21.12.2020

Willys Gastro-Wochenrückblick: Das Weihnachtsgansl to go

Eine Weihnachtsgeschichte aus der Kindheit, von überraschenden Entdeckungen, unglücklichen Gansln und einer Germknödelschlacht.

Als ich Kind war, seinerzeit in den späten Fünfzigern, frühen Sechzigern im kleinen, verschlafenen und oft auch noch richtig romantisch verschneiten Reichenau an der Rax, war Weihnachten noch ein echtes Highlight im an sich nicht besonders aufregenden Jahresgefüge - das traditionelle Parkfest im August ausgenommen. Unsere Eltern schickten uns bereits kurz nach dem Mittagessen an die Frischluft, weil sie ja dem Christkind beim Schmücken des Baumes helfen müssten und außerdem es sich nicht schicke für kleine, katholisch erzogene Buben dem Christkind von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.

Ja, wir glaubten damals noch an dasselbe und tief im Herzen kam so etwas wie tief empfundene Ehrfurcht auf, wie denn so ein einzelnes, blondes Engerl neben den Unmengen an Christbaumschmuck auch noch Tonnen an Geschenken familien- und kindgenau zuzuteilen in der Lage war.

Heutigen Kindern in unserem damaligen Alter können solche naive Fehltritte in diese Art von Weihnachtsromantik sicher nicht passieren. Ihre Welt ist dank der allumfassenden Digitalisierung, der sozialen Medien und der gesamten Gamingworld - trotz der Erderwärmung - eine ziemlich kalte geworden. Da gibt es keinen Platz für Romantik, für märchenhafte Kinderphantasien, für unbeschwertes Lachen ohne dem Damoklesschwert der permanent im Raum stehenden Frage „Wie wird das weitergehen?“. Mit uns Menschen, mit den anderen Lebewesen, mit der Erde, mit dem Universum und darüber hinaus. Und ich denke da keineswegs nur an Corona. Aber auch.

Damals, als Kind in Reichenau, verfolgte mich ein Traum: es war Weihnachtsabend, wir Nachbarsbuben kamen gerade vom gemeinsamen Friedhofsbesuch durch den Schnee gestapft heim, ich vergaß das Tabuzimmer, in dem das Christkund und zumindest ein Elternteil den Weihnachtsbaum schmückten, platzte hinein und erschrak mindestens genau so wie mein Muttertier. Das Christkind hingegen war bereits durch die Oberlichte geflüchtet, einige weiße Federn und Blutspuren zurücklassend. Anderntags sah ich am Weg zum Mistkübel abermals Blutspuren, verfolgte diese und erblickte im Kübel drinnen weiße, blutdurchtränkte Federn. Auch als mir meine Oma ziemlich bemüht glaubhaft erklärte, das seien nur die Reste der Weihnachtsgansrupfzeremonie - damals gab es noch keine Mülltrennung - fiel mein Glaube an das Christkind von dem Moment an in ein unendlich tiefes Nichts.

So in etwa wie in der verwichenen Woche an zumindest einen Minirest von Hausverstand in den Regierungsgehirnen. Am Heiligen Abend und am Christtag dürfen wir uns zu zehnt aus zehn unterschiedlichen Haushalten treffen, am Stefanitag und dem darauffolgenden Sonntag nur mehr zu sechst aus zwei Haushalten. Genau wie zu Silvester. Skilifte und Gondeln dürfen ab 24. Dezember zwar benützt werden, aber nur mit FFP2-Maske. In allen anderen Öffis reicht das normale Stofffetzerl. Skihütten und die Berggastro dürfen zwar aufsperren, aber nur um Germknödel to go auszugeben. Dann muss sich jeder Heißhungrige 50 Meter von der Hütte entfernen. Mittlerweile ist das runde Ding wieder eingefroren wie es auch vorher war und wahrscheinlich nur mehr für eine Germknödelschlacht zu verwenden ist. Oder als runder Eislutscher mit Hefe-Powidl-Mohn-Geschmack.

Kann aber gut sein, dass der eine oder andere Wirt die Skifahrlust der Österreicher ausnützt und für den Abend Weihnachtsganslteile samt passender Zuspeis mitgibt. Die weißen Federn und Blutspuren an der Oberlichte der Hüttenfenster sowie am Weg zu und in den Mistkübeln sind längst weggewischt worden. Und coronakonform desinfiziert. Feiern Sie hübsch und träumen Sie was Süßes! Vom Christkind, vom Weihnachtsgansl oder von Germknödeln. Und vergessen Sie Ihre FFP2-Maske nicht. Damit der Duft von Weihnachten 2020 nicht zu intensiv wird. Sie könnten sich daran gewöhnen müssen.

Von Willy Zwerger
Der renommierte Journalist aus dem Manstein Verlag und Edelfeder des Handelsmagazins CASH schreibt nun auch regelmäßig auf Stammgast.Online zu aktuellen Themen, die unsere Branche bewegen. Durchaus kritisch, hoffentlich diskussionsanregend und immer mit einer großen Prise Humor versehen.
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