23.11.2020

Willys Gastro-Wochenrückblick: Winterschlaf als Lösung?

Also ich find das lustig. Es darf zwar nirgends hingefahren, hingeflogen oder hingeschwommen werden, aber die Reisebüros müssen offen haben. Das ist ungefähr genau so wie wenn die Gastro offen haben müsste, es gibt aber nichts zu essen und zu trinken.

Also bin ich, immer nach feinen Überraschungen suchend, ins nächstgelegene Reisebüro rein, habe den verdutzten Blicken ob der Tatsache, dass da wirklich einer kommt um überraschenderweise doch was zu buchen, mit einem entwaffnenden Zurückblick getrotzt, der da in etwa ausdrucken sollte, na jetzt verblüff mich mal!

Und ja, ich lächelte freundlich, zog die Lefzen Richtung Ohren, jedoch perfekt verdeckt von meinem hellschwarzen Mund- und Nasenschutz. Welch Lippenspiel die - zumindest figürlich - recht anmutige junge Brünettine aufzog, konnte ich leider nicht erkennen, da auch sie als brave Anschober-Jüngerin ein fesches Stofffetzerl vorm Maul trug. Klassisch routiniert frug sie mich, was sie eventunnel für mich tun könne, in reisefreien Zeiten wie diesen. „Lassen Sie sich was einfallen!“ forderte ich sie heraus und fügte den Nebensatz hinzu „schließlich dürfen ja die Glücksspielbetriebe sehr wohl offen haben.“

Ich dachte da in etwa an eine Casino-Safari kreuz und quer durch unser wunderschönes, fast komplett zugesperrtes Land. Eventuell mit kleinen Ausflügen in ausgewählte Waffengeschäfte um einige Mitbringsel wie Handgranaterl oder feine Schlagringerl zu besorgen. Also, wenn sie nur ein bisserl Phantasie ihr Eigen nennen kann, ergäbe das sicher eine wunderbare Spritztour - auch feuerwerksmäßig in Richtung Silvester gedacht. Das darf dann ruhig auch ein wenig krachen, weil die Tiere sind das ja jetzt eh schon gewohnt, da ist der Österreicher ein ausgezeichneter Lehrmeister. Wir lassen halt so viel gerne die Vernunft daheim im Gefrierfach und lärmen im Freien als gelte es die Dezi-Bells in rumreiche Höhen zu treiben. Oder in glühweinreiche, je nachdem.

Um das betretene Schweigen, verbunden mit einem deutlich vernehmbaren, irgendwie nach dem gutturalen Schnaufen einer französischen Bulldogge, wer‘s kennt, erinnernd, nicht ins Unerträgliche abgleiten zu lassen, meinte ich: „Äh ... ich ... äh ... also, ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass sie mir etwas Kulinarisches im kleineren Rahmen zusammenstellen, so von Admiral zu Admiral. Sie wissen schon, Obstsalat und so ...“ Doch, ich liebe einarmige Banditen, auch wenn sie mir nicht applaudieren können, wenn ich gewinne. Und ich liebe das Klimpern der gewonnenen Token, wenn diese zuhauf ins dafür vorgesehene Auffangbecken droppen und darüber hinaus. Da bückt man sich gerne.

Nach einer wahrscheinlich wohlüberlegten und sicher nicht von Verblüffung ausgelöster Nachdenkpause - ich konnte das inhaltsreduzierte Zusammenklappen ihrer Synapsen förmlich spüren - schnappte meine Gegenüberin dermaßen tief nach Luft, sodaß sie ihren Mundschutz halb verschluckte, fing sich aber relativ schnell um mir folgendes Wording entgegenzuschleudern: „Da muss ich jetzt den Chef fragen, ich bin hier nur Aushilfe, weil alle anderen in Kurzarbeit sind.“ Jetzt begann mich natürlich zu interessieren, wo denn ihr Chef sei und frug sie dies auch. „Der Chef“, meinte sie etwas verlegen grinsend, „der Chef ist auf Urlaub. Der hat Home Schooling mit seinen vier Kindern.“

Uijegerl, dachte ich, der hats aber dann derzeit auch sehr fesch. „Hat er keine Frau?“ sprudelte es aus mir heraus. „Doch“, meinte sie, „aber die ist Volksschullehrerin und muss in der Schule sein. allerdings ohne Schüler, weil die sind ja daheim.“ So verkehrt ist sie also mittlerweile geworden unsere Welt, die einen Erwachsenen sind in der Schule, die Kinder daheim und die anderen Erwachsenen sind plötzlich Lehrer oder Heimarbeiter. Dafür müssen Kellner aktuell auf Krankenpfleger umsatteln und die Regierung überlegt wen man lobbymässig überzeugen muss um dem Volk einen kollektiven Winterschlaf zu verordnen. Nur zur Sicherheit.

Von Willy Zwerger
Der renommierte Journalist aus dem Manstein Verlag und Edelfeder des Handelsmagazins CASH schreibt nun auch regelmäßig auf Stammgast.Online zu aktuellen Themen, die unsere Branche bewegen. Durchaus kritisch, hoffentlich diskussionsanregend und immer mit einer großen Prise Humor versehen.
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