ausbruch der Pandemie hielten die deutschen Gäste Wien die Treue: Während die Nächtigungen von anderen Top-10-Märkten wie Italien, Großbritannien, Spanien, Russland oder China zum Teil über 90 % einbrachen, stieg der Anteil von Nächtigungen aus Deutschland im Juli 35 %. Alleine im ersten Halbjahr 2020 entstanden 28,7 % des gesamten Nächtigungsumsatzes in den Wiener Beherbergungsbetrieben durch Gäste aus Deutschland. „Wir müssen durchhalten und uns jetzt für die Zukunft aufstellen“, so WienTourismus-Direktor Norbert Kettner.

Einigung bei Fixkostenzuschuss 2 dringend nötig

Selbst Spitzenbetriebe stehen stark unter Druck, müssen sich von Mitarbeitern trennen. Der verbesserte Fixkostenzuschuss 2 war für viele ein Hoffnungsschimmer. Dass sich EU-Kommission und Finanzministerium nicht einigen können, stößt Mitarbeitern und Unternehmern auf: Die Corona-Ampel steht auf orange, dazu die Reisewarnung: „Da hilft auch der beste Fixkostenzuschuss nur, wenn er rasch kommt. Worauf wird hier gewartet“, fordert Gratzer, dass die Verantwortlichen an einem Strang ziehen und bald ein Ergebnis präsentieren.

Kraus-Winkler fordert ebenfalls: „Der Fixkostenzuschuss Phase 2 muss von der europäischen Kommission rasch freigegeben werden, die Umsatzsteuersenkung muss zumindest bis Mitte 2021 verlängert werden, bis die Betriebe auch wieder Umsatz erwirtschaften können, ebenso das Kreditmoratorium muss nun rasch umgesetzt werden.“

Appelle an Stadt und Bund

Hotellerie-Sprecherin Susanne Kraus-Winkler richtet auch einen Appell an die Wiener Stadtregierung: „Es gilt jetzt Versäumnisse bei der Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus in Wien schnellstens aufzuholen und die richtigen Maßnahmen zu setzen, um die Fallzahlen in den Griff zu bekommen. Denn der Tourismus in Wien kann es sich nicht leisten, dass das Image von Wien einen noch größeren Schaden erleidet.“

Der Vorsitzende der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida, Roman Hebenstreit, fordert hingegen von Finanzminister Gernot Blümel mehr Hilfe für Wiens Wirtschaft und ihre Arbeitnehmer ein. Wien sei bis zum Corona-Lockdown die Kongressstadt Nummer eins gewesen, weil die Tourismusbetriebe und ihre Belegschaften - auch stellvertretend für die vielen anderen Branchen wie etwa auch die Mobilitätsunternehmen - großartige Leistung vollbracht haben, so Hebenstreit weiter. "Jetzt stehen in Wien und in vielen anderen heimischen Städten zahlreiche Betriebe und Menschen vor einem Scherbenhaufen und müssen um ihre Existenzgrundlagen fürchten, wie etwa die 140 Beschäftigten, die in den Sacher-Hotels gekündigt werden." Blümel solle diese Menschen nicht hängen lassen.

(APA/Red)

Branchen-News, die Sie wirklich brauchen!

Partner

Mediadaten