13.09.2021

"Wir müssen alle umdenken"

Die 40. Generalversammlung des ÖVT (Österreichischer Verein für Touristik) fand nach zweimaliger coronabedingter Verschiebung kürzlich im Andaz Vienna Am Belvedere statt. Phillies Ramberger wurde als Präsidentin bestätigt.

Alleine an der Verschiebung der Verschiebung der Generalversammlung des ÖVT wird das große von einem winzig kleinen Virus ausgelöste Dilemma deutlich, in dem sich die Tourismusbranche mit all ihren Sparten seit nunmehr schon mehr als 18 Monaten befindet und ums Überleben kämpft. Dass dieser Kampf vor allem für Österreichs touristischen Klein- und Mittelstand kein letales Ende nahm, ist einer taffen Frau zu verdanken, die von der „erzwungenen Interimspräsidentin“ zur starken und einstimmig gewählten ÖVT Frontfrau wurde.

Gemeinsam mit dem ÖRV und der WKO/Fachverband Reisebüros hat Phillies Ramberger nicht nur den Kampf für den Fortbestand der heimischen Reisebranche gewonnen, sie hat ihr vor allem ein Gesicht in der politischen Wahrnehmung gegeben.

„Service und Beratung kostet Geld“

Bekanntlich, so sagt man ja gerne, passiert im Leben nichts ohne Grund. Den tieferen Sinn hinter diesem globalen Wahnsinn, der das weltweite gesellschaftliche und wirtschaftliche Gefüge innerhalb weniger Monate gänzlich aus den Angeln gehoben hat, versuchen gerade ziemlich vife Köpfe zu ergründen. Die Bandbreite der Erklärungen ist dabei ebenso vielfältig, wie die Begründungen jener – und es sind leider noch sehr viele – die sich nach wie vor standhaft weigern, den schon sperrangelweit offenen und hell fluoreszierenden Exit mittels Spritze aus dieser ungesunden und unerträglichen Situation zu nehmen. Was die Pandemie nun weiter prolongiert und Reisen zeitnah (noch) nicht wirklich einfacher macht.

Und damit auch nicht die Arbeit der Reisebüros und Reiseveranstalter, die sich Sisyphus gleich, im Beratungs- und Buchungsprozess weiterhin durch ein schier grenzenloses Dickicht an unterschiedlichen länderspezifischen Reisebestimmungen kämpfen und dabei hoffen müssen, dass diese zum Reisezeitpunkt des Kunden auch noch gültig sind. Denn sonst heißt wieder: Zurück den Start und alles wieder von vorne. Dafür gibt’s grad wenig bis gar keinen Ertrag, eine Situation, die für Phillies Ramberger eine unhaltbare ist. Und so hält die im Rahmen der 40. Generalversammlung, die nach zweimaliger coronabedingter Verschiebung am 9. September im Andaz Vienna Am Belvedere und mit reger Beteiligung der Mitglieder endlich ganz in Echt stattfand, ihr erstes von mehreren leidenschaftlichen Plädoyers:

„Wir müssen alle umdenken und beginnen, unsere Chancen aus der Krise herauszuarbeiten. Ich weiß, das ist alles andere als einfach und der Kunde ist auch vergesslicher. Aber, er verlangt nach Beratung, also vermitteln wir dem Kunden klar, dass Service und Beratung Geld kostet. Im Restaurant regt sich niemand auf, wenn er fürs Couvert ein paar Euro bezahlen muss, die Beratungsgebühr in Reisebüros ist notwendig und gerechtfertigt. Fallen wir jetzt nicht, nur, weil die Decke dünn ist, zurück in alte Muster, sondern beginnen wir zu gestalten und zu verändern. Denn das Virus wird bleiben, staatliche Hilfsmaßnahmen jedoch werden enden.“

Klein, mittel, groß

Alle müssen an einem Strang ziehen, sagt Ramberger und dass das geht, zeigten gerade die Branchenvertretungen in den letzten Monaten. Die, als COVID-19 im März 2020 beschloss, länger bzw. für immer zu bleiben, vom Einzelkämpfermodus in den Mannschaftssport switchten und für die Branchen „gemeinsame“ Sache machten. Was Ramberger mit großem Stolz als Triumvirat beschreibt:

