15.03.2022

Wir müssen rudern

Die Städte warten auf den touristischen Frühling, die Saat dafür ist gelegt. Norbert Kettner, Direktor des WienTourismus, über Krieg, Globalisierung, Zivilisation und warum es Wien zurück zu alter touristischer Blüte schafft.

In der Pandemie blutete das Touristikerherz; nun der Krieg in der Ukraine, der zum Weinen ist. Wie nahe geht Ihnen das Geschehen?
Norbert Kettner: Der Angriff auf einen souveränen Staat hat gezeigt, dass wir zivilisatorische Errungenschaften nicht als gegeben nehmen dürfen, Menschenrechte keine Selbstverständlichkeit sind. Zivilisation ist wie Rudern gegen den Strom – wir dürfen nicht aufhören zu rudern, sonst fallen wir zurück. 

Die große Hoffnung der Globalisierung ist das nahe Zusammenrücken der Weltgemeinschaft – was sie auch tut. Dass solche Konflikte unwahrscheinlicher werden, ist aber leider ein großer Trugschluss?
Die kommunizierenden Gefäße sind außer Takt geraten. Ich war und bin immer pro Globalisierung, weil letztendlich die positiven Seiten überwiegen. Aber es liegen darin auch Exzesse. Ein Thema, dass uns auch im Tourismus in den nächsten Jahren beschäftigen wird, ist das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Im Spruch, dass in der globalisierten Welt die Reichen sich globalisieren und die Armen den Preis dafür zahlen, steckt Wahrheit. Wir alle werden in Zukunft hoffentlich genauer hinschauen.

Mit Blick auf die nackten Zahlen: Gäste aus der Ukraine sorgten im Jänner für die drittmeisten Nächtigungen in Wien, noch 2019 gab es rund 500.000 Gästenächtigungen von Russen. Welche Entwicklung erwarten Sie von den Märkten mittelfristig?
Bei Russland lag das All Time High bei über 700.000 Nächtigungen im Jahr 2013. Nach den ersten Sanktionen nach dem Krim-Konflikt hatte sich das Niveau auf einem niedrigeren Level eingependelt. Bei der Ukraine war es immer ein Auf und Ab, wobei das Ergebnis im Jänner eine Ausnahmeerscheinung – zum einen aufgrund der orthodoxen Weihnachten im Jänner, zum anderen dem pandemiebedingten Ausbleiben traditionell starker Märkte – war. Wo mir wirklich die Fantasie fehlt: Natürlich kann es momentan keine Aktivitäten in und mit Russland geben, aber dass ein so großes und nahes Land touristisch keine Rolle mehr spielen könnte, kann ich mir nicht vorstellen. Scheinbar müssen wir uns aber daran gewöhnen. 

Das sind trübe Aussichten für den Städtetourismus?
Tourismus ist immer das Spiegelbild von globalen Entwicklungen. Der Städtetourismus hat immer wenig gejammert, weil er stets viel unmittelbarer mit der globalen Gemengelage zu tun hatte. Die Energie war immer faktengetrieben. Vielleicht hätte man mehr poltern müssen. Ich bezweifle das aber, denn das ist eine Kulturfrage, da funktioniert die Stadt anders. Offenkundig sind wir anders, da nehme ich mich nicht aus.


„Ich finde das eine gute Prämisse, nicht immer andere schuldig werden zu lassen für eigene Versäumnisse.“ 


Anders sein ist ja auch etwas Gutes.
Wir in Wien haben im österreichischen Tourismus immer unsere Hausaufgaben erledigt. Ich finde das eine gute Prämisse, nicht immer andere schuldig werden zu lassen für eigene Versäumnisse. 

Kommen die Amerikaner genauso stark zurück?
Das wissen wir noch nicht, obwohl die Aussichten für 2022 gut waren. Früher lautete die Rechnung so: Irgendwo in Europa tritt ein Konflikt auf, die Amerikaner bleiben aus. Das kann uns wieder passieren oder es tritt das ein, was beim Thema Terrorismus zu beobachten war. Und das ist zynisch: Bei Terroranschlägen in Europa brach früher das Geschäft für sechs bis neun Monate weg. Zuletzt gab es einen Gewöhnungseffekt und es war nur mehr ein Monat. 

Ein Blick zum Flughafen, dort gibt es wieder einen Preiskampf, Tickets werden um unter zehn Euro verscherbelt. Einerseits ist das gut für die Frequenz, aber so richtig wohl kann einem dabei als Touristiker nicht sein? 
So viele billige Tickets gibt es nicht, da steckt viel Marketing drinnen, aber das berühmte 9-Euro-Ticket ist weder ökologisch noch ökonomisch noch sozial nachhaltig. Momentan, das sage ich Ihnen ganz offen, sind wir für jede Frequenz dankbar; da soll man nicht päpstlicher sein als der Papst. Mittelfristig ist Wien-Schwechat, und das sieht auch der Flughafen so, kein Low Cost Airport.

Die Stadt ist keine Insel, sie strahlt in ihr Umfeld. Wollen Sie die Zusammenarbeit mit Niederösterreich intensivieren?
Sie muss verstärkt werden. Wir stehen mit Michael Duscher (Anm.: Geschäftsführer Niederösterreich-Werbung) in einem sehr guten Austausch. Es gibt ein paar sehr konkrete gemeinsame Interessen wie die Entwicklung des Flughafens. Kein Gast, der in Schwechat landet, weiß, in welchem Bundesland er landet oder wann er über die Landesgrenze fährt. Den Kantönligeist kann man nicht aufrechterhalten.

Was aus der Visitor Economy Strategie 2025 ist wichtiger geworden? Quantitative Ziele haben sich verschoben, aber welche Qualitäten stehen im Fokus?
Bei den quantitativen Zielen ist der neue Richtwert das Jahr des letzten Tourismus-Satellitenkontos, also 2018. Diese Werte dokumentieren für uns eine Art Normalzustand. Bei den qualitativen Zielen gibt es keine große Änderung: Weiterhin sind die Zufriedenheit der lokalen Bevölkerung mit dem Tourismus und das Thema Nachhaltigkeit Strategie-Ziele. 


„Es geht um die europäische Stadt, alle Partner sind begeistert mit dabei. Das hat es so noch nicht gegeben.“ 


Wie und wo wirbt WienTourismus heuer?
Wir arbeiten gerade an einer digitalen Kampagnen, die wir ab April in Europa und den USA ausspielen. Wir haben während der Pandemie gelernt, wie wir Kampagnen flexibel und auf Knopfdruck starten und stoppen können. Und wir arbeiten an einer großen Kampagne für den Frühsommer, mit der wir europaweit Impact auslösen wollen. Es geht um die europäische Stadt, alle Partner sind begeistert mit dabei. Das hat es so noch nicht gegeben. 

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für heuer?
Dass wir den Pfad der Normalisierung weitergehen und mit besonders vielen Gästen aus dem Ausland die Stadt feiern können. Dass wir Rahmenbedingungen haben, mit denen wir gut arbeiten können. Wir wollen raus aus dem Trockendock, denn wir rudern seit zwei Jahren auf der Galeere, kommen jedoch nur wenige Meter weiter. Und Frieden natürlich.  

Danke für das Gespräch.
 

Mehr darüber, was Norbert Kettner zur Entwicklung der Stadt zu sagen hat, lesen Sie in der kommenden Ausgabe von hotel & touristik essenz!

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