09.11.2020

Willys Gastro-Wochenrückblick: Verlorene Unschuld

Exakt drei Stunden hätten wir am verwichenen Allerseelentag den lauen Herbstabend in der Wiener Innenstadt noch genießen können. Dann kam alles anders ...

Exakt drei Stunden hätten wir am verwichenen Allerseelentag den lauen Herbstabend in der Wiener Innenstadt noch genießen können. Dann hätte der von der Regierung ab Dienstag Null Uhr ausgerufene Lockdown gegriffen, zu diesem Zeitpunkt sollten wir wie alle anderen Gäste wieder daheim sein, eine Stunde Heimreise sollte sich ausgehen, daher war in den meisten Lokalen um 23 Uhr Sperrstunde angedacht. Exakt drei Stunden wollten wir die Schanigärten noch genießen, das eine oder andere Pils zwitschern, am Pinot Noir nippen und die gebackenen Hühnerbruststreifen nicht nur den Magen füllen, sondern auch die Seele streicheln lassen. Exakt drei Stunden hätten wir noch unbeschwert lachen wollen, über Dancing Stars lästern und über Trump herziehen. Wir waren mitten drin im seit Jahren beliebten Wohlfühlnest einer der schönsten, lebenswertesten und sichersten Städte der Welt.

Doch urplötzlich, exakt um 20 Uhr, fielen Schüsse, wurden Notrufe an die Polizei abgesetzt, flüchteten wir von den Schanigärten ins Lokalinnere, blieben einige von uns blutüberströmt liegen. Die anfangs als verfrühte Silvesterkracher wahrgenommenen Knaller entpuppten sich alsbald als Schüsse aus dem Gewehr und einer Pistole eines IS-Terroristen, einem Österreicher mit mazedonischer Doppelstaatsbürgerschaft, den neun Minuten später zwei Wega-Beamte mit gezielten Schüssen niederstreckten.

Panik verbreitete sich genau so schnell wie Videos in den sozialen Netzen, in denen Verletzte und Tote, Mündungsfeuer und Polizeikommandos, Blaulicht-Einsatzfahrzeuge und abgesperrte, später dann menschenleere Straßen zu sehen und zu hören waren. Von einer Sekunde auf die andere hat Wien seine Unschuld verloren, wurde das Lachen erstickt und die Freude am Leben mit Füßen getreten. 

Vier tote Zufallsopfer, 23 Verletzte und unzählige traumatisierte Augen- und Ohrenzeugen ergeben eine erschreckende zählbare Bilanz. Doch die Narben in den Seelen der Dabeigewesenen werden genau so bleiben wie die sich immer wiederholenden Bilder, die einen einzigen Fanatiker zeigen, der auf der Suche nach dem Suizid by Cop so viele wie möglich mitnehmen wollte. Traurige Erkenntnis dabei: Besagter Allerseelentag war für dieses Vorhaben die für längere Zeit allerletzte Chance, denn hätte der uns allen so verhasste Lockdown mit dem Ausgehverbot zwischen 20 und 6 Uhr nur einen Tag früher gegriffen, wär das ganze Drama nie passiert.

By the way - ein großes Kompliment an die Berichterstattung darüber im ORF. Gerade in solchen Momenten wird der Unterschied zu vielen privaten Mitstreitern deutlich. Dafür zahle ich gerne meine Gebühren. Was ich jedoch nie und nimmer zugeben würde. Also zahlen schon, aber nicht gerne.

Von Willy Zwerger
Der renommierte Journalist aus dem Manstein Verlag und Edelfeder des Handelsmagazins CASH schreibt nun auch regelmäßig auf Stammgast.Online zu aktuellen Themen, die unsere Branche bewegen. Durchaus kritisch, hoffentlich diskussionsanregend und immer mit einer großen Prise Humor versehen.
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