„Die Zusammenarbeit mit Josef ‚Joschi‘ Peterleithner (bis Mai 2021 ÖRV-Präsident) und Gregor Kadanka (Fachverbandsobmann Reisebüros in der WKO) war einfach nur sensationell und ist das Geheimnis für den Erfolg. Wir gehen den Weg auch unverändert weiter gemeinsam, nun mit Eva Buzzi als Präsident des ÖRV. Denn wenn es um die Interessen der Branche geht, stehen wir vom ÖVT, die Kollegen vom ÖRV und der WKO fest zusammen.“

Hier sei in Anlehnung an Rambergers Appell nach Gestalten und Verändern, ob der hervorragenden Zusammenarbeit über Verbandsgrenzen hinweg – wofür man das kleine Österreich übrigens bei den benachbarten Verbandsvertretern ein bisserl beneidet, weil man eben ordentlich was weitergebracht hat – die Frage angebracht, ob man denn nicht überhaupt in Richtung EINES starken Verbandes für Österreich ernsthaft nachdenken sollte? Geübt hätten die sich gut verstehenden Protagonisten ja schon erfolgreich …

Lob & Anerkennung

Apropos gute Zusammenarbeit, setzt Ramberger ihr Resümee mit dem über viele Monate harten Kampf um jeden Euro mit den politischen Vertretern fort:

„Auch, wenn es anfangs ein bisserl zäh war und viel Aufklärungsarbeit über die große Komplexität der Reisebranche zu leisten war – ich war wirklich lästig und unangenehm - muss man den Teams in den zuständigen Ministerien und hier vor allem dem BMF großes Lob aussprechen. Wir brauchen uns nichts vormachen, die Reisebranche zählt nicht unbedingt zum größten Wirtschaftszweig des Landes, wurde aber als solcher wahrgenommen. Ich arbeite nun schon seit eineinhalb Jahren mit dem Kabinett der Tourismusministerin Elisabeth Köstinger und dem Kabinett des Finanzministers Gernot Blümel zusammen, man ist uns immer auf Augenhöhe begegnet, die Kommunikation kannte kein Wochenende und keine Nachtstunden, das war wirklich unglaublich. Ja wir wurden, nachdem man uns zu Beginn der Pandemie vergaß – und werden weiterhin gehört. Das muss auch einmal öffentlich gesagt werden: Es wurde rasch und effizient geholfen, die Unterstützung und Hilfsmaßnahmen gerade für EPUs und KMUs sind wie die Zusammenarbeit erstklassig.“

Eigentlich hätte spätestens hier anerkennender Applaus der großen ÖVT Familie – als die man sich ja gerne bezeichnet – und auch mehr als nur ein offen ausgesprochenes „Danke!“ eines Mitglieds einsetzen müssen. Denn bei allem Verständnis für wirtschaftlichen Druck und damit verbundenen Existenzängsten, auch Phillies Ramberger ist Unternehmerin und Arbeitgeberin und muss selbst massive Umsatzeinbußen aufgrund der Reiseunwägbarkeiten mit ihrer Pur Touristik verkraften. Den Job als ÖVT Präsidentin, in den sie interimistisch „hineingestolpert“ ist, weil ihr Vorgänger Helmut Hirner – der den ÖVT-Mitgliedern übrigens im digitalen Bereich jetzt kostengünstig Unterstützung anbietet – während der Krise sein Amt aus privaten Gründen niederlegte, alleine nur als herausfordernd zu bezeichnen, trifft es wohl nicht einmal im Ansatz.

Der ÖVT und die heimische Reisebranche können sich glücklich schätzen – und sollten auch der „Mutter des ÖVT“, Langzeit-Generalsekretärin Sylvia Marek, für ihre Hartnäckigkeit dankbar sein, die Ramberger mit den Worten „das machst Du jetzt“ gar keine andere Wahl ließ – dieses Heißblut, das sich selten bis nie an Konvention hält und vor der selbst die Emiratis respektvoll die Ghutra neigen, als Frontfrau zu haben. Denn hätte sie’s nicht gemacht, wäre man heute mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dort, wo man aktuell steht und hätte wohl auch nicht diese Wahrnehmung auf politischer Ebene für EINE REISEBRANCHE in Österreich erreicht.

