07.06.2021

Willys Gastro-Wochenrückblick: Ein Patientenschicksal

3 Euro 60 - das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Denn es sind exakt 3 Euro 60, die in den Spitälern der Stadt Wien pro Patient für drei Mahlzeiten zur Verfügung stehen!

Großküchenchefs sind diesbezüglich sehr oft der Verzweiflung nahe, welche jedoch bereits nach relativ kurzer Zeit einer gehörigen Portion Resignation weicht. Und das schmeckst du auch, wenn du in die sicher nicht gewollte Lage kommst, den „Genuss“ einer klassischen Spitalskost ausgesetzt zu sein.

Selbstverständlich bedingt dieser beinahe obszöne Betrag für drei Mahlzeiten für jeden Einkäufer eine kaum zu bewältigende Challenge, was ihnen in vielen Fällen ja durch diverse internationale Lebensmittelausschreibungen der Stadt Wien abgenommen werden, oft sogar in nicht vermuteter Bioqualität. Zwar nicht immer aus Österreich, aber immerhin. Und da kann es halt schon passieren, dass bulgarische Billigtiefkühlputen den Zuschlag bekommen und eben nicht heimische Bioware. Was aber andererseits bei einer Selbstversorgungsquote von knapp 50 Prozent auch nicht weiter verwundert.

Das nächste Problem ist der mexikanische Weichweizen, den das Gros der heimischen Bäcker für seine Massenware verwendet. Zum Turbogetreide im Laufe der letzten Jahrzehnte hochgezüchtet, gilt dieser Weizen momentan als billigster Füllstoff in der Lebensmittelproduktion überhaupt. Was sich logischerweise auch in den diversen Großküchen nicht nur der Wiener Spitäler widerspiegelt. Das Mehl dieser Weizensorte findet man praktisch in jeder aufgetischten Speise. Vom Frühstücksbrot angefangen über die Mittagssuppe, jedwede Beilagensauce und vielen Desserts bis hin zum ebenfalls zumeist mit Brot begleitetem Abendessen.

Auf Diabetiker und deren spezifische Kost wird eher selten Rücksicht genommen, frisches Gemüse oder Obst steht praktisch auf keinem Menüplan, sehr wohl hingegen wieder unser bereits angeprangertes Weißmehl. Und zwar in allen möglichen und unmöglichen Aggregatszuständen. Und: Du bekommst als Diabetiker anstatt Fleisch zum Gemüse eine doppelte Portion Serviettenknödel. Genau das, was dir vormittags die Diätberaterin rät, nicht zu essen, bekommst du dann mittags serviert. Inklusive völlig übersüßtem Fruchtcocktailkompott aus der Dose.

Fazit: Auf die Idee, Krankenhauskost als gesund zu bezeichnen, kommt ohnehin niemand, aber muss sie dermaßen wertlos und einem etwaigen Heilungsprozess kontraproduktiv entgegenwirkend sein? Wahrscheinlich geht‘s mit diesem Betrag von 3 Euro 60 nicht besser. Aber die Idee aufzustocken, hat auch irgendwie keine Chance. Weil auf der Prioritätenliste der Stadt Wien die Lebensmittelversorgung ihrer Rekonvaleszenten eben nicht ganz oben angesiedelt ist. Fast könnte man meinen, wir Patienten sind denen wurscht.

redaktion(at)hotelundtouristik.at

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