Auch sonst wird’s nicht langweilig

Mit der Margensteuer und der schon drängenden Lösung nach einer Insolvenzabsicherung hat es die Reisebranche in Coronazeiten noch mit anderen „lästigen“ Themen zu tun. Bei der Margensteuer, die mit 1. Jänner 2022 im neuen System umgesetzt werden muss, kam es, so Ramberger, dank des massiven Einsatzes von Gregor Kadanka zu einer Paketlösung. Positiv ist hier, dass MICE und Einzelleistungen nicht margensteuerpflichtig sind und so man keinen Ist-DB hat, darf mit einem Soll-DB kalkuliert werden, was zum Jahresende korrigiert werden kann. Hierzu soll in den nächsten Tagen vom Fachverband eine entsprechende Aussendung erfolgen.

Anders bei der Insolvenzabsicherung, hier brennt ein „bisserl“ der Hut, sollte man doch bis Jahresende zu einer leb- und leistbaren Lösung finden. Diese wird aber wegen vielen offenen juristischen Fragen verzögert, aber, so Ramberger: „Wir haben einen Plan B, Verhandlungen sind im Laufen, auch eine Verlängerung des ÖHT-Modells ist möglich.“

ÖVT Nachwuchs-Initiative

Ein Thema, das sich der frisch gewählte Vorstand groß auf die Fahnen schreibt, ist das Mitarbeiter- und Nachwuchsthema in den Reisebüros. Es fehle, wie andernorts im Tourismus auch, an allen Ecken und Enden, Mitarbeiter zu finden, ist fast schon ein Glücksfall, sagt Markus Martinek:

„Wir haben in unserem Unternehmen Sato Tours Mitarbeiter gesucht, gerade mal drei Bewerbungen erhalten, die aber leider alle nicht entsprochen haben. In meinen Vorträgen in Tourismusschulen stelle ich immer wieder fest, dass die jungen Menschen ein gänzlich falsches Bild von der Reisebürotätigkeit haben und nicht wissen, wie bunt und vielfältig der Beruf des Reiseberaters in Wirklichkeit ist. Genau hier müssen wir ansetzen. Wir werden in die Tourismusschulen und an die Unis gehen und Aufklärungsarbeit über das breite Spektrum leisten. Die Hotellerie ist uns hier meilenweit voraus, wenn wir jetzt nicht aktiv werden, haben wir ein bis zwei Jahren ein massives Nachwuchsproblem. Wir bieten in diesem Bereich unsere Hilfestellung gerne an. Weil wir uns nicht kleiner machen dürfen, als wir sind.“

Bleibt also „nur noch“ das Problem mit der Impfung, an der letztlich die Zukunft hängt und es wäre nicht Phillies Ramberger, hätte sie nicht auch dazu ein passendes Schlusswort. Obwohl, mit einer hundertprozentigen Durchimpfungsquote der Teilnehmer gab die ÖVT-Generalversammlung die einzig richtige Antwort, denn:

„Wir Touristiker müssen das große Ganze sehen, wir leben von diesem Geschäft. Die Regierung sollte für das Thema mit entsprechenden Kampagnen sensibilisieren, damit wir uns alle endgültig von dieser Corona-Fessel befreien können.“

Der ÖVT Vorstand für die Funktionsperiode 2021 – 2024

  • Phillies Ramberger, Präsidentin
  • Sylvia Marek, Stellvertreterin & Generalsekretärin
  • Heidi Kopenits, Schriftführerin
  • Sabine Riedl, Kassierin
  • Markus Martinek, MA, Schriftführer-Stellvertreter

Informationen unter www.oevt.eu

(Von Brigitte Charwat)

Branchen-News, die Sie wirklich brauchen!

Partner

Mediadaten